29.10.2013

GfM

Mobility gewinnt GfM-Marketingpreis 2013

Das Carsharing-Unternehmen Mobility gewinnt dieses Jahr den begehrten GfM-Marketingpreis. Wohl keine andere Firma verkörpert so den Wandel im Zeitgeist wie die Innerschweizer Firma, die längst für das neue Lebensgefühl "Teilen statt Besitz" steht. "persönlich" hat sich mit Mobility-Geschäftsführerin Viviane Buchmann am Hauptsitz in Luzern unterhalten.
GfM: Mobility gewinnt GfM-Marketingpreis 2013

Frau Buchmann, herzlichen Glückwunsch zum GfM-Preis 2013. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und für Mobility?
Das ist ein bedeutender Preis mit hoher Ausstrahlungskraft, entsprechend geehrt fühlen wir uns. Diese Auszeichnung bestätigt, dass Mobility aus ihrer Nischenposition herausgewachsen ist und als Marke wahrgenommen wird, die in der Schweiz kontinuierlich an Bedeutung gewonnen hat. Wer heute an Mobilität denkt, denkt auch an Mobility. Das verdanken wir einerseits unserer Kundschaft, die Mobility und das Carsharing zu einem Teil ihres Alltags gemacht hat, andererseits unseren engagierten Mitarbeitenden, die mit viel Herzblut Tag für Tag dafür sorgen, dass unsere Autos zuverlässig reserviert und gefahren werden können. 

Trendsetter und erfolgreiche Marketingunternehmen kommen oftmals aus städtischen Zentren wie dem Grossraum Zürich. Die Marke Mobility kommt jedoch aus der Innerschweiz.
Ein Teil unseres Unternehmens stammt aus Zürich. Ursprünglich gab es zwei Genossenschaften, die mit der gleichen Idee in der Schweiz gestartet sind: die Sharecom in Zürich und die ATG in Stans. Zuerst arbeiteten beide Unternehmen ausschliesslich regional. Es gab bis vor sechzehn Jahren also zwei Carsharing-Anbieter. 1997 entschlossen sie sich für eine Fusion, aus der die heutige Mobility-Genossenschaft hervorgegangen ist. 

Ein eigenes Auto ist für viele Jugendliche immer noch ein Statussymbol. Man mokiert sich auch ein bisschen über diejenigen, die sich ein Auto teilen.
Das war einmal. Früher hat man das Privatauto mit grenzenloser Freiheit assoziiert, vor allem, wenn man wie ich auf dem Land aufgewachsen ist. Um abends einen bestimmten Ort zu erreichen, war ein Auto damals schlichtweg notwendig. Heute allerdings ist die ganze Schweiz mit öffentlichen Verkehrsmitteln erschlossen und erreichbar. Das ist sicher ein wichtiger Grund, weshalb das Statussymbol Auto insbesondere bei jungen Menschen an Wert verliert. Der andere ist die Verkehrsüberlastung, der wir inzwischen ausgeliefert sind. Wer morgens zur Arbeit fährt, bleibt oftmals im Stau stecken. Deshalb nutzen viele nur noch ein Auto, wenn es wirklich nötig ist. 

Welche Verkehrsmittel erleben im Gegenzug einen Aufschwung?
Heute steht für immer mehr Menschen eine nahtlose Mobilitätskette im Vordergrund. Sie wollen einfach und entspannt von A nach B gelangen und legen Teilstrecken nach individuellen Bedürfnissen mit verschiedenen Verkehrsmitteln zurück – also per Bahn, Bus, Velo oder eben mit einem Mobility-Auto. Von diesem veränderten Mobilitätsverhalten profitiert unser Unternehmen. Ich glaube, dass der Nutzen einer Sache mittlerweile sogar wichtiger ist als deren Besitz. Das hat sich beispielsweise in der Musik- und Filmindustrie gezeigt.

Was war für diesen Bruch ausschlaggebend? 
Ich glaube nicht, dass es einen eigentlichen Bruch gab, sondern dass die Entstehung der sogenannten "Shareconomy", also des Teilens von Dingen und Dienstleistungen, ein anhaltender Prozess ist, der in den letzten Jahren dank des Internets einen regelrechten Boom erlebt hat. Das war in der Gründungszeit von Mobility noch nicht so, damals standen ökologische Überlegungen wie Waldsterben oder saurer Regen im Vordergrund.

