Über die politischen Alleingänge ihres Chefs Filippo Leutenegger ist derzeit in allen Pressetiteln zu lesen. Die Weltwoche jedoch schweigt beharrlich. Weshalb?
Leuteneggers politische Rolle ist bei der Themenwahl irrelevant.
Auch in den vergangenen Monaten war in der Weltwoche kaum einmal über die Tätigkeit Leuteneggers zu lesen...
Einspruch. Urs Paul Engeler hat die Positionierungsprobleme der FDP etliche Male kritisch kommentiert, auch Leuteneggers Rolle.
Wie nahe steht die Weltwoche Filippo Leutenegger politisch gesehen?
Leuteneggers politische Haltung ist, wie bereits erwähnt, für mich schlicht kein Thema. Ich trenne seine politische Tätigkeit strikt von seiner Funktion in der Firma. Und unsere Meinungen stimmen keineswegs immer überein. So habe ich mich vor der Abstimmung in einem Leitartikel für die Mutterschaftsversicherung ausgesprochen, während er dagegen war.
Wie sehr wird der Kurs der Weltwoche durch Leutenegger beeinflusst?
Zu Null Prozent. Um es deutlich zu sagen: An dem Tag, an dem Filippo Leutenegger mir publizistisch dreinredet, bin ich weg. Das weiss der Medienprofi Leutenegger im Übrigen sehr genau.
Im Gegensatz zu Ihrem Vorgänger Roger Köppel kennt man Sie kaum. Wofür stehen Sie ein?
Meine Strategie im öffentlichen Raum richtet sich einzig nach der Frage, ob ein Einsatz der Marke dienlich ist oder nicht. Ich gehe dorthin, wo es für die Weltwoche sinnvoll ist. Ich lege schlicht keinen Wert darauf, im Tram erkannt zu werden. Inhaltlich will ich das Blatt öffnen, aber auf der bisherigen liberalen Basis. Alle politischen Lager sollen mit ihren besten Argumenten zu Wort kommen. Die Weltwoche-Leser sind durchaus fähig, ihre eigenen politischen Schlüsse zu ziehen.
Beispiele, bitte.
Wir haben sowohl Blochers Churchill-Rede abgedruckt als auch Bodenmanns Plädoyer für einen sofortigen EU-Beitritt der Schweiz. Weiter kommt bei uns in der ökonomischen Debatte alternierend sowohl der Gewerkschafter Serge Gaillard als auch der liberale Ökonom Kurt Schildknecht zu Wort.
Inwiefern haben sie eine Kurskorrektur der Weltwoche in die Wege geleitet?
Ich habe bei meinem Amtsantritt ein Imageproblem geerbt: In der Wahrnehmung etlicher Leser befand sich die Weltwoche in einer affirmativen Grundposition zur SVP. Das wollte und will ich korrigieren. Medien müssen von parteipolitischen Positionierungen unabhängig sein. Aber ich muss auch anmerken, dass diese Wahrnehmung auch Folge der nicht immer fairen Berichterstattung unserer Konkurrenz war.Schliesslich ist diese Wahrnehmung auch mit einem grossen Paradigmenwechsel verbunden, den die Schweiz derzeit durchlebt: Der Sozialstaat muss umgebaut werden, wodurch natürlich viele Ressentiments entstehen; die Weltwoche als Ueberbringerin der Botschaft wurde -- und wird -- entsprechend heftig kritisiert. Auch andere heikle Fragen haben wir nie grossräumig umkurvt: Welche Art von Immigration wollen wir in der Schweiz? Wie wirkt sie sich auf den Zusammenhalt der Gesellschaft aus? Etc.
Die Weltwoche hat auch heute noch -- rund ein halbes Jahr nach Roger Köppels Abgang -- ein Imageproblem?
Branding-Prozesse sind sehr zähflüssig. Es ist sehr schwierig, jene skeptischen Leser, die sich gegen uns eingeschossen haben, umzustimmen. Ich kann diese Leser lediglich mit guten Geschichten zu überzeugen versuchen. Ich hatte jedoch nie die Absicht, das Steuer völlig herumzureissen. Grundsätzlich stehe ich voll hinter dem liberalen Kurs, denn der fehlt in der Schweizer Presselandschaft weitgehend.
Ist der Umbau der Weltwoche schon abgeschlossen?
Die Weltwoche ist stets ein Work in Progress. Aufs neue Jahr hin werde ich den Hefteinstieg beschleunigen, indem ich den Heftteil zur Aktualität ausweiten. Dasselbe gilt auch personell. Ich holte Daniel Ammann, Alain Zucker, Andreas Dietrich, Daniel Binswanger, Richard Herzinger (und als Kolumnisten Peter Rothenbühler und Constantin Seibt) in der Überzeugung zur Weltwoche, dass die Autoren das Programm sind. Sie alle sind sehr kritische Journalisten, und ich kann Ihnen versichern, keiner von ihnen ist Mitglied der SVP -- oder sonst einer Partei.
Wie wichtig ist Ihnen die Provokation als publizistisches Mittel?
Ich bin kein Freund billiger Provokationen, denn sie sind läppisch und unterschätzen die Intelligenz der Leser. Jedoch gehören substanzielle Provokationen zum Kerngeschäft der Weltwoche. Die Islamismusdebatte etwa begleiten wir sehr aktiv. Unsere Titelgeschichte des vergangenen Heftes, Sex und Islam, hat viele Leser aufgeregt, war aber beileibe keine billige Provokation. Denn der wahre clash of civilizations zwischen dem Westen und dem Islam entflammt sich nicht an den jeweiligen Einstellungen zur Demokratie, sondern an der Rolle der Frau in der Gesellschaft, wie der amerikanische Soziologe Ronald Inglehart bestechend nachgewiesen hat -- man müsste also geradezu von einem clash of sexual attitudes sprechen. Weitere Beispiele von beabsichtigten und nötigen Provokationen waren Markus Schneiders Artikel Wer profitiert vom Sozialstaat? -- nämlich eben genau nicht jene, die es am nötigsten hätten -- oder unsere kritische Titelgeschichte über Kofi Annan, der bis vor kurzem als ein wahrer Säulenheiliger galt. Mit unserer Kritik an Annan lagen wir erstaunlicherweise drei Monate vor der Weltpresse, die erst in den letzten zwei Wochen im Zusammenhang mit der Firma seines Sohnes kritische Fragen zu stellen beginnt.
Wie haben die Leser bisher auf Ihren Kurs reagiert?
Ich habe einen markanten Abwärtstrend geerbt. Seit rund vier Monaten steigt die Auflage wieder, sowohl bei den Abos als auch im Einzelverkauf. Offensichtlich gefällt den Lesern unser Kurs.

