Herr Behr*, geht es der Schweizer Wirtschaft schlechter oder besser als vor zehn Jahren?
Die Binnenwirtschaft hat sich von der Aussenwirtschaft völlig abgekoppelt. Viele «Gewerbler» scheinen vergessen zu haben, dass auch sie am Ende von der Exportwirtschaft abhängig sind. Das zeigt sich nicht nur im Detailhandel, sondern auch bei vielen Handwerkern, wo teilweise abstruse Preisvorstellungen herrschen. Die Schweiz ist zu einer Preisinsel geworden, und diese Situation wird durch die Unterbindung von Parallelimporten verstärkt. Ausländische Grosskonzerne nutzen diese Situation zum Teil skrupellos aus, indem sie ihre Produkte in der Schweiz massiv teurer verkaufen als im Ausland. Grössere Firmen können diese untragbare Situation, die eine Art Monopolrente für Importeure ermöglicht, umgehen, indem sie die benötigten Produkte durch ihre Auslandfirmen einkaufen lassen. Kleinere Unternehmen haben diese Möglichkeit nicht.
Und wie beurteilen Sie die Situation als Unternehmer?
In den vergangenen zwanzig Jahren haben einzelne Exponenten der Schweizer Wirtschaft verantwortungslos agiert. Das Resultat sind einige wirtschaftsfeindliche Initiativen. Viele fanden es zudem erstrebenswert, Firmen ins Ausland zu verscherbeln. Die Flaggschiffe waren zum Glück für eine Übernahme zu gross, andere hätte man aber ebenso gut unter Schweizer Führung halten können. Doch nun hat eine Bewusstseinsänderung stattgefunden. Ich möchte nicht jammern, aber auch ich wurde zweimal daran gehindert, ein Schweizer Unternehmen zu übernehmen. Stattdessen wurde die Firma ins Ausland verhökert.
Sie sprechen wohl von der Firma Sia Abrasives in Frauenfeld, einem der weltweit führenden Anbieter von Schleifsystemen, die Sie vor zehn Jahren kaufen wollten.
Nicht nur – aber offenbar hatte ich als Schweizer Unternehmer keine Chance. Jene, die gegen mich agierten, unterstellten mir Stellenabbau und sprachen davon, mit dem Verkauf ins Ausland habe sich ein Wunschtraum erfüllt. Schon bald aber wurde ein grosser Teil der Produktion in Frauenfeld abgebaut, und Hunderte von Arbeitsplätzen gingen verloren… Aber dies ist nur einer von vielen Fällen. Auch bei der SIG wurden ohne Not ausländische Käufer bevorzugt.
Woran liegt das? Ist es Neid, oder gibt es andere Motive?
Es gibt in der Schweiz viel zu wenige Unternehmerfamilien wie die Michels, Blochers, Hayeks oder Spuhlers. Gleichzeitig engagiert man für die Verwaltungsräte fast schon krampfhaft Ausländer, obwohl es in der Schweiz viele fähige und talentierte Persönlichkeiten gäbe. Diese ziehen dann andere Ausländer nach. So kommt eine andere «Bonuskultur» ins Land, und das Verständnis für unsere Berufsbildung schwindet.
Ist dies denn wirklich ein Problem?
Ich habe überhaupt nichts gegen Ausländer, im Gegenteil, aber der Mix muss stimmen. In Konzernen gibt es oft Seilschaften, die teilweise historisch bedingt, wie bei der heutigen ABB, stark durch Nationalitäten geprägt sind – im genannten Beispiel dann eben schwedische, deutsche oder amerikanische Seilschaften. Die Einzigen, die keine bilden, sind die Schweizer… Denen geht es wohl primär um die Sache.
Wie könnte der Staat die Übernahme von Schweizer Unternehmen durch ausländische Firmen – namentlich chinesische – verhindern?
Man müsste endlich vernünftige Industriepolitik machen. Aber kaum tönt man dies an, wird man von urliberaler Seite als Etatist kritisiert. Und dies bin ich weiss Gott nicht. Man sollte die Übernahme von Firmen, deren Produkte oder Dienstleistungen von nationalem Interesse sind, oder solche, die Gefahr laufen, von einem abstrusen Gebilde aufgekauft zu werden, wie jüngst ja mehrfach geschehen, unter Genehmigungspflicht stellen. Gleichzeitig sollte man den Verkauf von Schweizer Firmen an ausländische Unternehmen nur dann zulassen, wenn das betreffende Land Gegenrecht hält und auch den Kauf seiner Unternehmen zulässt. Aber dies ist in vielen Staaten nicht der Fall. Ich habe selber schon – in Europa – solche Fälle erlebt. Multinationalismus ist in Ordnung, sofern sich alle daran halten. Oftmals sind die Schweizer aber die Einzigen, die es am Ende auch machen. Ich war lange genug Schweizer Vertreter bei der Uno und der OECD und weiss, wie es in der Realität aussieht.
Aber Wirtschaftsminister Schneider-Ammann hat die Erhaltung von Arbeitsplätzen als wichtiges Ziel formuliert…
Das möchte ich auch. Wer aber die Wirtschaft kennt, der weiss, dass in der Nähe des Hauptsitzes selten Leute entlassen werden. Jetzt kann man dreimal raten, was passiert, wenn sich der Hauptsitz einer Firma in China oder in Paris befindet. Zu oft haben wir erlebt, dass ausländische Konzerne in ihrem Heimatland niemand entlassen, dafür – auch wenn sachlich nicht richtig – in «weit entfernten» Betriebsstätten, beispielsweise in der Schweiz, und das nicht nur, weil es bei uns aufgrund der Rechtslage eher möglich ist.
Sie sind an unzähligen Orten engagiert. Aber schlussendlich stellt sich die Frage:
Was ist eigentlich Ihr Antrieb?
Da ich eher in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen bin, ist Geld sicherlich nicht meine Triebfeder. Ich will einfach das, was ich mache, richtig machen. Und das gilt für alle Bereiche. Aber ich lebe auch gerne. Ich habe beispielsweise nie an einem Wochenende gearbeitet und mir viel Zeit – auch Ferien – mit der Familie genommen. Einer unserer Söhne sagte in einem Interview einmal: Wenn es schon früher den Begriff Work-Life-Balance gegeben hätte, mein Vater hätte ihn als Erster perfekt umgesetzt. Ich habe immer vieles gerne gemacht: Eintönigkeit war nie mein Ding!
Giorgio Behr ist ehemaliger HSG-Professor, Gründer und Verwaltungsratspräsident der Behr Bircher Cellpack BBC, Aufsichtsratsvorsitzender des zweitgrössten Autozulieferers der Welt und Präsident des Handballclubs Kadetten Schaffhausen.
Das ausführliche Interview mit Giorgio Behr lesen Sie in der aktuellen «persönlich»-Ausgabe.


