Herr Richterich, Ricola feiert dieses Jahr das 80-jährige Bestehen. Wie wichtig ist dieses Jubiläum?
Wir haben das 75-Jahr-Jubiläum 2005 mit 200 Gästen aus der ganzen Welt sehr ausgiebig gefeiert. Ein so grosses Fest machen wir diesmal nicht. Trotzdem sind wir stolz auf die 80-jährige Firmengeschichte. Deshalb kann man uns schon als Traditionsunternehmen bezeichnen. Dass wir noch immer nach vorne schauen können, dass eine gute Zukunft noch immer vor uns liegt, ist natürlich die grösste Freude.
Ihre Firma ist nun ein Menschenleben alt. Besteht dabei nicht die Gefahr, dass man sich zu viel Patina anlegt?
Nein, überhaupt nicht. Ricola ist jung geblieben, wir haben wie gesagt eine gute Zukunft. Dafür stehen unsere Mitarbeiter und dafür sprechen unsere Produkte wie beispielsweise die jüngst eingeführten Ricola-Kaugummis. Aber: Wir pflegen ganz bewusst unsere Tradition. Wenn sich die Welt auch ändert, Ricola soll für die Konsumentinnen und Konsumenten unserer Produkte ein sicherer Wert bleiben. Weil es einfach dazu gehört, ist deshalb in all unseren Bonbons immer auch die ursprüngliche 13-Kräuter-Mischung enthalten.
Aber wie gelingt Ihnen dieser schwierige Spagat zwischen Tradition und Erneuerung?
Dies ist in der Tat eine grosse Herausforderung. Wir müssen immer wieder abwägen, wie traditionell Ricola sein soll und wie viel Aktualisierung die Marke verträgt. Letztendlich geht es beim Thema "Tradition" um die Werte, die wir leben und für die unsere Produkte stehen: natürlich und wohltuend. Deshalb wird Ricola nie zu einem "Lifestyle"-Unternehmen werden. Dies würden unsere Konsumenten nicht verstehen, zu Recht übrigens.
Anders gefragt: Wie viel Neues verträgt die Marke Ricola denn überhaupt?
Ich sage Ihnen in aller Offenheit: Es gibt keine allgemeingültige Antwort. Doch die Frage stellt sich immer wieder, beispielsweise, wenn wir bei Ricola sehr intensiv über Product Line Extension diskutieren. Letztendlich sind es nicht nur rationale Gründe, welche die Entscheidungsfindung beeinflussen, sondern auch das Gespür für die Marke. Dieses Abwägen führte beispielsweise dazu, Kaugummis in unser Sortiment aufzunehmen.
Warum ausgerechnet Kaugummis?
Eigentlich ist das naheliegend. Der Kaugummi ist für diejenigen gemacht, die unsere Aromen mögen, aber nicht als Bonbon. Der bisherige Erfolg bestätigt unsere Überlegungen. Doch es ist wie immer: Erst wenn das neue Produkt in den Regalen steht, weiss man, ob es ein Erfolg wird oder floppt.
Ricola setzte bei der Werbung lange Zeit auf ländliche Idylle, indem Sie sich jedes erdenklichen Alpenklischees bedienten. Warum änderten Sie vor zwölf Jahren Ihre Werbestrategie?
Wir hatten vor allem in Deutschland ein Problem. Dort lief ein Werbespot mit Alphorn- Klängen. Er kam antiquiert daher und ging den Leuten auf den Wecker. Gleichzeitig befanden wir uns in einem internen Diskussionsprozess darüber, wie man die Marke Ricola auffrischen sollte und konnte. 1998 beauftragten wir die Hamburger Werbeagentur Jung von Matt / Alster mit einer neuen Kampagne. Der Spruch "Wer hats erfunden?" wurde lanciert und erreichte Kultstatus. So etwas kann man nicht planen. Auch nicht, dass wir dank dieser Kampagne unseren Umsatz markant steigern konnten.
Sie hatten einen guten Riecher
Ganz ehrlich: Nicht einmal in unseren kühnsten Träumen hätten wir mit diesem Erfolg gerechnet. Beim Start des Werbespots gab es vor allem in der Schweiz sehr viele negative Stimmen. Die Kritiker meinten, wir würden die Schweiz veräppeln. In Deutschland bekam der Spot dann aber Kultcharakter. "Wer hats erfunden?" wurde zum geflügelten Wort.
