Frau Baumann, Ihr Verlag, der Wörterseh Verlag, feiert dieser Tage sein 10-jähriges Jubiläum. Sind Sie momentan in Geburtstagsstimmung?
Ehrlich gesagt, komme ich noch gar nicht zum Feiern. Wir haben bereits wieder alle Hände voll zu tun. Aber ich freue mich natürlich und schaue staunend zurück, wie das alles gekommen ist. Und dann denke ich manchmal: schon noch verrückt.
Womit hat ein Schweizer Buchverlag eigentlich am meisten zu kämpfen?
Was mich erstaunt ist, wie sich die Halbwertszeiten der Bücher innerhalb weniger Jahren verkürzt haben. An was das liegt? Ich weiss es nicht. Die schnelllebigere Zeit? Die riesige Auswahl? Die Digitalisierung? Keine Ahnung. Und was ich schade finde ist die Tatsache, dass die Bestsellerlisten in vielen Zeitschriften und Zeitungen verschwinden. Das ist letztlich nicht nur für uns Verleger schade, sondern auch für die Buchhandlungen, die Internetportale, die Autorinnen und Autoren und vor allem auch für die lesende Bevölkerung, der eine praktische Orientierungshilfe fehlt. Sehr schade.
Inwiefern macht Ihnen die Digitalisierung zu schaffen?
Überhaupt nicht. Wir haben uns schon längst auf die Entwicklung eingestellt. Ich nehme das völlig entspannt, dies sicher auch, dank meinem langjährigen Mitarbeiter, Michael Hammerer, der sich ums Digitalisieren unserer Bücher kümmerte und kümmert. Dank ihm war der Wörterseh Verlag einer der ersten, der das ganze Sortiment als E-Book im Angebot hatte.
Wenn Sie zurückschauen: Was hat Sie eigentlich bewogen, Wörterseh zu gründen?
Lotti Latrous und ein Spatz. Haben Sie Zeit? Gut! Es war so: Nachdem ich das erste Buch über Lotti Latrous geschrieben habe (es kam am Welt-Aids-Tag, am 1. Dezember 2003 auf den Markt), hatte ich das grosse Bedürfnis, nochmals in den Slum von Abidjan zu reisen und einen Folgeband zu schreiben. Der Verlag, der das erste Buch verlegt hatte, war zu dem Zeitpunkt aber grad im Umbruch und wollte das nicht. Ich reiste trotzdem zu Lotti, schrieb und legte das Manuskript der Lektorin vor.
Nachdem sie es gelesen hatte, verabredete sie sich mit mir im Sprüngli an der Löwenstrasse. Dort sagte sie mir, sie würden das Buch verlegen, aber nicht jetzt, sondern in zwei, drei Jahren. Ich aber wollte genau ein Jahr nach dem ersten raus damit und sagte: "Wenn ihrs nicht wollt, dann verlege ich es selber!" Und in dem Moment, in dem sie meinte: "Machs!", schiss mir – und das ist nicht gelogen – ein Spatz auf den Kopf und ich wusste: Mehr Zeichen von oben kriege ich nie mehr! Das Buch "Madame Lotti" hat sich dann über 30'000 mal verkauft, dies wohl auch, weil ich das Glück hatte, dass Lotti im zur Schweizerin des Jahres 2004 gewählt wurde.
Sie hatten im Verlauf der letzten Jahre viele Bestseller, wieviele waren es genau und welche Titel haben sich am besten verkauft?
36 unserer 57 verlegten Bücher kamen in die Top Ten der Schweizer Bestsellerliste, davon verkaufte sich das Buch "Das volle Leben – Frauen über achtzig erzählen" von Susanna Schwager am besten, nämlich über 50'000 mal, dann kommt das "Platzspitzbaby" von Michelle Halbheer, das Franziska K. Müller für sie geschrieben hat, mit über 35'000 verkauften Büchern und schliesslich das Buch über Köbi Kuhn, das – genau wie Blanca Imodens Bestseller "Wandern ist doof" – mehr als 25'000 mal über den Ladentisch ging.
Nach welchen Kriterien wählen Sie die Bücher aus, die Sie publizieren?
Ich höre auf meinen Bauch. Und das Thema muss irgendwie unter meinen Leitsatz passen: "Es ist vieles möglich im Leben, wenn man den Glauben an sich und an die Machbarkeit der Dinge nicht verliert."
Welches Buch würden Sie gerne noch publizieren?
Das Buch über den Bündner Toni Rüttimann, der in der dritten Welt als "Toni, el Suizo" Brücken baut, damit die Wege kürzer und das Leben weniger mühsam wird. Ich bin seit neun Jahren an ihm dran, beisse aber auf Granit, er will einfach partout kein Buch über sich.
Gibt es ein Patentrezept für einen Bestseller?
Nein, das gibt es nicht – es gibt einfach diese magischen Momente, wo alles genau richtig ist und eins zum anderen kommt und irgendwie alles stimmt. Wenn es ein Rezept gäbe, müsste auf jeden Fall eine Prise Magie aufgeführt sein.
Hatten Sie eigentlich auch Flops?
Ich mag das Wort "Flop" im Zusammenhang mit Büchern nicht. Ich sage es lieber so: Es gibt Bücher, die nicht so gut verkaufen. Und ja, davon hatte ich einige. Aber ich würde sie allesamt trotzdem nochmals verlegen. Es gibt einfach Themen, die unter die Leute müssen, auch wenn sie sich nicht rechnen.
Entscheiden Sie alleine über Ihr Verlagsprogramm oder sprechen Sie sich mit Ihrem Ehemann Frank Baumann ab?
Ich entscheide selber. Frank und ich arbeiten zwar für dieselbe Firma, die Wörterseh Entertainment GmbH, aber er hat seinen Garten und ich habe meinen. Manchmal überschneiden sich die Blumenbeete, dann zum Beispiel, wenn ich seine Golfbücher verlege oder er die Moderationen der Vernissagen übernimmt und klar, wir reden über das, was wir machen, beraten und helfen uns. Aber er lässt mich machen und ich ihn. Und das ist gut so und hat viel mit gegenseitigem Respekt zu tun. Und wohl auch mit Liebe.
Wie feiern Sie?
Mit einem Geburifestli im Weissen Wind und mit jenen Menschen, die die Entwicklung des Verlags begleitet, unterstützt und geprägt und mir dabei geholfen haben, ihn zu dem zu machen, was er heute ist.
Interview: Matthias Ackeret, Bild: Gianni Pisano
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03.05.2019 02:53 Uhr

