Die Messerfabrik Wenger rüttelt an einem Schweizer Nationalsymbol. Am Donnerstag hat sie eine neue Form des über hundertjährigen, roten Schweizer Offiziersmessers vorgestellt. Dellen für Daumen und Handballen sollen einen besseren Griff bieten. Die zweitgrösste Schweizer Messerschmiede begründet die Neugestaltung mit der verbesserten Funktionalität. "Echtes Design entspringt dem Wunsch, sich einem Perfektionsgrad zu nähern, bei dem ein Objekt letztlich genau jene Form erhält, die insgeheim schon immer erwartet wurde", schreibt Wenger in einem Communiqué.
Dellen für Daumen und Handballen
Dass dieser Schritt nicht schon früher gewagt worden sei, liege in den Produktionsmethoden begründet. Dank neuster Technik werde das Design des Messers nicht mehr durch die Produktion bestimmt, sondern durch die Funktionalität und den Bedienungskomfort. Neugeformt wurde vor allem die Griffschale. Die Dellen für Daumen und Handballen sowie der dazwischen liegende runde Grat, bieten laut Wenger eine ergonomischere Grifffestigkeit und eine exaktere Handhabung. Dazu mussten neue Abgussformen sowie eine spezielle Spritztechnik für das Schweizer Kreuz entwickelt werden.
Tribut an den Zeitgeist?
Norbert Wild, Kurator der Designsammlung am Museum für Gestaltung in Zürich, setzt hinter den Schritt Wengers ein Fragezeichen. "Es ist ein fragwürdiger Entscheid, denn das alte Modell war bereits funktional", sagte Wild, der das Messer aufgrund von Fotos beurteilte. "Ich habe den Verdacht, dass es sich nur um Kosmetik handelt", erklärte Wild. Die stromlinienförmige vom Designer Paolo Fancelli entwickelte neue Form scheine einem allgemeinen Trend nach etwas schnittigeren Formen zu folgen. Obwohl Wild nicht ausschliesst, dass sich das neue Messer durchsetzt, ist er skeptisch. Fraglich sei, ob es Wenger gelinge, den Klassikerstatus des Schweizer Offiziersmesser auf das neue Produkt zu übertragen.
Kein Produkt für die Armee
Keinen Einfluss auf Erfolg oder Scheitern des neuen Produkts wird die Schweizer Armee haben. Grund: Die Armee kennt kein eigentliches Offiziersmesser. Alle Armeeangehörigen erhalten das silberfabene Militärmesser, das so genannte Soldatenmesser 61. Wenger und die Nummer eins im Markt, die Schwyzer Firma Victorinox, lieferten bislang je die Hälfte des Bedarfs.
"Das Offiziersmesser wurde zwar im Auftrag der Schweizer Armee entwickelt", sagte Wenger-Sprecher Thomas Schlapbach auf Anfrage. Doch habe das Militärdepartement damals auf die Einführung verzichtet. Wenger und auch Victorinox hätten aber die Erlaubnis erhalten, die entwickelten Messer unter dem Namen "Schweizer Offiziersmesser" zu vertreiben.