Die Kampagne läuft noch immer. Wann ist sie um in Ihrem Business zu bleiben ausgelutscht?
Wir sind noch immer überzeugt von diesem Konzept. Unsere Spots erzählen immer wieder neue Geschichten. Wenn Sie die aktuellen Werbespots anschauen, dann sind wir mit unserer Art, für Ricola-Produkte mit etwas Humor und Unterhaltung zu werben, topaktuell. Aber selbstverständlich können wir diese Kampagne nicht ewig weiterführen.
Von 1990 bis 2004 waren Sie selber CEO von Ricola. In diesen Jahren führten Sie Ihren Familienbetrieb an die Weltspitze. Heute ist Ricola sogar Marktführer bei den Hustenbonbons.
Da muss ich Sie korrigieren! Bei den Kräuterbonbons sind wir sicher Weltmarktleader, bei den Hustenbonbons hingegen gibt es keinen eindeutigen Sieger. Die Vorlieben variieren von Land zu Land. In Europa sind wir aber auf jeden Fall Marktführer.
In Deutschland führten Sie aber einen permanenten Kampf gegen Wick-Hustenbonbons und siegten.
Ja. In Deutschland, Frankreich und der Schweiz haben wir es wirklich geschafft, die Nummer eins zu werden. In vielen Ländern, unter anderem den USA, sind wir die Nummer zwei. Das ist auch schön. Ihre Produkte sind momentan in rund 50 Ländern erhältlich. Kann man einen solchen Konzern überhaupt aus dem beschaulichen Laufen heraus führen? Laufen mag beschaulich sein, Ricola an seinem Hauptsitz ist es sicher nicht. Von hier aus betreuen wir nicht nur die Schweiz, sondern die Welt. Seit 40 Jahren sind wir zudem in Italien präsent, seit ein paar Jahren mit einer eigenen Niederlassung. Für Asien haben wir in Hongkong einen Mitarbeiter. Wir haben Niederlassungen in den USA und in England und arbeiten in vielen anderen Ländern mit engagierten Distributionsunternehmen zusammen.
Aber ist Laufen für einen solchen "Weltkonzern" überhaupt der richtige Standort?
Für uns stellt der Gegensatz zwischen ländlicher Idylle und globaler Ausrichtung eine grosse Bereicherung dar. Ich glaube auch, dass es gerade dieser spannende Mix ist, welcher unserer Firma eine einzigartige Identität verleiht. Auf der einen Seite sind wir stark verwurzelt mit der Ortschaft Laufen, wo mein Grossvater 1930 unsere Firma gründete. In der Produktion arbeiten fast ausschliesslich Leute aus der näheren Umgebung. Sie sorgen dafür, dass wir bodenständig bleiben. Auf der anderen Seite haben wir das globale Element, sind auf allen Kontinenten tätig und haben Kunden in 50 Ländern, die zuständigen Mitarbeiter sind entsprechend vielsprachig und mit modernsten Kommunikationsmitteln ausgerüstet. Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass sich auf Facebook, in Blogs und über Twitter Menschen in vielen Sprachen positiv über Ricola äussern.
Amerika ist für Schweizer Firmen eine grosse Knacknuss. Viele Wirtschaftsleute behaupten, ausländische Firmen könnten im US-Markt nur scheitern. Warum setzten Sie sich trotzdem durch?
Wir sind im Konsumgüterbereich tatsächlich eine der wenigen Marken, die sich in den USA durchsetzen konnte. Da war sicher auch eine gute Portion Glück im Spiel. Wir sind auf jeden Fall bei unserer Expansion sehr vorsichtig vorgegangen und wagten nur kleine Schritte auf einmal. Wir haben eine Nische gefunden, die für die ganz grossen Unternehmen nicht so interessant war.
Laut einer neuen Studie soll Ricola als Brand mittlerweile bekannter sein als Nestlé.
Das würde ich nicht behaupten. Nescafé und Nespresso sind viel bekannter. Aber Sie haben recht, Ricola ist wirklich ein bekannter Name und in vielen Ländern ein Top-Brand geworden.
(Interview: Matthias Ackeret)
Das Interview in voller Länge lesen Sie in der Juli-Ausgabe von "persönlich".

