19.03.2026

TX Group

«Das macht mir als Mensch schlicht Angst»

Bereits die Hälfte der Inhalte im Netz sind KI-generiert. Das beunruhigt TX-Group-COO Tanja zu Waldeck. Im Interview im Rahmen eines Medienevents spricht sie über die Chancen von KI im Journalismus, über Margen bei Tamedia, 20 Minuten und Goldbach – und darüber, wie verrückt ein Medienunternehmen sein muss.
TX Group: «Das macht mir als Mensch schlicht Angst»
«Wir müssen uns immer wieder kritisch fragen, wo wir den Unterschied machen können», so Tanja zu Waldeck, Chief Operating Officer (COO) der TX Group. (Bild: zVg)

Tanja zu Waldeck, Sie haben mal gesagt, Medienunternehmen müssten manchmal auch ein bisschen verrückt sein. Ist die TX Group verrückt genug?
Die TX Group ist definitiv noch nicht verrückt genug. Aber wir sind auf einem guten Weg, uns auch wirklich mutigere Projekte zuzutrauen. Das an der Medienkonferenz vorgestellte Thema rund um Vertical-Videos und hyperlokale Inhalte sind gute Beispiele dafür.

Nach anderthalb Jahren bei der TX Group: Was überrascht Sie immer noch?
Was mich jeden Tag positiv überrascht, ist die Leidenschaft für das, was wir hier tun – von allen Menschen, quer durch alle Teams. Das ist sehr bezeichnend für Journalistinnen und Journalisten und für Medienprodukte. Ich finde das immer wieder begeisternd.

«Wir schieben mehr Projekte an, nehmen mehr Geld in die Hand und lenken mehr Aufmerksamkeit darauf»

Als Chief Operating Officer (COO) gelten Sie als Bindeglied zum Verwaltungsrat. Wissen die Mitarbeitenden, was Sie tun?
Die Mitarbeitenden merken es im Alltag wahrscheinlich nicht so direkt, weil ich am meisten mit den CEOs, mit Pietro Supino und mit dem Verwaltungsrat zu tun habe. Aber ich glaube, sie spüren es dann schon, wenn wir Fragen nachgehen wie: Worauf konzentrieren wir uns? In was wollen wir investieren? Das sind natürlich elementare Fragen, die ich gemeinsam mit den Unternehmen gestalte und dann dem Verwaltungsrat vorschlage.

Wo haben Sie in den letzten anderthalb Jahren den grössten Hebel angesetzt?
Zuerst die Konzentration auf digitales Wachstum: Wir schieben mehr Projekte an, nehmen mehr Geld in die Hand und lenken mehr Aufmerksamkeit darauf. Und das Zweite ist die Fokussierung auf die Kernfelder, wo wir wirklich einen Unterschied machen wollen. Wir haben uns von sehr vielen Aktivitäten getrennt – denn auch das kostet uns Aufmerksamkeit.

Sie kommen von BurdaForward in München. Was ist der grösste kulturelle Unterschied zwischen einem deutschen und einem Schweizer Medienhaus?
Ich weiss gar nicht, ob es wirklich der Unterschied zwischen einem deutschen und einem Schweizer Medienunternehmen ist – oder einfach der Unterschied zwischen Burda und TX Group. Das kann ich nicht genau trennen. Burda ist vielleicht etwas verspielter. Die TX Group ist sehr klar, analytisch und umsetzungsstark – kann aber durchaus noch etwas mehr «Verrücktheit» gebrauchen.

Apropos Zahlen: Goldbach, Tamedia, 20 Minuten – sie alle haben tiefe Margen. Was muss 2026 anders laufen?
Alles, was wir im letzten Jahr getan haben, hat am Ende die unternehmerische Selbstständigkeit wieder betont. Und das bedeutet natürlich auch, in allen Geschäften wieder eine gesunde Marge zu erreichen. Deshalb sind wir zuversichtlich, dass wir dieses Jahr die Margenziele bei 20 Minuten und Goldbach erreichen werden. Dafür haben wir im letzten Jahr alles getan. Tamedia arbeitet an den Margenzielen für 2027. Das ist wichtig, denn nur wenn wir finanziellen Freiraum haben, können wir in Neues investieren.

