02.08.2022

Migros

«Wir sind sozial auseinandergewachsen»

In der Schweiz verlassen sich Nachbarinnen und Nachbarn gerne aufeinander. Dies geht aus einer neuen Studie hervor. Diese bildet den Auftakt für die #Nachbarschaftsinitative von Migros-Engagement. Kampagnenverantwortliche Hedy Graber mit den Hintergründen.
Migros: «Wir sind sozial auseinandergewachsen»
«Mit dem gesellschaftlichen Engagement der Migros wollen wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken», so Hedy Graber, Leiterin der Direktion Gesellschaft & Kultur des Migros-Genossenschafts-Bundes. (Bilder: zVg)
von Christian Beck

Frau Graber*, sind Sie eine gute Nachbarin?
Das müssten Sie meine Nachbarinnen und Nachbarn fragen (lacht). Was ich weiss, ist, dass ich fantastische Nachbarinnen und Nachbarn habe, verlässlich in allen Lebenslagen, vom Blumengiessen bis hin zu philosophischen Diskussionen und natürlich auch in ernsteren Fällen. Bestandteil dieser Nachbarschaft zu sein, ist ein Privileg. Jede Person, ob jung oder älter, bringt sich und ihre Möglichkeiten ein für diese tolle Nachbarschaft.

Was zeichnet eine gute Nachbarschaft aus?
Für mich persönlich ist es das gute Gefühl zu wissen, dass ich mich – wenn es darauf ankommt – auf die Menschen verlassen kann, die mit mir unter demselben Dach wohnen. Es heisst für mich auch ein ausgewogenes Mass von Nähe und Distanz. Ich glaube, die Qualität einer guten Nachbarschaft zeigt sich vor allem in herausfordernden Zeiten. Das habe ich in den letzten zwei Jahren der Pandemie gespürt.

«Dieses Grundvertrauen ist wichtig für eine gut funktionierende Gesellschaft»

Schweizerinnen und Schweizer haben ein eher distanziertes Verhältnis zu ihren Nachbarn. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Gottlieb Duttweiler Instituts, die im Auftrag des Migros-Kulturprozentes verfasst und am Dienstag vorgestellt wurde. Wirklich überraschend ist diese Erkenntnis wohl auch für Sie nicht?
Es liegen jetzt zum ersten Mal umfassende und repräsentative Ergebnisse vor, wie es um die Nachbarschaft in der Schweiz steht. Ein Ergebnis zeigt, dass sich fast die Hälfte der Bevölkerung zum Typ der «Distanzierten» zählt. Trotz ihrem Wunsch nach natürlicher Distanz zu ihren Nachbarinnen und Nachbarn pflegen sie ein umgängliches Verhältnis. Doch die Studie zeigt auch, dass man sich generell vertraut. Dieses Grundvertrauen ist wichtig für eine gut funktionierende Gesellschaft. Gerade diese Erkenntnis aus der Studie freut mich persönlich sehr.

Auch die Corona-Pandemie hat die nachbarschaftlichen Beziehungen nicht spürbar verändert, wie die Studie weiter zeigt. Ist das nicht etwas bedenklich?
Nein, aus meiner Sicht ist es das nicht. Die Studie zeigt, dass es ein Grundvertrauen gibt in der Nachbarschaft. Dieses hohe Vertrauen ist sehr wertvoll, da es ein Potenzial darstellt, welches jederzeit aktiviert werden kann, wenn es denn notwendig ist. So zum Beispiel, wenn ich meinen Nachbarinnen und Nachbarn den Hausschlüssel gebe, wenn sie bei mir Gäste unterbringen wollen, oder auch in Krisen, wie der Pandemie. Da geben die Befragten an, ein viel engeres Verhältnis mit ihren Nachbarn gehabt und sich gegenseitig unterstützt zu haben. Bemerkenswerterweise wurde nach dem Höhepunkt der Krise dieses enge Verhältnis aber auch wieder zurückgefahren und ist jetzt für die meisten wieder wie vorher.

Es gibt auch einen Stadt-Land-Unterschied: Personen, die auf dem Land leben, sind zufrieden mit der Ist-Situation, Städterinnen und Städter wünschen sich mehr Kontakt. Können Sie nachfühlen?
Ja, das ist für mich nachvollziehbar. Wir sind in den vergangenen Jahrzehnten räumlich zusammen- und sozial auseinandergewachsen. Im Unterschied zur Einfamilienhaussiedlung auf dem Land leben wir immer öfter in Mehrfamilienhäusern, Tür an Tür mit Leuten, mit denen uns ausser dem gleichen Aufenthaltsort wenig verbindet. Diese Tendenz wird sich in der Schweiz mit der zunehmenden Verdichtung noch verstärken. In Zukunft werden wir also immer mehr periphere Beziehungen zu unseren Nachbarinnen und Nachbarn pflegen (müssen), welche nicht durch eine räumliche Pufferzone wie beispielsweise einen Garten abgefedert werden können. Wir haben also ein zunehmendes Interesse, mit unseren Nachbarinnen und Nachbarn auszukommen.