Heute denn nicht mehr?
Der Umweltgedanke bleibt wichtig. Stellen Sie sich vor, Mobility-Kunden sparen 23'000 Privatautos auf Schweizer Strassen ein und verhindern jedes Jahr den Ausstoss von 18'000 Tonnen CO2. Eine tolle Sache für uns alle. Allerdings ist der grüne Aspekt heutzutage längst nicht mehr der einzige, wieso sich Leute für Mobility entscheiden: Carsharing spart einem durchschnittlich 4000 Franken pro Jahr. Auch Convenience spielt eine wichtige Rolle, denn man muss sich um nichts mehr kümmern, weder um Versicherung, Parkplatz, Wartung noch um Reifenwechsel oder Vignette. Gerade in Städten ist das ein zentraler Entscheidungsfaktor.

Was ist Free Floating Carsharing – und worin unterscheidet es sich vom klassischen Carsharing?
Im Rahmen dieses Modells nutzen Kunden die Autos spontan und ohne vorgängige Reservation für Kurzstrecken innerhalb eines Stadtzentrums. Die Fahrzeuge lassen sich dabei live per Smartphone orten und können nach der Fahrt ganz einfach auf einem Parkplatz innerhalb des definierten Stadtgebietes parkiert werden. Das klassische Mobility-Carsharing hingegen erlaubt es, Autos vorzureservieren, für längere Fahrten zu nutzen und aus neun Fahrzeugkategorien auszuwählen. Das heisst: Sie haben sicher das Auto, das Sie wollen, dort, wo Sie es benötigen. Sie sehen: zwei verschiedene Modelle mit individuellen Vorteilen. Deshalb wird Free Floating unser bisheriges Angebot nur ergänzen, nicht ersetzen.

Wann und mit wem startet der Pilotversuch?
Wir haben mit verschiedenen Schweizer Städten gesprochen, um abzuklären, ob Interesse an einem entsprechenden Pilotversuch besteht. Sehr erfreulich ist, dass wir fast nur positive Reaktionen entgegennehmen durften. Eine Entscheidung für eine Stadt ist noch nicht gefällt, aber unser Ziel ist, Free Floating 2014 zusammen mit Partnern auszurollen. Das Pilotprojekt wird aufzeigen, ob und wie Free Floating Carsharing auf Schweizer Verhältnisse, also kleinere Städte, anwendbar ist. Begleitet wird das Projekt von einer wissenschaftlichen Studie.

Wo liegen die Herausforderungen beim Free Floating Carsharing?
Wir müssen uns mit den Städten auf Parkplatzlösungen einigen können und benötigen schnell einen gewissen Nutzerkreis, damit sich die Autos, die wir alle auf einen Schlag platzieren werden, auch bewegen. Hinzu kommt, dass sich die aktuellen Anbieter solcher Modelle im Ausland auf die grossen Städte und Agglomerationen fokussieren. Dass Free Floating in Berlin oder Paris funktioniert, muss nicht zwingend heissen, dass das auch in der Schweiz der Fall ist.  

Warum gibt es noch keine ernsthafte Konkurrenz?
Es gibt schon andere Anbieter, zum Beispiel in Deutschland. Die Automobilindustrie hat darauf reagiert, dass viele Jugendliche ihren Führerausweis immer später machen, auch in der Schweiz. Zudem werden die Neuwagen-Käufer immer älter. Gleichzeitig haben viele Junge – trotz steigendem Bedürfnis nach Mobilität – weniger Interesse an einem eigenen Auto. Diese Prämissen gefährden ein jahrhundertealtes Geschäftsmodell und haben die Strategieetagen dieser Unternehmen nach neuen Möglichkeiten suchen lassen. Ein Beispiel: In einer Studie untersuchte Frost & Sullivan das weltweite Potenzial von Carsharing. Dort heisst es unter anderem, dass etwa vierzig Prozent der derzeitigen Wagenhalter auf ihr Fahrzeug verzichten würden, sobald sie Mitglied eines Carsharing-Verbunds werden. Etwa sechzig Prozent der jetzigen Carsharer erwägen grundsätzlich keinen Autokauf.

