Christian Kauter wird bekanntlich noch bis Ende Juni auf seinem Posten als CEO der Affichage Holding ausharren, dann wird er abgelöst. Offiziell erfolgt der Rücktritt altershalber, doch aus Kauters Sicht zum denkbar schlechtesten Zeitpunkt: Denn der CEO und mit ihm der ganze Schweizer Aussenwerbekonzern stehen an einem historischen Tiefpunkt. Nicht nur wegen der eingebrochenen Werbeumsätze oder wegen des Millionenverlustes im Krisenjahr 2009 ("persoenlich.com" berichtete). Auch nicht wegen den Problemen, die sich aus dem Griechenland-Engagement ergaben. Dieses allein kostete die Affichage bisher zwar 150 Millionen Franken - und angesichts der riesigen Probleme in diesem Land ist dort für den Aussenwerber kein gutes Ende zu erwarten. Doch Kauters Hauptproblem liegt auf einer anderen Ebene: Vorwürfe punkto Missmanagement und gar Gerüchte betreffend strafrechtlicher Vergehen machen die Runde vor allem in Bezug auf die Expansion in Griechenland, aber auch in Norditalien und Ungarn. Was davon wirklich auf Managementfehler zurück zu führen ist, und was auf die Unberechenbarkeit von Konjunktur, griechischer Schuldenwirtschaft und kriminellen Machenschaften Dritter, muss hier offen bleiben. Klar ist aber: Kauters Weste wird dadurch kurz vor seinem Abgang nicht bloss befleckt, sondern arg zerschlissen. Ironie des Schicksals: Kapitän Kauter hätte das Schiff Affichage schon vor zwei Jahren verlassen können - damals stand er punkto Geschäftszahlen und Ansehen auf dem Zenith seiner CEO-Tätigkeit. Doch dann liess er sich vom Verwaltungsrat bitten, zwei weitere Jahre anzuhängen. Ein Entscheid, den er heute mit Sicherheit bereut.
Doch auch im Verwaltungsrat scheint ein Umdenken stattgefunden zu haben: Kauters Abgang wurde auf Ende Juni angekündigt, obwohl NZZ-Verlagsleiter Daniel Hofer die Nachfolge erst im Oktober antreten wird. Ein Hinweis, dass sich Affichage und Kauter nun doch lieber früher als später trennen. Schon im April, als der Verwaltungsrat seine Verkleinerung von zehn auf fünf Personen beschloss und Kauter draussen stehen liess, wurde dies deutlich: Die "Finanz und Wirtschaft" fasste jenen Entscheid sofort "als Quittung" dafür auf, "dass das Management die Probleme in Griechenland nicht bewältigte".
Geldsorgen und vielschichtiges Misstrauen
Affichage wird aber nicht nur durch Probleme in Südosteuropa gelähmt, sondern auch durch Gerüchte unter den Aktionären und im Verwaltungsrat. Glaubt man dem "Tages-Anzeiger" von heute, dann muss sich der Verwaltungsrat an der heutigen Generalversammlung mit einer Gruppe unzufriedener Aktionäre herumschlagen. Diese Gruppe will nicht hinnehmen, dass ihre Aktien innert drei Jahre einen Wertverlust von rund 60 Prozent erlitten haben. Nun drohte sie offenbar mit einer Sonderprüfung des missglückten Griechenland-Abenteuers, wenn ihren (unklaren) Forderungen nicht nachgekommen wird.
Viel schwerwiegender als dieser momentane Protest ist aber ein Misstrauen, das offenbar unter den Affichage-Aktionären schwelt. Um dieses zu verstehen, muss hier etwas ausgeholt werden: Derzeit hat Affichage vier Grossaktionäre: Der französische Aussenwerber JCDecaux hält 30 Prozent und stellte bisher zwei von zehn Verwaltungsräten, die belgische Beteiligungsgesellschaft Compagnie Nationale à Portefeuille (CNP) hält 25,3 Prozent (ein VR-Sitz), die Schweizer Grisobi Holding hält 6 Prozent (ein VR-Sitz) und im letztem Jahr kam neu die International Value Advertisers LLC aus New York als vierter Grossaktionär hinzu (5 Prozent, bisher ohne VR-Sitz). Allen diesen Grossaktionären ist eines gemeinsam: Gemäss Vinkulierungsbestimmungen in den Affichage-Statuten ist ihr Stimmrecht auf je 5 Prozent beschränkt. Trotz Aktienmehrheit vereinigten sie deshalb maximal 20 Prozent der Stimmen. Gegen diese Stimmrechtsbeschränkung hatte sich JCDecaux immer schon aufgelehnt, er drang aber nie durch und gab sich daraufhin mit zwei VR-Sitzen zufrieden.
