10.10.2023

Krieg in Nahost

«Aufwühlend, schockierend, unerträglich»

Die Bilder aus Nahost machen betroffen. Am Samstag gingen Tausende von Raketen über ganz Israel nieder. Terrorkommandos drangen bis weit ins Landesinnere vor. Wie lässt sich dieser Konflikt lösen? Sechs persönliche Meinungen von Journalistinnen und Journalisten.
von Matthias Ackeret

Erich Gysling

Journalist und Nahostexperte

«Als ich die erste Nachricht von der Hamas-Attacke las, war ich blank entsetzt. Es wurde ja rasch klar, dass das ein Angriff vor allem auf Zivilisten in Israel ist. Hamas hat sich damit zur Terrororganisation gemacht.

Kann der Konflikt gelöst werden, wie? Theoretisch würde er dadurch entschärft, dass Israel seine Siedlungsaktivitäten im Westjordanland beenden und sich auf einen Dialog um eine Zweistaatenlösung einlassen würde. Aber das ist Theorie – in Wahrheit ist die Zweistaatenlösung vom Tisch.»



Doris Kleck

Stv. Chefredaktorin und Co-Leiterin Inlandredaktion von CH Media

«Die Terroranschläge machen mich wütend und traurig. Die Bilder vom Outdoor-Rave sind fast nicht zu ertragen. Ich denke in diesen Tagen auch oft an meine eigenen Reisen nach Israel. Im Juli 1997 war ich in Jerusalem, als sich ein Hamas-Selbstmordattentäter in einer Markthalle in die Luft sprengte und 15 Menschen mit in den Tod riss. Ich selbst spürte nur die Detonation, doch die Spannung, Angst und Stille, die danach die Stadt ergriffen, werde ich nie vergessen. Vor zehn Jahren zog es mich zurück. Damals besuchte ich auch ein palästinensisches Flüchtlingslager in der Nähe Betlehems. Über dem Eingang prangte ein riesiger Schlüssel – er symbolisiert die Hoffnung auf eine Rückkehr. Als die Palästinenser 1948 und 1967 flüchten mussten, nahmen sie den Hausschlüssel mit. Seither sind Jahrzehnte vergangen. Zwei Reisen, zwei Anekdoten, die für viel Hoffnungslosigkeit stehen.

Wie man diesen Konflikt lösen kann? Das ist wohl die Ein-Millionen-Dollar-Frage. Ganz ehrlich: Ich glaube, er ist nicht lösbar. Es fehlt jegliche Perspektive und wenn wir ehrlich sind, haben wir im Westen auch längst das Interesse daran verloren. Das ist fatal. Denn der Nahostkonflikt ist die Wiege von so viel Unheil. Als Osama bin Laden sich zu den Terroranschlägen auf die Twin Towers in New York bekannte, bezog er sich vor allem auch auf Israel. Wir hängen hier dieser Idee einer Zweistaatenlösung nach, obwohl in den letzten Jahren nichts dafür getan wurde. Niemand hat ein Interesse. Eine Kollegin sagte heute Morgen an einer Sitzung: Die Zweistaatenlösung erinnere sie an Snoopy, der in der Sonne verzweifelt versuche, einen Schneemann zu bauen. Traurig, aber wahr.»



Simon Bärtschi

Chefredaktor BZ Berner Zeitung / Chefredaktor Redaktion BZ/Der Bund

«Was derzeit im Süden Israels abgeht, geht mir unter die Haut. Es sind diese Bilder, die wir so schnell nicht wieder loswerden. Etwa von den panisch fliehenden Festival-Besuchern, die vor den mordenden Hamas-Terroristen ums Leben rennen. Von Männern, die auf einem Pick-up eine leblos scheinende Person zur Schau stellen, mit einem jubelnden Mob drumherum. Oder von Schwerbewaffneten, die in israelischen Siedlungen von Tür zu Tür gehen, um Geiseln zu nehmen. Der Terror zeigt seine grässliche Fratze, in Realtime auf Social Media.

Ein lösbarer Konflikt? Ich bin als Beobachter skeptisch, ob in absehbarer Zeit ein friedliches Nebeneinander überhaupt möglich ist. Die Terroristen wollen Israel vernichten, die Palästinenser sind zerstritten, Israel ist verständlicherweise kompromisslos. Derzeit deutet alles auf eine weitere Eskalation hin.»