Was heisst das für Sie?
Der ganze Markt ist stark in Bewegung, neue Carsharing-Anbieter und -Angebote schiessen wie Pilze aus dem Boden. Bis jetzt spüren wir noch keine konkreten Auswirkungen in der Schweiz, vielleicht auch weil Mobility den Heimmarkt bereits stark abdeckt. Tatsache aber ist, dass die Schweiz ein attraktiver Markt bleibt. 

Pitchen Sie bei den Autofirmen? Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Auswahl vor?
Mobility-Autos müssen strenge Kriterien erfüllen, damit wir sie in unsere Flotte integrieren. Dazu zählen hohe Sicherheitsstandards, niedriger Verbrauch und einfache Bedienbarkeit. Sobald wir passende Modelle gefunden haben, verhandeln wir mit den Importeuren. Mobility ist sicherlich ein interessanter Grosseinkäufer innerhalb der Schweiz. 

Wie entwickelt sich der Verkehr in den nächsten Jahren?
Irgendwann wird eine Regulierung nötig sein. In Bern werden jetzt schon verschiedene Modelle diskutiert, wobei Mobility-Pricing im Vordergrund steht.

Das heisst?
Mobility-Pricing basiert auf dem Prinzip, dass Verkehrskosten verursachergerechter abgewälzt werden. Eine der Massnahmen könnte lauten, verschiedene Mobilitätspreise für unterschiedliche Tageszeiten einzuführen, damit Stosszeiten entlastet werden. Ich glaube, eine Regulierung des Strassenverkehrs ist unumgänglich, da der Bau neuer Strassen alleine nicht den gewünschten Effekt bringt. Egal, für welche Lösung sich die Politik entscheidet, Mobility sollte unbedingt Teil davon sein. Denn ein einziges Mobility-Fahrzeug ersetzt neun Privatautos; dank unserem Angebot reduziert sich die Anzahl Autos in der Schweiz heute schon um die Anzahl der im Kanton Glarus immatrikulierten Fahrzeuge, und es wird eine Fläche von 35'000 Parkplätzen eingespart. Ich hoffe, dass sich dessen in den nächsten Jahren noch mehr Menschen bewusst werden und sie sich Mobility anschliessen.

Das bedeutet für Ihre Firma natürlich Wachstum. Wo sehen Sie Wachstumspotenzial, und wie sieht Ihre Strategie aus?
Unser Ziel ist, unsere Position als Marktführer im Heimmarkt weiter zu festigen, indem wir die bestehenden Angebote weiterentwickeln und neue Zielgruppen mit innovativen Angeboten von Carsharing überzeugen. Im technologischen Bereich wollen wir unsere Carsharing-Software MobiSys als "Software as a service" etablieren. Ich bin überzeugt, dass wir genügend Potenzial in der Schweiz haben. So etwa im Bereich Firmenkunden, wo uns bereits 3800 Unternehmen ihr Vertrauen schenken. Mobilitätsmanagement wird für Firmen immer wichtiger, entsprechend wächst die Nachfrage. Diese bedienen wir, indem wir ihnen Mobility-Autos anbieten – oder indem wir unsere Technologie in ihre firmeneigenen Wagen einbauen, das sogenannte "Poolcar-Sharing". Auch für junge Menschen kreieren wir laufend neue Angebote, beispielsweise für Lernfahrer oder Studenten. Und in urbanen Siedlungen gibt es grosses Potenzial, Mobility-Fahrzeuge direkt vor der Haustüre zu platzieren. Carsharing-Fahrzeuge sollen bald so selbstverständlich zur Infrastruktur einer Wohnüberbauung gehören wie  Spielplätze oder Lifte.

Haben Sie ein eigenes Auto?
Nein, ich habe kein eigenes Auto. Ich fahre mit Mobility.

 

Interview: Matthias Ackeret, Bilder: Marc Wetli   

Den vollständigen Text finden Sie in der November-Ausgabe des persönlich-Printmagazins.

 

 

 


Kommentar wird gesendet...

KOMMENTARE

Kommentarfunktion wurde geschlossen