Es gibt viele Leute mit Ideen, aber bräuchten diese nicht mehr Leute an ihrer Seite, die auch das Geschäft an die Hand nehmen könnten?
Wenn heute ein Biologe mit einer guten Idee kommt, ist er wohl beraten, wenn er jemanden zur Seite hat, der etwas vom Business versteht, jemand, der ihm auf die Finger schaut. Heute kommen viele Firmengründer aus der akademischen Forschung, aber ohne Ausbildung im kaufmännischen Sinn.
In welchen Sparten benötigt die Forschung mehr Geld?
Wir brauchen zwei Arten von Unterstützung, und von beiden Arten haben wir zu wenig in der Schweiz. Einerseits für die angewandte Forschung, aber auch für die Grundlagenforschung. Diese künstliche Aufteilung ist aber eigentlich eine semantische Katastrophe, unter der wir heute leiden. Die Unterscheidung gibt es in der Forschung nämlich gar nicht. Die Grundlagenforscher haben immer auch angewandte Forschung betrieben. Louis Pasteur, der das Pasteurisieren erfunden hat, hatte gleichzeitig das erste Patent auf ein Lebewesen. Edison hat nicht nur die Glühbirne erfunden, er hat sie auch zur Marktreife entwickelt.
Welche Ziele könnte man denn überhaupt setzen?
Wir bräuchten in der Schweiz viel mehr Geld, damit wir uns Forscher leisten können, die nicht zielgerichtet an ein Produkt denken, sondern bloss einer Fragestellung nachgehen. Daneben bräuchten wir eine zweite Gruppe von Forschern, die Freude daran haben, die Resultate umzusetzen. Die ersten sind sozusagen das Gold im Boden und die anderen graben es aus. Beide zusammen ermöglichen erst Innovation. Dieses Prinzip versteht man in den Life Sciences noch nicht. Der Forscher meint, wenn er etwas erfunden hat, sei die Sache erledigt. Eine Erfindung hat an und für sich keinen Wert. Erst die Umsetzung bringt den Mehrwert.
War das Vertrauen in die Forschung in der Schweiz denn je vorhanden?
Die Mentalität in der Schweiz war früher ganz anders. Nehmen Sie das Beispiel der Toblerone. Das Rezept war eine Raubkopie. Die Schokolade wurde in Italien erfunden, hiess dort Torrone. Man kann sie heute noch bei Nannini in Siena kaufen. Der Herr Tobler hat seinen Namen mit dieser Idee fusioniert und führte gleichzeitig frühindustrielle Arbeitsmethoden ein. Dazu kam ein neues Marketing, mit der eigenständigen Form der Schokolade. Alles zusammengenommen war eine grosse Innovation und führte zu einem Markterfolg.
Wenn jemand mit einer Idee, einem Projekt auf Sie zukommt, wie können Sie dann beurteilen, ob die Sache tragfähig ist?
Früher dachte ich, das könne man rein wissenschaftlich angehen. Stimmt nicht, man braucht auch den Entrepreneur, der das umsetzt. Natürlich muss die Wissenschaft stimmen. Man kann nicht etwas verkaufen, das den Leuten nichts bringt. Es sei denn, man bewege sich im Bereich der Esoterik. Da ist alles möglich. Da kann man blankes Wasser für 3000 Franken pro Liter verkaufen, das nachweislich keinen Wirkstoff enthält.
Nützt das tatsächlich nichts? Wozu dann die langen Ausbildungsgänge in diesem Bereich?
Ja und? Es gibt mehrjährige Ausbildungen für das Sterndeuten. Bis jetzt haben wir von der Wissenschaft als Grundlage für neue Produkte gesprochen. Daneben gibt es eine starke Strömung in der Gesellschaft, die völlig losgelöst von der Wissenschaft ist. Das meiste kann man der Esoterik zuordnen. Unter dieser Strömung laufen religiöse Überzeugungen, wie etwa der Glaube an Biogemüse. Es gibt weltweit keine einzige Studie, die belegt, dass Biogemüse gesünder, sicherer, ökologischer ist. Trotzdem werben alle damit. Wenn das Marketing gut und die Idee dumm genug ist, kann das zu einem grossen Erfolg führen. So müssen zum Beispiel die Homöopathen nicht beweisen, dass ihre Globuli funktionieren. Vor fünf Jahren erhielten sie von Bundesrätin Dreyfuss Geld, um ihre Verfahren wissenschaftlich zu untermauern. Nach 200 Jahren Praxis waren sie aber nicht im Stande, innerhalb von fünf Jahren den Beweis zu erbringen. Aber das Volk ist auf ihrer Seite, und das ist ein Problem für die Wissenschaft und unsere Kultur, die auf Erkenntnis beruht.
Aura, Charisma. Wie entsteht das? Wenn Gerhard Schröder irgendwo erscheint, hat er eine ungeheure Ausstrahlung. Geschieht das kraft seines Amtes oder kraft seiner Person?
Vieles kann man in diesem Bereich natürlich noch nicht erklären. Hätte er aber vier Landtagswahlen verloren, bevor er Kanzler wurde, dann hätte er trotz aller Ausstrahlung das Image eines Losers. Als langjähriger Bundeskanzler hat er einen Bonus. Bei unseren Bundesräten ist Adolf Ogi das beste Beispiel. Den hat man jahrelang zum Kasper gestempelt, bis die öffentliche Meinung kippte. Die Leute und die Medien begannen, ihn zu lieben und seine Ausstrahlung wahrzunehmen. Ogi hat die beneidenswerte Fähigkeit, sich jeden Namen zu merken. Wenn man diese Fähigkeit sozusagen nachbauen könnte, dann wären wir wieder bei der Forschung, und zwar bei einem neuen Grenzgebiet. Schon heute geht es nämlich darum, neue Medikamente, Nootropika, zu entwickeln, die zu einer Verbesserung des kognitiven Leistungsvermögens führen, oder solche welche das Vertrauen erhöhen.
Wäre das nun eine Droge, ein Medikament oder ein leichtes Genussmittel wie Kaffee?
Eine gute Frage. Diese neue Art von Medikamenten ist schwierig einzustufen. Wir produzieren in unserem Körper solche Stoffe auch selber. Etwa Leistungssportler, die an ihre Schmerzgrenzen gehen, produzieren dank des Gens Proopiomelanocortin, opiat- ähnliche, körpereigene Schmerzhemmer, die so genannten Endorphine. Ihre Wirkung reicht von wohltuender Entspannung bis hin zu einem regelrechten Rauschzustand. Aber auch beim Inhalieren von Zigarettenrauch werden körpereigene Glückshormone freigesetzt. Wenn man einem volltrainierten Jogger das Joggen für eine Woche verbietet, bekommt er Entzugserscheinungen. Viele unserer Emotionen sind also gesteuert.