«Als Detailhändlerin ist die Migros für viele Menschen ein wichtiger Ort in der Nachbarschaft»

Diese Studie wurde ja nicht einfach so in Auftrag gegeben. Migros-Engagement will nun die sogenannte #Nachbarschaftsinitiative lancieren. Was ist das?
Als Detailhändlerin ist die Migros für viele Menschen ein wichtiger Ort in der Nachbarschaft – eine gute Nachbarschaft liegt ihr deshalb am Herzen. Aus diesem Grund hat das Migros-Kulturprozent die grosse Studie zur Nachbarschaft in der Schweiz in Auftrag gegeben. Die Studienergebnisse haben Migros-Engagement darin bekräftigt, die #Nachbarschaftsinitiative zu lancieren, die zu einer guten Nachbarschaft beitragen soll. Die #Nachbarschaftsinitiative besteht aus drei verschiedenen Teilprojekten.

Und wie sehen diese drei Teilprojekte aus?
Wir starteten am 1. August mit der Verlosung von 500-mal 500-Franken-Migros-Geschenkkarten für kleine Nachbarschaftsprojekte. Im Herbst 2022 folgt dann ein Ideenwettbewerb, der grössere Nachbarschaftsprojekte mit einem Beitrag bis zu 50'000 Franken unterstützt. Erstmals hat die Schweizer Bevölkerung die Möglichkeit mitzubestimmen, welche Projekte unterstützt und realisiert werden sollen. Denn eine Vorauswahl der eingereichten Projekte wird in ein öffentliches Voting gehen.

Und das dritte Teilprojekt?
Abgeschlossen wird die #Nachbarschaftsinitiative im Mai 2023 zum Tag der Nachbarschaft. Mehr dazu möchte ich noch nicht verraten.

«Auch lose und distanzierte Beziehungen benötigen hin und wieder etwas Pflege»

Begleitet wird die #Nachbarschaftsinitiative von einer Kampagne aus dem Hause Rod Kommunikation (persoenlich.com berichtete). Welche Botschaft hat die Kampagne?
Auch lose und distanzierte Beziehungen benötigen hin und wieder etwas Pflege. Damit auch in Zukunft bei kleinen und grossen Notfällen auf die Nachbarschaft Verlass ist.

Warum engagiert sich die Migros als Detailhändlerin für eine gute Nachbarschaft?
Besonders in einer zunehmend digitalen, urbanisierten und in der Tendenz anonymen Schweiz gilt es, darauf zu achten, dass die Beziehungen zu unseren Nachbarinnen und Nachbarn weiterhin gepflegt werden und nicht versanden. Zudem werden die Begegnungen mit unseren Nachbarinnen und Nachbarn als Folge der zunehmenden Wohndichte häufiger, was auch das Konfliktpotenzial vergrössert. Damit die Beziehungen stimmig bleiben, braucht es das Engagement von Menschen, die sich für eine gute Nachbarschaft einsetzen.

Und was bringt das der Migros?
Mit dem gesellschaftlichen Engagement der Migros wollen wir den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken. Bereits Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler setzte sich mit dem Kulturprozent für das Wohl der Bevölkerung ein. Dieses Engagement liegt also in der DNA der Migros und macht sie bis heute einzigartig.

Zurück zu Ihrer Nachbarschaft: Wann wurden Sie das letzte Mal so richtig überrascht?
Als mich meine Nachbarinnen und Nachbarn letzthin ganz spontan – doch nicht zum ersten Mal – zum Nachtessen einluden.



* Hedy Graber leitet seit 2004 die Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund und verantwortet damit die nationalen Aktivitäten des Migros-Kulturprozent sowie den 2012 ins Leben gerufenen Migros-Pionierfonds.

Die Migros engagiert sich mit 160 Millionen Franken pro Jahr für die Gesellschaft. Gründer Gottlieb Duttweiler lancierte die Idee dazu Anfang der 1940er-Jahre und nahm das Migros-Kulturprozent 1957 als eigenständigen Geschäftszweck in die Statuten auf. Seit 1979 gehören auch der Migros-Unterstützungsfonds und seit 2012 der Migros-Pionierfonds zu den gesellschaftlichen Initiativen der Migros und damit zum Migros-Engagement.

Das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) ist ein unabhängiger Think Tank in Wirtschaft, Gesellschaft und Konsum. Das Trendforschungsinstitut ist die älteste Denkfabrik der Schweiz. Die unabhängige Stiftung wird vom Migros-Kulturprozent unterstützt.

 



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