Herr Klug, der Newsletter Ihres Plattenladens Hanseplatte hat extrem viele Fans. Vor kurzem sind einige davon in Buchform erschienen. Können Sie sich den Erfolg erklären?
Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Leute keinen Bock mehr haben auf Sätze, bei denen sie am Anfang schon wissen, wie sie aufhören. Jedenfalls nicht bei E-Mails. Bei Bestellungen ist das ja hilfreich.
Ist das Texten etwas, dass Sie mit Wonne machen und woran Sie lange feilen oder wie entstehen diese Newsletter?
Das dauert, ja. Zwischen Wonne und Qual ist jedes Gefühl beim Verfassen dabei. Sogar Scham, Trieb, Wut, Tristesse und Hunger.
Haben Sie für sich irgendwelche Regeln definiert?
Nein. Regeln und Knochen, beides wird gebrochen – wenn ich hier mal einen grossen Schriftsteller zitieren darf.
Vor kurzem sind Ihre Newsletter in Buchform erschienen. Komisches Gefühl?
Eher ein schönes und ins Wundersame kippendes: Dass die Literaturwelt nun von einem im Aussterben befindlichen Medium wie dem Newsletter Notiz nimmt, wenn man diesen zwischen zwei Holzdeckel presst, ist wirklich erstaunlich. Und aber auch toll.
Ein Gratistipp für alle Newsletter-Autoren und eifrigen Marketing-Schüler?
Aufhören mit dem Schwachsinnssprech! Sich was Anderes ausdenken. Und keine Tipps annehmen.
Sie verkaufen in ihrem Laden und Webshop praktisch ausschliesslich Produkte aus Hamburg – nur die guten?
Nö, sicher auch die schlechten. Ich kann diverse Platten nicht leiden, die wir haben. Aber ich sag nicht welche.
Welche Artikel laufen derzeit am besten?
Schwierig zu sagen. Die ganze Palette von Musik und Hamburgensien. Schweizer kaufen im übrigen gern Seemannspullis bei uns. Vielleicht aus Überkompensation?
Die Hamburger sind bekannt für einen besonderen Humor. Im Falle von Studio Braun tun sich da zwischen all den träfen Sprüchen und der Coolness schon mal ziemlich tiefe Klüfte auf. Sind Sie auch ein eher schweres Gemüt? Bedingt sich das?
Ob sich das bedingt, weiss ich nicht. Das ist inzwischen ja auch so ein Klischee: Der Clown muss privat traurig sein. Ich muss mich mittels Humor an den Zumutungen der Moderne abarbeiten, anders ertrage ich den Weltenkrampf gar nicht.
Von all diesen lustigen Vögeln in Hamburg – wer ist denn eigentlich der lustigste? Wer haut die krassesten Sprüche raus? Jacques Palminger?
Ja, der und Strunk und Schamoni gehören sicher zu den lustigsten Menschen der Jetztzeit. Aber auch die ganzen Namenlosen und Saufköppe, die man abends trifft, hauen mitunter Sachen raus, auf die ich selbst mit Denkhilfe nie gekommen wäre. DJ Koze ist übrigens auch sehr komisch. Und und und.
Teilen Sie die Begeisterung von Jan Delay und anderer für H.P. Baxxter und Scooter?
Eine Minute lang ja. Dann widme ich mich lieber wieder meiner Chipssammlung.
Irgendjemand, in den Sie musikmässig grosse Hoffnungen setzen?
Schnipo Schranke werden kommen, das ist mal sicher.
Schnipo Schranke - Pisse (OFFIZIELLES MUSIKVIDEO) from Daniela Reis on Vimeo.
Wie wurde Ihr Ausspruch "Leider geil" zu einem Stück von Deichkind?
Indem sie es auf ihre treffliche Art zu einem Welthit machten. Hätte ich nie gekonnt. Das sind Toptypen mit dem Fleck auf dem richtigen Herzen.
Was erwartet die Besucher Ihrer Lesung am Mittwoch im Zürcher Klub Kaufleuten? Eine Trinkerlesung so wie bei Rocko Schamoni?
Der trinkt nur so zu Schein! Das weiss eigentlich keiner, aber der hat sich einen dünnen Schlauch an den Hals kleben lassen und lässt die Biere in einen Sack unter seinem Anzug laufen! Ich dagegen trinke real, aber mit Massen. Ansonsten gibt’s Sitzplätze und lustige Geschichten. Hohe Literatur, die tief fällt!
Haben Sie derzeit eine Lieblingsspruch?
Ja. Er heisst "Ach so, von vorne!" und ist die Pointe meines Lieblingswitzes, den ich in Zürich sicher erzählen werde.
Letzte Frage: Wovon handelt Ihr nächstes Buch?
Von dem unbekannten LSD-Maler Porepp aus Winterhude, dessen Aufzeichnungen ich gefunden habe. Ein Mann auf richtig verlorenem Posten!
Fragen: Adrian Schräder/Bild: zVg
Gereon Klug "Low Fidelity. Hans E. Plattes Briefe gegen den Mainstream", Verlag Haffmans Tolkemitt, 240 Seiten, 29.90 Fr.
Lesung: Mittwoch, 14.01.2015, 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich

