19.12.2019

Eingriffe in Interviews

Branchenvereinbarung soll Wildwuchs eindämmen

Interviewantworten werden beim Gegenlesen oft umgeschrieben oder abgeschwächt. Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten will dieser Praxis Einhalt gebieten. Ein Dutzend Wirtschaftsredaktionen haben die neue Vereinbarung unterzeichnet – ausser NZZ und NZZ am Sonntag.
Eingriffe in Interviews: Branchenvereinbarung soll Wildwuchs eindämmen
Gegen tiefrote Interviews: Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten will dem ursprünglichen Sinn der Autorisierung von Interviews wieder Nachdruck verschaffen. (Bilder: persoenlich.com/Christian Beck)
von Christian Beck

Das Interview ist im Kasten, die Antworten sind prägnant. Nun wird das fertig transkribierte schriftliche Interview der Medienstelle zur Autorisierung geschickt. Zurück kommen völlig neue Antworten im PR-Slang, die mit dem ursprünglich geführten Interview nichts mehr zu tun haben. Die kernigsten Aussagen sind jetzt nur noch Wischiwaschi. Beide Seiten hätten sich ein persönliches Treffen sparen können, der Frust sitzt tief.

Kaum ein Journalist, der diese oder ähnliche Szenen nicht auch schon erlebt hätte. Gar von «Verstümmelung» guter Interviews während des Autorisierungsprozesses spricht der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten in der Einladung zum Pressegespräch vom Mittwoch bei Tamedia. Anlass dazu ist die Lancierung der Branchenvereinbarung «Autorisierung von Interviews». «Wir versuchen damit, den Wildwuchs, der sich in den letzten Jahren etabliert hat, wieder etwas einzudämmen», sagte Marc Kowalsky, Präsident des Clubs und Stv. Chefredaktor der Bilanz.

Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt die Zahl der Unterzeichnenden: Ein Dutzend Chefredaktoren und Ressortleiter zahlreicher wichtiger Medien haben sich der Branchenvereinbarung angeschlossen, darunter die Wirtschaftsredaktionen von Tamedia, CH Media und Ringier sowie Wirtschaftszeitungen wie Finanz und Wirtschaft, Bilanz und Handelszeitung. Auch die Finanznachrichtenagentur AWP hat unterschrieben.

Gegen «weichgespülte Interviews»

Die Unterzeichnenden würden anstreben, dem ursprünglichen Sinn der Autorisierung von Interviews wieder Nachdruck zu verschaffen, steht in der Branchenvereinbarung. Das heisst: Der tatsächliche Inhalt des Gesprächs soll so wiedergegeben werden, wie es geführt worden sei. «Denn das Autorisieren wird von den Interviewten und ihren Kommunikations- und Rechtsberatern häufig verwendet, um Antworten abzuschwächen, ins Gegenteil zu verkehren oder ganz zu streichen.»

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Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten definierte deshalb «verbindliche Spielregeln». «Es geht nicht um unsere verletzte Berufsehre, sondern um die Glaubwürdigkeit der Medien. Wir können keine weichgespülten Interviews publizieren, das goutieren die Leser nicht», so Vorstandsmitglied Peter Burkhardt, Wirtschaftschef von Tamedia Deutschschweiz und der SonntagsZeitung, am Pressegespräch. Er ist der Initiant der Branchenvereinbarung.


Herr Burkhardt, dieses Interview, das wir nun führen, werde ich Ihnen nach dem Transkribieren zur Autorisierung zusenden. Was werden Sie damit machen?
Ich würde das Interview dahingehend prüfen, ob es ein offensichtliches Missverständnis zwischen uns beiden gab oder – weil ich jetzt Schweizerdeutsch spreche – ob es bei der Übersetzung in eine andere Sprache ebenfalls zu Missverständnissen kam. That’s it.

Was ist das Schlimmste, was Sie je erlebt haben?
Am Samstagnachmittag um 14 Uhr wollte ein sehr erfahrener PR-Berater ein Interview mit einem wichtigen Exponenten einer grossen Schweizer Firma zurückziehen. Wir waren uns nicht handelseinig über gewisse von ihm angebrachte Änderungen. Viele Journalistenkollegen erleben zudem immer wieder, dass Interviews tiefrot zurückkommen.

«Es kommt immer wieder vor, dass Fragen gestrichen werden»

Sie sprechen von «Verstümmelung». Wie häufig kommt das vor?
Sehr häufig. Da geht es um den Inhalt und die Sprache, Aussagen werden zurückgezogen oder so stark abgeschwächt, dass es nicht mehr dem ursprünglichen Wortsinn entspricht. In Ausnahmefällen erlebte ich es schon, dass aus einem Ja plötzlich ein Nein wurde. Und das Unglaublichste für mich: Es kommt immer wieder vor, dass Fragen gestrichen werden. Das empfinde ich als irritierend, da es sich um einen Eingriff in meine Fragenstellung handelt.

Wie verpflichtend ist nun die Unterzeichnung der Branchenvereinbarung?
Es ist eine Selbstverpflichtung und kein Rechtstitel. Es ist nun Sache der Unterzeichnenden, sich an die Branchenvereinbarung zu halten. Diese Chefredaktoren und Ressortleiter müssen nun helfen, dieses Vorgehen in ihren Teams umzusetzen.

