27.11.2008

"Ich warte darauf, dass der Einfluss der Finanzkrise endlich zu uns herüberschwappt"

Reinhold Würth ist die Verkörperung des deutschen Wirtschaftswunders. 1949 trat er als zweiter Mitarbeiter in die väterliche Schraubengrosshandlung ein, fünf Jahre später übernahm er die Geschäftsleitung. Aus dem regionalen Handelsunternehmen in Künzelsau entstand die Würth-Gruppe mit 420 marktaktiven Gesellschaften in 86 Ländern und einem Jahresumsatz von 8,5 Milliarden Euro. "persönlich" sprach mit Reinhold Würth über die Wirtschaftskrise und über seine besondere Beziehung zur Schweiz. Das Interview:
"Ich warte darauf, dass der Einfluss der Finanzkrise endlich zu uns herüberschwappt"

Herr Würth, Ihr Unternehmen ist weltweit vertreten. Macht Ihnen die aktuelle Wirtschaftskrise Angst?

Nach meiner Ansicht handelt es sich dabei um die grösste Krise seit 1929, und niemand weiss, wie es weitergeht. Bei den beiden grössten US-Hypothekenbanken Freddie Mac und Fanny Maye stehen 5500 Milliarden Verbindlichkeiten aus. Dagegen sind 700 Milliarden US-Dollar, welche die amerikanische Regierung für den ganzen Finanzsektor zur Verfügung stellt, eine absolute Kleinigkeit. Die Gelder sind gut gemeint und werden vorübergehend auch eine gewisse Beruhigung bringen. Aber ich fürchte, dass die Ernüchterung noch bevorsteht.

Sie sind ein liberaler Mensch, der aus eigener Kraft den Sprung nach oben geschafft hat. Sind solche Finanzspritzen, wie Sie auch in andern Ländern getätigt wurden, der richtige Schritt?

In dieser Situation blieb nichts anderes mehr übrig. Die UBS musste von der Schweizer Eidgenossenschaft auch gerettet werden. Dagegen gibt es in einer solchen Situation nichts einzuwenden, weil es gar keinen anderen Ausweg gibt.

Wirkt sich die derzeitige Krise schon auf Ihr Unternehmen aus?

Bisher nicht. Aber ich warte jeden Tag darauf, dass der Einfluss der Finanzkrise endlich auch zu uns herüberschwappt.

Endlich?

Die Krise wird früher oder später eintreten, eher früher als später. Aber wir haben im September noch einen weltweiten konsolidierten Umsatzrekord und das zweitbeste Monatsbetriebsergebnis unserer Firmengeschichte erzielt. Bis jetzt können wir also noch nicht klagen. Ausserhalb Deutschlands beobachten wir allerdings schon, dass die Zahlungslust unserer Kunden deutlich abgenommen hat. Auf den ganzen Konzern bezogen bewegt sich dies im 0,3-Tage-Bereich. Aber ich gehe davon aus, dass sich das in den nächsten Monaten deutlich erhöhen wird.

Kann man sich als Mittelstandsunternehmen überhaupt auf eine solche Rezession vorbereiten?

Es wäre problematisch, wenn man das nicht könnte. Egal, ob man Mittelständler oder Vorstand einer Aktiengesellschaft ist: Als Kaufmann muss man immer reagieren, agieren, analysieren und den Ist-Zustand sowie die Entwicklung der aktuellen Trends genau beobachten. Wer in einer solchen Situation keine Vorkehrungen getroffen hat, läuft mitten in einen Hurrikan hinein. Dies lässt sich mit der Schifffahrt vergleichen: Wenn ein Kapitän auf der Seewetterkarte Windstärke 9 prognostiziert bekommt, wäre er schlecht beraten, wenn er auf seinem Boot alle Luken und Türen offen lassen würde.

Welche Massnahmen haben Sie im Vorfeld dieser Krise getroffen?

Zunächst haben wir den Konzern auf Verbesserung der Liquidität getrimmt, das bedeutet, wir drängen massiv darauf, Fettpolster, die wir in unserem Warenlager haben, abzubauen. Es geht also darum, die Lagerumschlags-Geschwindigkeit zu erhöhen. Gleichzeitig behalten wir unsere Debitoren gut im Auge. Dazu gehört, einen weiteren Mahngang einzuführen, sobald die Rechnungen nicht pünktlich bezahlt werden. In vielen Bereichen wurde auch ein Einstellungsstopp erlassen.

Gerade in Deutschland ist die Automobilindustrie arg ins Stocken geraten. Was bedeutet dies für Sie als Zulieferer?

Wir spüren dies nur am Rande, weil wir nur ein kleiner Zulieferer für die Automobilindustrie sind. Aber insgesamt haben die Schwierigkeiten in dieser Branche natürlich einen zentralen Einfluss auf die ganze Wirtschaft. Diejenigen Firmen, die direkt von der Automobilindustrie abhängig sind, werden dies sehr schnell spüren. Mit einer gewissen Verzögerung wird sich dies auch auf den Arbeitsmarkt auswirken.

Zur Schweiz scheinen Sie eine besondere Beziehung zu haben.

Ich habe schon 1964 eine Holding in Chur gegründet, die heute die Beteiligungsverwaltung des Auslandkonzerns ausübt. In Arlesheim BL ist zudem die Würth Schweiz stationiert, insgesamt sind unter der Würth-Gruppe Schweiz zehn Gesellschaften zusammengefasst. Unsere Schweizer Niederlassungen sponsern heute die Tour de Suisse und den Spengler Cup. Zudem ist meine Tochter Bettina mit einem Bündner Hotelierssohn verheiratet, welchen sie in Davos kennenlernte.

Ihre Tochter wollte zuerst nicht in den Betrieb einsteigen. Haben Sie sanften väterlichen Druck ausgeübt?

Nur marginal. Sie wollte selbst eine Lehre absolvieren und hat sich durch Leistung emporgearbeitet. Mittlerweile ist sie zur Chefin avanciert.

(Interview: Matthias Ackeret)

--> Das vollständige Interview mit Reinhold Würth ist in der November-Ausgabe von "persönlich blau" zu finden.


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