«Wir müssen als Medienbereich uns selbst tragen, und das tun wir»

TX Markets trägt den Konzern mit fast 79 Prozent Marge. Wie lange ist dieses Ungleichgewicht strategisch tragbar?
Zuerst einmal freuen wir uns, dass wir ein zweites wirklich grosses Standbein haben – das gibt uns Ruhe, spornt uns aber auch an. Wir müssen als Medienbereich uns selbst tragen, und das tun wir. Aber dafür brauchen wir noch mehr Luft. Das ist unser Ehrgeiz: dass wir unseren Auftrag erfüllen, uns selbst tragen, investieren können und damit auch den Gesellschaftern Freude machen.

Und Quersubventionierungen innerhalb der einzelnen Marken – wird es das geben?
Nein, wir möchten wirklich, dass sich unsere Modelle einzeln tragen. Das ist uns wichtig, weil wir glauben, dass das die Grundlage für unsere journalistische Selbstständigkeit ist.

Alle Medienmarken waren an der Medienkonferenz vom Mittwochmorgen vertreten. Die Chefinnen und Chefs haben vor den Journalisten gesprochen – ausser der CEO von Goldbach. Hat das einen bestimmten Grund?
Nein. Wir hatten schlicht und einfach zu wenig Zeit und wollten den Fokus aufs Journalistische legen. Wir hätten Goldbach gerne auch mitgebracht, aber dann wäre die Veranstaltung zu lang geworden.

KI verändert das Mediengeschäft rasant. Was macht Ihnen Sorgen?
Was mir Sorgen macht: 50 Prozent KI-generierte Inhalte im Netz – und was das mit unserer Gesellschaft macht. Selbst wenn man erkennt, dass etwas gefälscht ist, bleibt der Einfluss auf den Menschen bestehen. Dazu gibt es Studien, und das macht mir als Mensch schlicht Angst. Der Druck im Medienbereich ist dadurch nochmals gewachsen. Wir müssen uns immer wieder kritisch fragen, wo wir den Unterschied machen können.

«Das Einsparen von Kosten ist ein Muss – das ist leider so»

Und was stimmt Sie zuversichtlich – dass man Kosten sparen kann dank KI? Oder geht es darüber hinaus?
Was mich an KI wirklich begeistert, sind die Möglichkeiten für Produktinnovationen. Das Einsparen von Kosten ist ein Muss – das ist leider so, und wir müssen Geld freimachen. Aber wir haben riesige Chancen, mit KI in neue Märkte vorzudringen und Themen wie Hyperlokal zu erarbeiten, die sich vorher schlicht nicht rentiert haben. Das finde ich wirklich begeisternd.

Wo steht die TX Group in drei Jahren?
Ich glaube, wir werden sehr viel mehr solide, gut laufende Digital-Publishing-Formate haben. Wir werden bei Tamedia einen deutlich höheren Digitalanteil erreicht haben und damit weniger vom sinkenden Printgeschäft abhängig sein. Und ich glaube, wir werden viel mehr Angebote für junge Menschen geschaffen haben.

Und noch etwas verrückter sein …
Ja, das müssen wir für junge Leute. Sonst sind wir ihnen zu langweilig.

Zum Schluss: Auf LinkedIn nennen Sie sich Dr. Prinzessin Tanja zu Waldeck. An der ersten Sitzung soll jemand gefragt haben, wie man Sie ansprechen soll. Was haben Sie geantwortet?
Tanja.

Und wie war die Reaktion darauf?
Ich glaube, belustigt. Man fragt sich einfach, wie man es richtig macht – aber das ist schlicht nicht nötig. Ich bin Amerikanerin, ich komme nur aus digitalen Unternehmen, wo ich noch nie erlebt habe, dass man sich siezt. Diese Distanz, die durchs Siezen entsteht, mag ich nicht.


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KOMMENTARE

Amerigo Loi
19.03.2026 13:38 Uhr
Schon immer haben Werbung plus Kleininserate die redaktionellen Inhalte finanziert. Heute nimmt man das Geld immer noch ein, aber halt über die eigenen online Plattformen. Nur bekommt die Redaktion nichts mehr davon, die muss sich über Abos finanzieren.
Rollo Hof
19.03.2026 09:04 Uhr
Quersubventionierung nein: So funktionierte aber eine Zeitung immer! Abos und Inserate. Heute sind die Inserate einfach digital. TX Group will davon nichts wissen und scheffelt viel Geld bei den Onlineportalen. Die Zeitung wird dünner und dümmer bis zum geht nicht mehr. Nicht zum Wohle der Leser, sondern zum Wohle der Besitzerfamile...
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