Trotz Branchenvereinbarung kommt erneut ein tiefrotes Interview zurück. Wie gehen Sie vor?
Ich würde erwarten, dass jene, die die Branchenvereinbarung unterzeichnet haben, auf den Tisch klopfen und ihr Gegenüber darauf aufmerksam machen, dass es sich nicht an die Vereinbarung hält. Aus diesem Grund werde das tiefrote Interview nicht akzeptiert. Ich würde das Interview so zurückweisen.

Und wenn es zu keiner Einigung kommt, müsste man konsequenterweise das Interview spülen …
Genau das wollen wir mit dieser Branchenvereinbarung zu verhindern helfen: ein Interview weichspülen und danach mit dem Rückzug drohen. Einen Rückzug durch den Interviewpartner schliessen wir mit der Vereinbarung aus. Die unterzeichnenden Redaktionen müssen sich überlegen, wie sie damit umgehen würden. Ein gangbarer Weg wäre, dass man sich beim Transkribieren sehr eng am aufgezeichneten Gespräch orientiert und dieses so trotzdem publiziert.

Peter Burkhardt verzichtete im Übrigen darauf, das Interview gegenlesen zu wollen.

«Gesagt ist gesagt»

Laut den «Spielregeln» soll der Interviewtext wie bis anhin vor der Veröffentlichung dem Interviewpartner zum Gegenlesen und Autorisieren unterbreitet werden. «Konkret darf der Interviewte Sinnentstellungen, Fehler und unzulängliche Verkürzungen, die durch die Verschriftlichung entstanden sind, korrigieren. Er darf eigene Falschaussagen oder Aussagen korrigieren, die ihn nachweislich in rechtliche Schwierigkeiten bringen», heisst es. Ansonsten gelte: «Gesagt ist gesagt.» Nicht zulässig sind gemäss Branchenvereinbarung «inhaltliche und sprachliche Umgestaltung von Antworten, die Streichung von Fragen und die Rücknahme von tatsächlich gemachten Aussagen».

Wenn das Interview zur Autorisierung gesendet werde, soll an die vereinbarten «Spielregeln» erinnert werden. Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten schlägt folgenden Wortlaut vor: «Bitte prüfen Sie Ihre Antworten auf inhaltliche und formale Richtigkeit. Nachträgliche Änderungen Ihrer Aussagen akzeptieren wir nur, wenn sie durch eine bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung sich ändernde Sachlage oder durch ein offensichtliches Missverständnis begründet sind. Alle Änderungen bitte zwingend längenneutral.» Er sei erfreut, dass sich so viele Wirtschaftsredaktionen und Wirtschaftsmedien der Branchenvereinbarung angeschlossen hätten, so Kowalsky. «Mit geeinter Kraft können wir dazu beitragen, dass das Prinzip ‹Gesagt ist gesagt› wieder respektiert wird.»

Nicht unterzeichnet wurde die Branchenvereinbarung von den Wirtschaftsredaktionen der NZZ und NZZ am Sonntag. «Bei der NZZ möchte man sich zunächst grundsätzlich, das heisst Ressort-übergreifend, zum Thema Gedanken machen. Und bei der NZZ am Sonntag ist man noch nicht dazu gekommen, das Thema intern zu besprechen», so Seta Thakur, Leiterin Unternehmenskommunikation, auf Anfrage von persoenlich.com.

Positives Echo von PR-Beratern

Bei der Ausarbeitung der Branchenvereinbarung seien auch Juristen an Bord geholt worden. Zudem machte Burkhardt vorgängig eine Tournee zu verschiedenen PR-Beratern. Das Echo sei äussert positiv gewesen. «Für einen Exponenten der Wirtschaft ist es nicht förderlich, wenn sein Interview im Marketing-Slang daherkommt.» Laut Burhardt sei diese Branchenvereinbarung die letzte Chance für die Form des Interviews. «Wenn es uns nicht gelingt, die heute weit verbreitete Praxis wieder zu kehren, dann müssen wir uns überlegen, künftig auf die Form des Interviews ganz zu verzichten.»

Die Branchenvereinbarung gilt nur für die unterzeichnenden Wirtschaftsredaktionen, nicht jedoch für weitere Ressorts. Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten, dem 130 Medienschaffende angehören, sieht sich hier jedoch gerne als Vorbild für weitere Nachahmer – und hofft darauf, bei weiteren Journalistinnen und Journalisten eine Debatte auszulösen.



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Kommentare

  • Redaktion persoenlich.com, 19.12.2019 22:37 Uhr
    Danke für den Hinweis. Wir haben die Branchenvereinbarung nun innerhalb des Textes verlinkt: http://wirtschaftsjournalisten.ch/interviews.html
  • Jürg Vollmer, 19.12.2019 12:45 Uhr
    «Der Club der Zürcher Wirtschaftsjournalisten sieht sich gerne als Vorbild für weitere Nachahmer – und hofft darauf, bei weiteren Journalistinnen und Journalisten eine Debatte auszulösen.» Dann wäre es sinnvoll, die Vereinbarung im Wortlaut zu veröffentlichen.
  • Victor Brunner, 19.12.2019 09:22 Uhr
    Wäre wieder einmal ein Schritt Richtung Qualitätsjournalismus. Vermerk wie das Interview geführt und bearbeitet wurde, oder warum ein Interview nicht publiziert wurde obwohle ein Interesse bestanden hätte! Das witzige am Ganzen: Journalisten treffen bei Unternehmen oder Behörden immer mehr auf Berufskollegen die einen sicheren "Hafen" gesucht haben und zu einer Art "Melitta-Filter" geworden sind. Interessant dass die NZZ Medien nicht dabei sind, also weiter Wellness-Stories!
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