Mehr Macht den Grossaktionären
Mit den Problemen in Südosteuropa, die wohl auch auf Schwächen des zehnköpfigen Verwaltungsrates zurück zu führen sind, haben die Grossaktionäre nun aber das Ruder in die Hand genommen. Zwar änderten sie (noch) nichts an den Vinkulierungsbestimmungen, schlugen der Generalversammlung aber wie erwähnt eine Verkleinerung des Verwaltungsrats auf fünf Mitglieder vor. Diese läuft eindeutig auf eine Gewichtsverschiebung im Verwaltungsrat zu Gunsten der Grossaktionäre hinaus. Denn als neuer Verwaltungsratspräsident ist Jean-François Decaux, Co-Generaldirektor von JCDecaux, vorgesehen. Der bisherige Affichage-Verwaltungsratspräsident Klaus Hug wird dagegen auf ein VR-Mitglied zurück gestuft. Der Schweizer Paul-Henry Binz von der Grisobi-Stiftung bleibt Vizepräsident, der Belgier Gilles Samyn vertritt weiterhin die CNP, und der Schweizer Markus Scheidegger vertritt seine Familie, die an einer Affichage-Tochter beteiligt ist. Neu halten also die Grossaktionäre drei von fünf Sitzen, strategisch haben sie also einiges mehr zu sagen als bisher - immer vorausgesetzt, dass die GV heute diesem Antrag folgt. Anzunehmen ist ferner, dass Jean-François Decaux als künftiger VR-Präsident operativ stark Einfluss nehmen wird mehr als sein Vorgänger Klaus Hug. Denn Decaux ist in einem Aussenwerbe-Familienunternehmen gross geworden, kennt das Metier in- und auswendig und ist weltgewandt und mehrsprachig, während der neue CEO Daniel Hofer branchenfremd ist und kaum über Managementerfahrungen im Ausland verfügt.
Übernahmeängste machen schon lange die Runde
Doch der VR-Verkleinerungsvorschlag hat auch Nachteile: Er belebte alte Gerüchte und Ängste neu. Nämlich, dass Jean-François Decaux und damit der weltweit zweitgrösste Aussenwerbekonzern JCDecaux eine vielleicht sogar unfreundliche - Übernahme der Affichage-Holding plane. Mehr noch: Die Westschweizer Wirtschaftszeitung "Agefi" suggerierte, dass JCDecaux die Übernahme im Prinzip bereits vollzogen habe, da die CNP in seinen Diensten stehe und zumindest einen Teil ihrer Affichage-Aktien für den Franzosen halte. Ob daran etwas wahr ist oder nicht, ist derzeit unklar. Offenbar machen aber solche Übernahmeängste schon länger im Affichage-Aktionariat die Runde. So finden sich in den Affichage-Geschäftsberichten seit 2005 immer ausführlichere Regelungen zu einem allfälligen "Kontrollwechsel". Eingeleitet wurden diese Passagen jeweils mit dem Satz "Sollte bei der Affichage Holding ein Kontrollwechsel als Folge eines Übernahmeangebots eintreten, das vom Verwaltungsrat nicht unterstützt wurde,..." Im Geschäftsbericht 2007 war zudem erstmals zu lesen, dass sich JCDecaux verpflichtet habe, "die aktuelle Beteiligung an Affichage Holding (30%) nicht zu erweitern." Wahrscheinlicher Hintergrund dieses Absicherungsversuchs: Im April 2007 gab CNP ihre Beteiligung von 25,3 Prozent bekannt, wodurch Affichage definitiv mehrheitlich in ausländischem Besitz war. Im VR und vielleicht auch im übrigen Aktionariat scheint man aber schon damals CNP als Handlanger von JCDecaux vermutet zu haben. Nur so macht der neue Hinweis auf JCDecaux Verpflichtung Sinn, der seit 2007 in jedem Geschäftsbericht wiederholt wurde. Der designierte VR-Präsident Jean-François Decaux hat sich bisher aber noch nie öffentlich dazu geäussert. Und bei Affichage tat man die neue Formulierung auf Anfrage jeweils bloss als "übliche Floskel" ab. Wahrscheintlich aber war es eine Misstrauenskundgebung an Decaux. Ob gerechtfertigt oder nicht sie ist kein gutes Omen für eine erspriessliche Zusammenarbeit im künftigen Verwaltungsrat. Decaux wird sich also einiges Vertrauen erarbeiten müssen. Dessen scheint er sich bewusst zu sein: Er hat mit Hirzel.Neef.Schmid.Konsulenten bereits eine PR-Agentur engagiert.
(Text: Markus Knöpfli)

