06.12.2018

Ju-52-Absturzvideo

«Das alles nur für eine fette Schlagzeile»

Ju-Air verurteilt die Veröffentlichung eines Augenzeugen-Videos auf blick.ch scharf. Im Film ist der Aufschlag der «Tante Ju» zu sehen. Das sei verantwortungslos und unethisch, kritisiert der Kommunikationsbeauftragte Christian Gartmann.
Ju-52-Absturzvideo: «Das alles nur für eine fette Schlagzeile»
«Dass es bei der Publikation nur um den Sensationseffekt geht, zeigt der Filmbeitrag selbst. Der Aufschlag wird nicht weniger als sieben Mal gezeigt», sagt Christian Gartmann, Beauftragter Kommunikation Ju-Air. (Bilder: zVg./Screenshot)
von Matthias Ackeret

Herr Gartmann, was stört Sie an der Veröffentlichung des Absturzvideos auf blick.ch?
Familien, Freunde und Kollegen der Unfallopfer haben schon sehr viel durchgemacht. Die Ju-Air setzt sich aktiv dafür ein, dass sie nicht noch mehr Leid erleben. Das ist eine der Hauptaufgaben der Krisenkommunikation nach einem solchen Ereignis. Der Film zeigt nun den Aufschlag der Maschine. Es ist für die Betroffenen unerträglich, ihn anzusehen oder darauf angesprochen zu werden. Der Flugverlauf in der letzten Kurve ist seit August bekannt. Die Publikation des Films zielte einzig darauf ab, eine grosse Sensation zu schaffen und entsprechende Reichweiten zu erzielen. Sie ist weder für die Ursachenforschung, noch sonst journalistisch relevant. Es geht nur um die Befriedigung der Sensationslust. Das ist vom «Blick» und von allen Medien, die den Film übernommen haben, verantwortungslos und in höchstem Mass unethisch.

Kannten Sie das Video vorher oder wussten Sie von dessen Existenz?
Bereits einen Tag nach dem Absturz wussten wir, dass die Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) einen Film bekommen hat und dass er nur wenige Sekunden lang ist. Zahlreiche Medienleute wussten das ebenfalls.

Wurden Sie kontaktiert, dass das Video nun online aufgeschaltet wird?
Nein. Ich hätte den verantwortlichen Reporter einmal mehr darauf hingewiesen, dass er auch dafür verantwortlich ist, was er bei den Betroffenen mit einer Publikation auslöst: Unendlich viel Schmerz – und das alles nur für eine fette Schlagzeile.

«Die Sequenz wird förmlich ausgekocht»

Ringier argumentierte gegenüber persoenlich.com, dass eine Aufschaltung des Videos, eingebettet in einem redaktionellen Umfeld, ethisch vertretbar sei. Wie sehen Sie dies?
Eine «Einbettung» macht ein unethisches Verhalten nicht einfach ethisch. Im Textbeitrag wird wortreich der grosse Wert des Films für die Ermittler beschworen. Aber der Film ist für die Ermittlung der Unfallursache gar nicht von Relevanz. Das sagte der Untersuchungsleiter gegenüber der «Tagesschau» in aller Deutlichkeit. Der «Blick» hat ihn vor der Publikation sicher auch kontaktiert – die Redaktion wusste das also. Dennoch behauptet sie, das Video könne «entscheidend zur Lösung des Rätsels beitragen». Dass es bei der Publikation nur um den Sensationseffekt geht, zeigt der Filmbeitrag selbst. Der Aufschlag wird nicht weniger als sieben Mal gezeigt – teils mit Digitalzoom und in Superzeitlupe. Die Sequenz wird förmlich ausgekocht.


Bekamen Sie Reaktionen von Betroffenen und Angehörigen?
Natürlich. Sie können nicht verstehen, weshalb man ihnen und den Verunfallten das antut.

«Reichweite und Kommerz über die Menschlichkeit gestellt»

Planen Sie rechtliche Schritte?
Der Presserat sollte sich dem Thema annehmen. Aber nicht nur der «Blick», sondern auch die zahlreichen Medien, die den Film übernommen haben, stehen in der Verantwortung. Sie haben Reichweite und Kommerz über die Menschlichkeit gestellt. Dieser Absturz ist kein Computerspiel. Er ist eine menschliche Tragödie. Die Verunfallten und ihre Hinterbliebenen verdienen es nicht, so behandelt zu werden. Dass es auch anders geht, zeigte übrigens die «Südostschweiz». Sie hat bewusst auf eine Publikation des Films verzichtet, obwohl sie schon viel früher an der Sache dran war als der «Blick».

