Zu viele schlecht gekleidete Männer gesehen oder ein schlechtes Shopping-Erlebnis mit dem Freund: Frau Alex, wie entstand die Idee zu Outfittery?
Das war im Herbst 2011. Ich habe damals mit Outfittery-Mitgründerin Julia Bösch bei Zalando gearbeitet und gesehen, welch riesige Marktlücke es bei den Männern gibt. Viele Online-Angebote richten sich an Frauen; wir wollten die perfekte User-Experience für Männer schaffen. Kurz darauf sind wir nach New York geflogen, wo wir mit einem gemeinsamen Freund unterwegs waren. Er hat sich eine Personal Shopperin geleistet. Innerhalb von zwei Stunden war er komplett neu eingekleidet, wahnsinnig glücklich und hat gesagt, das Einkaufen habe ihm noch nie so viel Spass gemacht. Das hat uns inspiriert. Diese perfekte männliche Shoppingbegleitung wollten wir online anbieten.
3-D-Scanner, der Kunden scannt und auf Millimeter genau die Körpermasse zeigt.
Wie bei Zalando, kann man auch bei Outfittery nicht passende Kleidungsstücke gratis zurückschicken. Zusätzlich bieten Sie eine persönliche Beratung an, ebenfalls kostenlos: Wie ist das möglich?
Unser Businessmodell ist traditionell. Wir arbeiten direkt mit den Marken zusammen und kaufen Waren zum Einkaufspreis. Das funktioniert, weil wir keine Ladenmieten haben. Das Wichtigste für uns ist, dass der Kunde persönlich beraten wird. Denn das zahlt sich wiederum in seiner Loyalität aus. Männer sind generell loyal, wenn es ums Shoppen geht: Sie schicken wenig zurück und kommen wieder.
Das heisst: Ihr Start-up wirft Gewinn ab?
Es rechnet sich auf jeden Fall. Es hängt natürlich davon ab, wie stark man wachsen möchte: Neue Länder kosten Geld und wir investieren derzeit stark.
Allerdings. Im Moment sind auf Ihrer Internetseite rund 50 Jobs ausgeschrieben. Sie haben Grosses vor.
Ja. Unsere HR-Abteilung hat gerade gut zu tun. Wir sehen die grosse Nachfrage und dass gerade im deutschsprachigen Raum noch Wachstumspotenzial vorhanden ist. Auch in den neuen Länden – Schweden, Dänemark, Luxemburg und Belgien – brauchen wir natürlich Leute vor Ort.
Die Schweiz war das erste Land, in das Outfittery expandierte. Was ist der grösste Unterschied zu Deutschland?
Wir haben einige Schweizer Stylistinnen in Berlin. Es ist ganz wichtig für Schweizer Kunden, dass sie Dialekt sprechen können. Schweizer Männer sind zudem stilsicherer als die Deutschen. Sie sind stylisher und modischer.
Tatsächlich?
Ja. Sie mögen zum Beispiel Armpatches an ihren Sakkos, in Deutschland wäre das dann wirklich High-End-Fashion. Der normal gestylte Mann würde das nicht tragen.
"persönlich" ist ein Magazin für Werber, Journalisten und Marketingfachmänner. Diese würden eigentlich genau in Ihre Zielgruppe passen, da sie oft wenig Zeit haben. Oder sind diese dann doch zu kreativ, um sich von Ihnen einkleiden zu lassen?
Ich würde auch Kreativen ans Herz legen, Outfittery einfach mal auszuprobieren. Es geht uns nicht darum, dem Kunden einen neuen Stil aufzudrücken. Natürlich sollte er sich stiltechnisch weiterentwickeln. Darum haben wir auch kleinere Marken im Portfolio, die man hier in den Geschäften nicht findet und die Kunden durch uns entdecken.
Apropos Stil: Wie könnte mein Chef Matthias Ackeret sein Outfit aufpeppen?
Vielleicht könnte er etwas schmaler geschnittene Jeans tragen. Von Slim Fit sollte er aber die Finger lassen! Erdtöne sind in diesem Winter angesagt. Ich könnte ihn mir mit einer dunkelblauen Chino-Hose und einem Pullover in Bordeaux sehr gut vorstellen.

Fast täglich begegne ich irgendwo einer Zalandowerbung, sei es auf Plakaten oder im Fernsehen. Outfittery scheint nicht viel für Werbung auszugeben.
Seit ein paar Tagen läuft unser schweizerdeutscher Spot im Fernsehen. Wir setzen auf TV-Werbung. Wir versuchen zudem, unsere Zielgruppe genau zu erreichen. Da möchte ich aber noch nicht zu viel verraten, denn es gibt bald mehr zu sehen.

Wie wichtig ist Mund-zu-Mund-Werbung?
Extrem wichtig. Das habe ich unterschätzt: Ich dachte immer, Männer reden nicht über Mode. Komplett falsch: Wenn sie begeistert sind, reden sie darüber. Wenn wir einmal ein Paket ins Zürcher McKinsey-Büro liefern, haben wir plötzlich ganz viele Bestellungen von McKinsey.
Wäre es da logistisch nicht viel praktischer, einen Sitz in der Schweiz zu haben?
Doch. Es ist denkbar, dass wir ein Sylistenbüro in der Schweiz eröffnen.
In Hamburg haben Sie kürzlich einen Pop-up-Store eröffnet. Was ist die Idee dahinter?
Wir sind im Hamburg genau am Lufthansa-Terminal, wo auch die Flüge nach Zürich starten. Unsere Überlegung: Wo treffen wir unsere Zielgruppe und wo hat sie ausnahmsweise einmal Zeit? Die Antwort: beim Warten am Flughafen. Das funktioniert sehr gut. Die Männer werden direkt beraten und bekommen ein paar Tage später ihr Paket.
Pop-up-Store am Lufthansa-Terminal in Hamburg.
Was ist das Ziel von Outfittery, sagen wir, in zwei Jahren? Wo stehen Sie?
Wir wollen noch sehr viel mehr Männer glücklich machen. Wir glauben daran, dass "Curated Shopping" die Evolution im Online-Shopping ist. Persönlicher Service verbunden mit der neuesten Technologie. Zudem wollen wir natürlich, dass alle Männer in Europa – und irgendwann vielleicht auch darüber hinaus – bei uns einkaufen und besser angezogen sind.
Interview: Seraina Etter, Bilder: zVg