Andreas Dietrich

Chefredaktor Blick

«Am liebsten möchte man wegschauen. Die Fotos, Videos, Opferdramen sind ja eigentlich nur mit erkaltetem Herzen und abgestumpften Sinnen zu ertragen. Als Journalist aber muss man hinschauen. Und in diesem Fall auch genau hinhören. Es ist erschreckend, wie viele Leute den Hamas-Terrorismus nicht als jene Abscheulichkeit benennen, die er ist. Manchmal offen mit Antisemitismus, meist verquirlt mit historischem Halbwissen, Israel-Ressentiments und schöngefärbter Palästina-Solidarität relativieren sie das Morden, Verschleppen, Misshandeln von Menschen. Bei Gräueltaten gibt es keine Grautöne. Als Medien müssen wir selbstverständlich Hintergründe liefern und Kontext zeigen – aber als Aufklärung im Sinne von Klarheit, nicht Verklausulierung.

Persönlich denke ich dieser Tage immer wieder an einen Buben, dem ich vor 30 Jahren in Gaza begegnet bin. Mit einem Fotografen war ich als Reporter in einem Camp von über 400 deportierten Palästinensern im Südlibanon. Nach ihrer Rückkehr haben wir einige ein Jahr später im Gazastreifen wieder besucht. Da waren unbescholtene Männer dabei, aber auch islamistische Fanatiker und spätere Hamas-Führer. Im Haus einer Familie fragte ich den Zweitjüngsten, was er einmal werden wolle. Er formte mit seinen Händen ums Bäuchlein einen imaginären Sprengstoffgürtel. Heute ist der Bub, wenn es ihn noch gibt, ein junger Mann. Ich frage mich, ob er jetzt einer der Schlächter war.  

Schon damals wusste ich nicht, wie ein Konflikt zu lösen wäre, der Kinder davon träumen lässt, Selbstmordattentäter zu werden. Und es ist nur schlimmer geworden.»



Daniel Binswanger

Co-Chefredaktor Republik

«Die Nachrichten vom Hamas-Überfall auf Israel sind aufwühlend, schockierend, unerträglich.

Was die Lösungsperspektiven für den Palästina-Konflikt betrifft: Ich setze mich seit langen Jahren damit auseinander, habe immer wieder dazu geschrieben, Interviews mit Expertinnen geführt. Die Republik wird sich bemühen, die Ereignisse publizistisch zu begleiten, heute mit einer ersten Einordnung von Daniel Strassberg. Es ist offensichtlich, dass es keine andere Lösung geben kann, als dass Israelis und Palästinenser in Frieden in Palästina zusammenleben. Aber ich fühle mich am heutigen Tag nicht berufen, Ratschläge zu geben, wie dieses Ziel erreicht werden soll.»



Oliver Steffen

Chefredaktor Regionale Elektronische Medien CH Media

«Der Angriff der Hamas bewegt mich und unser Publikum sehr. Die Brutalität und die Willkür sind barbarischer Terrorismus und durch nichts zu rechtfertigen. Darunter zu leiden haben die Zivilisten in Israel aber auch jene im Gazastreifen.

Eine allfällige Friedenslösung ist damit wohl mindestens eine Generation weiter entfernt als davor. Wenn es diese jemals geben sollte, wird es wohl eine Zweistaatenlösung sein, aber es liegt mir fern, dies aus der Schweiz in diesem hochkomplexen Konflikt voraussagen zu können.»



persoenlich.com stellte die Frage: «Wie erleben Sie persönlich die Terroranschläge in Israel und was müsste man unternehmen, um diesen Konflikt zu lösen – oder ist er gar nicht lösbar?»

Bilder: Keystone/AP Photo/Ohad Zwigenberg, CH Media/Filip Stropek, zVg.



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Kommentare

  • Peter Eberhard, 11.10.2023 10:57 Uhr
    Gysling: "Hamas hat sich damit zur Terrororganisation gemaht". Wie bitte, DAMIT? Die Hamas war seit ihrer Gründung 1988 eine Terrororganisation, die jegliches Arrangement mit Israel ablehnt (z.B. auch das Oslo-Abkommen). Wenn es je (?) zu einer Zweistaatenlösung kommen soll, müssen sich die Paläsinenser von dieser Mörderbande distanzieren. Und ja, dann müsste man auch über die Siedlungen von Israeli im Westjordanland sprechen. Aber jetzt gerade ist nicht die Zeit zum Relativieren.
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