Herr Rohner, die ganze Medienbranche jammert. Sind Sie auch so pessimistisch?
Unsere digitalen Aktivitäten wachsen zweistellig; ebenso der Online-Umsatz von Search & Find. Dazu gibt es zurzeit viele interessante Investitionsmöglichkeiten. So gesehen haben wir keine Zeit zu verlieren mit Jammern.
Was heisst das konkret für 2010?
Im Printbereich findet eine Stagnation zu Beginn von 2010 statt. Die Stelleninserate dürften im Verlaufe des Jahres die Trendwende schaffen. Die digitalen Medien und das Online sind generell weiter im Vormarsch.
Sie selbst liessen vor wenigen Jahren an einer Dreikönigstagung durchschimmern, dass Sie nicht mehr so richtig an den Print glauben.
So direkt habe ich das sicherlich nicht ausdrücken wollen.
War dies also nur Provokation?
Ich provoziere gerne. Ich wollte mit dieser Aussage ausdrücken, dass sich für jeden Content- Hersteller die Frage stellt, wie er sein Angebot auf möglichst vielen Distributionskanälen gleichzeitig oder zeitlich nacheinander gelagert verkaufen, transportieren und anbieten kann. Mit anderen Worten: Papier ist mittlerweile ein Distributionskanal unter vielen. Zwar wird der Print auch in Zukunft eine wichtige Rolle spielen, nur lässt sich damit alleine in Zukunft kaum mehr Geld verdienen. Deswegen musste die PubliGroupe in den letzten Jahren auch eine schmerzhafte Strategieänderung vornehmen.
Apple will einen neuen E-Reader auf den Markt bringen, was dazu führt, dass man damit auch Zeitungen und Zeitschriften in digitaler Form herunterladen kann?
Für die jüngeren Konsumenten stellt sich diese Frage nicht so absolut. Vielmehr entscheiden sie situativ, welches Medium in welcher Lebenssituation am besten geeignet ist. Ich glaube, dass in fünf bis zehn Jahren die Menschen sämtliche medialen Möglichkeiten nutzen werden, die ihnen zur Verfügung stehen. Bereits die nächste und übernächste Generation wird diesbezüglich flexibler sein als wir. Darauf müssen wir uns als Vermarkter einstellen, sofern wir überleben wollen.
Trotzdem scheint sich die PubliGroupe wieder stärker auf den Print zu konzentrieren.
Das stimmt nicht. Als ich im Juli 2002 CEO wurde, beschäftigte die PubliGroupe rund 3000 Mitarbeiter. Davon hatten 90 Prozent direkt mit Printmedien zu tun, während sich lediglich 300 Leute mit den neuen Medien beschäftigten. Heute sind 1200 Mitarbeiter in der Printvermarktung tätig, und 1500 engagieren sich um den Bereich Digital und Elektronik. Fakt ist, dass der ganze Umbruch in unserem Haus tiefe Spuren hinterlassen hat. Wir mussten unsere Firma von Grund auf neu ausrichten, wodurch wir einer völlig veränderten Marktsituation gegenüberstehen.
Wie viele Stellen musste Publicitas abbauen?
Als Robert Schmidli 2008 die Führung übernommen hatte, musste er aus der Publicitas eine neue Vermarktungsfirma machen. Inzwischen beschäftigen wir über 700 Mitarbeiter weniger als noch vor zwei Jahren. Doch dies widerspiegelt die Situation der Printbranche generell.
Ziehen Sie weitere Kündigungen in Betracht?
Wir gehen davon aus, dass der aus rein wirtschaftlichen Gründen erforderliche Abbau zu einem überwiegenden Teil abgeschlossen ist. Im Bereich Informatik und Prozesse stehen wir allgemein vor weiteren grossen Veränderungen.
Viele langjährige Publicitas-Mitarbeiter haben zur Konkurrenz gewechselt. Spüren Sie diesen Verlust?
Langfristig gesehen entspricht unsere Fluktuationsrate dem branchenüblichen Schnitt. Viele Jahre hatten wir zu wenig Wechsel, zuletzt zu viele. Das hat in einzelnen Bereichen zugegebenermassen zu empfindlichen Knowhow- Verlusten geführt. Aber seit einigen Monaten hat sich die Lage wieder stabilisiert.
Grosse Verlage wie die Mittelland-Zeitung oder Edipresse haben im vergangenen Jahr ihren Vertrag mit der Publicitas gekündigt. Was bedeutet das für Sie?
Die Publicitas war lange Zeit die "Mutter Teresa der Branche", auf der man bei Bedarf auch herumprügeln konnte. Das hat sich geändert. Es ist unbestritten, dass der Werbekuchen in den letzten zwei Jahren markant kleiner geworden ist. Gleichzeitig hat die Anzahl Marktteilnehmer erheblich zugenommen, was zu einer partiellen Preiserosion führte. Entsprechend ist es für einen Universalvermittler wie Publicitas schwierig geworden, für alle tätig zu sein. Wir wollen neu nur noch für jene Medienpartner Verkäufe tätigen, welche auch bereit sind, unsere Dienstleistungen anständig zu honorieren.
War das früher nicht der Fall?
Die Publicitas hat ihr Geschäftsmodell insofern geändert, als sie keinerlei Mischrechnungen mehr macht. Früher handelten wir nach der Devise: "Kein Problem, diese Aufgabe übernehmen wir auch noch nebenbei." Wir betreiben auch Branchendienstleistungen, zum Beispiel Datenbanken und Forschungen. Diese werden wir künftig klar wie ein kommerzielles Unternehmen selektiv einsetzen, indem wir sie unseren Kunden zur Verfügung stellen, und andere, die davon nur profitieren, aber ansonsten mit uns nichts zu tun haben wollen, müssen sich anders organisieren.
Die Medienlandschaft zwischen Rorschach und Genf befindet sich heute weitgehend in den Händen von Tamedia. Was bedeutet das für Sie?
Das bedeutet, dass die Publicitas nicht mehr für die ganze Branche tätig ist, sondern nur für ausgewählte Partner. Andererseits haben wir, was nicht alle erwartet haben, den Vertrag mit der NZZ-Gruppe langfristig verlängert. Das Gleiche gilt für Le Nouvelliste, La Liberté, Corriere del Ticino und La Regione. Es gibt auch bereits Verlage, die an unsere Türe klopfen und darüber diskutieren wollen, ob wir nicht die Zusammenarbeit wieder intensivieren könnten. Nicht alle Verlage, welche die Zusammenarbeit mit uns gekündigt haben, sind auch erfolgreich.
Welche Auswirkungen hat aber die Vormachtstellung der Tamedia auf die Preispolitik des Inseratenmarktes?
Es gibt in der Schweiz immer noch sehr viele Regionen, die nicht von der Tamedia beherrscht werden, ich denke dabei an Basel, Freiburg, Solothurn oder Aargau. Gratiszeitungen und internetbasierte Werbeund Marketingangebote üben zudem einen erheblichen Druck auf die Preisgefüge aus. Die Publicitas verkauft ihre Inserate zu den von ihren Verlagspartnern festgelegten Preispolicen. Im Fall der NZZ-Gruppe ist es so, dass diese eine absolut transparente Festpreispolitik verfolgt. Dies bedeutet, dass Preise, die im Vorfeld vom Verlag festgelegt worden sind, unter den gleichen Voraussetzungen für alle Inserenten gelten. Diese Politik setzen wir mit aller Konsequenz im Markt um.
Ist dies angesichts der schwierigen Situation überhaupt realisierbar?
Es ist eine neue Entwicklung. Wenn man die Mediafocus-Zahlen anschaut und diese mit den effektiven Einnahmen vergleicht, realisiert man erst, wie massiv die Brutto-Netto- Schere auseinandergeht. Hier muss man auf die Bremse drücken, insbesondere im Bereich der elektronischen Medien.
(Interview: Matthias Ackeret)
Das vollständige Interview können Sie in der Februar-Ausgabe von "persoenlich" lesen.