Wie geht es mit Ju-Air nach dem Flugverbot durch den Bund weiter?
Das Flugverbot betrifft nicht die Ju-Air, sondern ihre beiden älteren Flugzeuge. Sie sind zurzeit in der Winterpause, die jedes Jahr für ein umfassendes Wartungsprogramm genutzt wird, und werden nun von uns und vom Bundesamt für Zivilluftfahrt sehr detailliert untersucht. Zusätzlich nehmen wir eine stillgelegte, dritte Maschine wieder in die Flotte auf. Auch sie wird vorher sehr genau überprüft. Wir planen, den Flugbetrieb im kommenden März wieder aufzunehmen. Das tun wir aber erst, wenn wir alle allenfalls bestehenden Sicherheitsbedenken ausgeräumt haben.



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Kommentare

  • Robert Weingart , 05.12.2018 22:46 Uhr
    Wer trägt beim Blick die Verantwortung für diese Publizierung? Chefredaktor Dorer? Nachrichtenchef Inguscio? Soll einer hinstreuen und sich entschuldigen! Einfach daneben.
  • Peter Eberhard, 06.12.2018 09:45 Uhr
    Hat irgend jemand vom Unterhaltungskonzern Ringier etwas anderes erwartet?
  • Beat Fux, 06.12.2018 11:39 Uhr
    Diese Art von Journalismus ist bei Blick notorisch. "Heinz de Specht" hat dies in "Nur din Job" angeprangert: https://www.youtube.com/watch?v=_VmSV7_cV8Q
  • Werni Müller, 06.12.2018 12:46 Uhr
    Zynischer Herr Gartmann. Absolut richtig, dass Blick und andere Medien diesen Film veröffentlichen. Das interessiert die Bevölkerung! Das Flugverbot für die Ju 52 ist absolut richtig. Gehts der Ju-Air nur darum, dass alte Piloten ihr fliegerisches Ego befriedigen können? Ihr elitäres Gehabe gibt mir sowas auf den Wecker. Was soll das Gejammer der Ju-Air? Hätten die Ju-Air ihre Hausaufgaben richtig gemacht, wäre dieses grausame Unglück nicht passiert. Und wollten doch genau Sie und ihre Ju-Air 14 Tage nach dem Absturz wieder Rundflüge machen. Das ist verantwortungslos und unethisch!
  • Robert Weingart, 06.12.2018 15:31 Uhr
    @Werni Müller: Was interessiert die Bevölkerung? Oder vielleicht Sie? Voyerismus von der übelsten Sorte? Echt jetzt?
  • Lorenzo Ancona, 06.12.2018 19:19 Uhr
    Das ist eben gerade nicht "Voyeurismus der übelsten Sorte", sondern ein Zeitdokument. Sollen die Bilder des Challenger-Absturzes verboten werden, weil sie letztlich zeigen, wie Menschen ums Leben kommen? Voyeurismus, ja das gibts. Das hier ist aber ein Zeitdokument von öffentlichem Interesse. Dass die Ju-Air dies anders sieht, versteht sich von selbst. Dass wir die Diskussion führen, was zumutbar ist, ist zudem richtig. Aber man könnte sie mit Argumenten führen, nicht Vorwürfen und Forderungen.
  • Robert Christen, 07.12.2018 14:33 Uhr
    Die Ju-Air verurteilt also, dass verschiedene Medien diesen Film gezeigt haben, wegen den Angehörigen. Was denken wohl diese Angehörigen, wenn sie jetzt von der SUST erfahren müssen, was für Mängel dieses Flugzeug hatte (verrostete Teile, Teile aus abgestürzten Flugzeugen, morscher Boden etc.), obwohl die Ju-Air stets versicherte, dass ihre Flugzeuge sicher seien......
  • Ueli Custer, 07.12.2018 15:39 Uhr
    Natürlich habe ich mir den Film auch angesehen. Auch weil ich mir erhofft hatte, mehr über diesen nach wie vor ungeklärten Absturz zu erfahren. Diese Hoffnung hat sich in keiner Weise erfüllt. Der Informationsgehalt ist für mich gleich Null. Und offenbar wusste man schon ohne den Film, dass das Flugzeug senkrecht mit dem Cockpit voran abgestürzt war. Was in den Kommentaren weiter oben als Rechtfertigung angeführt wird, sind meines Erachtens alles keine wirklichen Gründe. Und was die Ju-Air womöglich alles falsch gemacht hat, spielt bei dieser Frage sowieso keine Rolle.

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