Peter Bodenmann urteilt heute im Blick: "Ruth Metzler und ihre Berater sind kein Politiker." Beruht Ihr Wechsel in die Wirtschaft auf dieser Einsicht?
(lacht) Nein. Wissen Sie, Herr Bodenmann muss jeden Tag etwas in Blick schreiben. Da kann ja auch nicht jeden Tag etwas Gescheites herauskommen. Zumal genau das Gegenteil der Fall ist: Während den Metzler-Jahren hat das EJPD alle vierzehn Volksabstimmungen gewonnen, darunter auch harte Brocken wie Asylinitiative oder Fristenlösung. Zeugt das etwa von zu wenig politischem Gefühl?
Nach Jahren in Stabsfunktionen bei EJPD und davor Swissair übernehmen Sie nun operative Verantwortung. Wieso trauen Sie sich das zu?
Wenn man erst in der PR-Abteilung eines Finanzdienstleisters geleitet hat und danach allein ein Jahr lang für die Swissair als Verantwortlicher in Halifax und darauf noch für eine Bundesrätin tätig war, bringt man einen gut gefüllten Rucksack für einen anspruchsvollen Job mit einer grossen Verantwortung mit. Zumal meine Aufgabe in Halifax weit mehr war als eine Stabsstelle, sie war Krisenmanagement vom Anspruchsvollsten.
Was tut ein "Leiter Reputation Management"?
Wirz Corporate bietet bereits heute erfolgreich Brand Identity, Publishing und PR-Dienstleistungen an. Bei meiner neuen Funktion geht es denn auch nicht hierum, sondern vor allem um die kommunikative Beratung von CEOs und deren Gesellschaften. Ausserdem möchten wir die Bereiche "Finanzkommunikation", "Politkommunikation" und "Krisenkommunikation" aufbauen. Für letztere bin ich dank meinen Erfahrungen mit "Halifax", Crossair und Swissair-Grounding bestens gerüstet. Diese Kompetenz wird in der Schweiz mehr denn je gebraucht, denn viele Unternehmen sind schlecht für Krisen gerüstet.
Bei der Politkommunikation wiederum stelle ich gegenwärtig eine signifikante Änderung im Kommunikationsverhalten fest. Es weht ein rauher Wind und ein Kampf um die besten Plätze in den Medien. Hier halte ich den richtigen Zeitpunkt für gekommen, um die politische Kommunikation in der Schweiz zu professionalisieren. Wir wollen für Bund, Kantone und auch weitere Interessengruppen, wie z.B. Parteien oder einzelne Politiker, Kampagnen konzipieren, mit den sie ihre Abstimmungen und Wahlen auch gewinnen können. Beispiel: das neue Fussball-Stadion in Zürich. Da fehlte bis jetzt eine intelligente Informationskampagne der Bauherren.
Damit dürften Sie den klassischen PR-Firmen ins Gehege kommen.
Das kann schon sein. Wirz Corporate bietet in der Tat auch ein sehr starkes Package im Bereich der Corporate Communication an. In meinem zukünftigen Bereich fokussieren wir uns neu auf CEO-Beratungen, Finanz-, Polit- und Krisenkommunikation, also auf jene Bereiche, in denen mit dem entsprechendem Knowhow einiges zu machen ist.
Ihr persönliches Spezialgebiet ist die Krisenkommunikation. Sind Krisen Ihre Leidenschaft?
Es sieht leider fast so aus (lacht). Eine Krise ist für die Betroffenen immer ganz schlimm. Kommunikativ ist sie aber etwas vom Herausforderndsten und Anspruchsvollsten und wohl auch etwas vom Interessantesten für ein Kommunikationsspezialisten. Solche schwierigen Situationen liebe ich tatsächlich. Krisen gehören zum Leben, und erst die Erfahrung wappnet einen für eine gute Bewältigung.
Demnach freuen Sie sich schon auf die nächste Krise?
Nein, aber ich freue mich zu helfen und die Leute darauf vorzubereiten, damit auch sie gewappnet sind für den schwierigsten aller Fälle.
Gut ein halbes Jahr nach Ihrer letzten Krise, nämlich Ruth Metzlers Abwahl: Was hätten sie als Kommunikationschef besser machen müssen?
Das ist schwierig zu sagen. Als Krise im eigentlichen Sinn würde ich die Abwahl jedenfalls nicht bezeichnen, vielmehr als Gewitter über der Politlandschaft. Was passiert ist, hatte auch nur zu einem ganz kleinen Prozentsatz mit Kommunikation zu tun. Vielmehr entstand durch die neue Parlamentszusammensetzung eine Konstellation mit neuen, schwierigen Rahmenbedingungen. -- Davon werden mittelfristig übrigens auch andere betroffen sein.
Ihre frühere Vorgesetzte Ruth Metzer stellt am heutigen Mittwoch Ihr Buch vor. Dieses hat schon im Vorfeld viel zu Reden gegeben. Wie stark waren Sie selber bei diesem Buch involviert?
Ich habe es im Vorfeld gelesen und finde es ein ausgezeichnetes und spannendes Buch. Geschrieben hat es Frau Metzler selbst.
Wie beurteilen Sie als Kommunikationsprofi die Lage: Wird der Rummel um "Grissini und Alpenbitter" Frau Metzler nützen oder schaden?
Interessante Frage. Das hat mich so noch niemand gefragt. Man muss das Ganze langfristig sehen. Viele Exponenten in Bern sind nervös geworden, weil sie eine Abrechnung befürchteten. Wenn man das Buch aber liest, findet man äusserst spannende Geschichten aus ihrer gesamten Amtszeit, die auch noch in einigen Jahren ihre politische Bedeutung haben werden. Von Abrechnung keine Spur. So denke ich, dass ihr das Buch bereits mittelfristig nützen wird; ganz abgesehen vom bereits phänomenalen Verkaufserfolg.
Sie scheinen einer klaren Antwort auszuweichen.
Finden Sie?
Ja.
Die Stimmung am heutigen Tag wird von Leuten erzeugt, denen man auf die Zehen gestanden ist. Die sagen jetzt alle laut "aua". Doch warten wir erst einmal ab. Ein Buch muss immer mittel- und langfristig betrachetet werden...
Auch Sie selber hegten ein Buchprojekt über die Vorgänge um den 10. Dezember 2003. Wieviel Zeit werden Sie bei Wirz dafür haben?
Ich glaube nicht, dass noch jemand auf ein Klaus-Buch wartet (lacht). Das Buch meiner ehemaligen Chefin kann ich ohnehin nicht übertreffen. Deshalb schreibe ich weiter an meinem Heimatroman aus der Innerschweiz (Augenzwinkern).

