An Zürcher Tramhaltestellen und Bahnhöfen bietet sich in diesen Tagen morgens stets das selbe Bild: Leere 20 Minuten-Boxen stehen neben gut gefüllten heute-Boxen mit den Ausgaben vom vorigen Abend. Viele Beobachter ziehen daraus den Schluss, dass die neue Abendzeitung von Ringier kaum gelesen wird und einen schlechten Start verzeichnet. So auch Kurt W. Zimmermann in der Weltwoche: "Die erste Abendzeitung liegt offenbar wie Blei in den Regalen, folgert der Kolumnist.
Er habe noch selten in der Schweizer Mediengeschichte ein derart missratenes Marketing erlebt wie rund um die Lancierung der ersten Schweizer Abendzeitung so Zimmermann. Wie Ringier so dumm sein könne, die eigene Überflüssigkeit dermassen öffentlich zu zelebrieren, entziehe sich seinem Verständnis. Konkret gebe es nur eines, findet Zimmermann: "Die heute-Boxen müssen um Mitternacht leer sein". Entweder man liefere weniger an, oder man räume aus, Kosten hin oder her, so sein Rat an Ringier.
Die Kolumne Zimmermanns zeigte rasch Wirkung: Ringier trat am Donnerstag Nachmittag die Flucht nach vorne an. Den Verdacht, dass das erste Gratiszeitungsprojekt von Ringier nicht gut angelaufen ist, kontert das Medienhaus mit "Good News": "heute kommt nach einem starken Start bei den Lesern gut an, freut sich die Pressestelle in einem Communiqué. Durchschnittlich könnten täglich 180'000 der gedruckten 200'000 Exemplare verteilt werden. Eine erste Leserbefragung des Instituts Link habe zudem unter anderem ergeben, dass 80 Prozent der Leser "wann immer möglich" heute auch in Zukunft lesen wollen.
Auch erklärt Ringier der Fachpresse, weshalb die heute-Boxen auch am Morgen noch stets gut gefüllt sind: In einer bereits laufenden Testphase fülle man noch bis zum 11. August mehrere grosse Verteilboxen abends ein weiteres Mal, so Ringier. Der Test solle zeigen, wie stark heute nach 24 Uhr oder am folgenden Morgen bezogen wird. Die Abendzeitung heute soll -- zumindest in einer Anfangsphase -- also auch eine Morgenzeitung sein. Dabei macht sich Ringier gleichsam die grosse Beliebtheit von 20 Minuten zu Nutze: Weil das Tamedia-Blatt am Morgen bereits früh kaum mehr zu haben ist, greift der eine oder andere Leser zur Abendzeitung heute von gestern. Damit erhofft sich Ringier, den neuen Gratistitel einer breiteren Zielgruppe bekannt zu machen
Die offensive Verteilungsstrategie von Ringier stört die Macher von 20 Minuten nicht. "Ich gehe nicht davon aus, dass uns heute am Morgen Leser wegnimmt, sagt Marcel Kohler, Geschäftsführer der 20 Minuten AG gegenüber "persoenlich.com. Die Auflage von 20 Minuten wegen heute zu erhöhen, steht für ihn ausser Diskussion. Diese Haltung sieht Kohler auch durch seine eigenen Beobachtungen als täglicher Pendler im öffentlichen Verkehr bestätigt: "Ich habe noch nie einen Pendler gesehen, der am Morgen an einer gefüllten 20 Minutenbox vorbeiläuft und zum heute greift."
Kohler mag in heute partout keinen Widersacher sehen: Er schliesst sich im Gegenteil Michael Ringiers Meinung an: heute stehe nicht in einem direkten Konkurrenzverhältnis zu 20 Minuten, so Kohler. Er wünscht sich vielmehr, dass heute Erfolg hat. Denn auch wenn uns 20 Minuten in einer Anfangsphase die eine oder andere Inserateseite kosten könnte, längerfristig werde die Gattung Pendlerzeitung gestärkt, wenn heute sich durchsetzt.

