12.01.2014

Photo14

"Das mit der Kunst ist mir immer noch nicht ganz klar"

Vom Nidwaldner Polizisten zum gefeierten Starfotograf: Arnold Odermatt.
Photo14: "Das mit der Kunst ist mir immer noch nicht ganz klar"

Herr Odermatt, Sie sind einer der Stargäste an der Photo14 in Zürich. Wie erleben Sie das Interesse an Ihnen und Ihrer Fotografie?
Das späte Interesse an meinen Fotos ehrt und freut mich natürlich. Seit fünfzehn Jahren folgt eine Ausstellung der anderen. Erst auf der ganzen Welt, jetzt auch in der Schweiz.

Sie waren der erste Polizeireporter der Schweiz. Wann wurde Ihnen klar, dass Ihre Bilder eigentlich Kunst sind?
Das ist mir immer noch nicht ganz klar. Bei meinen Hochzeitstorten als Zuckerbäckerlehrling in La-Chaux-de-Fonds in den vierziger Jahren war ich mir der Kunst noch sicher. Die Fotos als späterer Polizeibeamter habe ich so gemacht, dass sie ihrem Zweck perfekt dienen. Kunst war nie meine Absicht. Heute sagen mir viele, dass genau diese Absichtslosigkeit meine Fotos zu Kunst macht.

Sie haben sich immer für Fotografie interessiert. Nach welchen Kriterien haben Sie Ihre Bilder geschossen?
Zu meiner Dienstzeit gab es keinen klaren Unterschied zwischen Dienst und Nicht-Dienst. Die Grenzen waren fliessend. Wenn die Wache zu war, wurde der Notruf in unser Schlafzimmer umgeleitet. Kaum eine Nacht ohne Anruf. Hiess dann aber auch, wenn ich mir zwischen zwei Einsätzen zehn Minuten Zeit für ein Bild nahm, war das zivil. Uniform hin oder her. Die Fotografie war für mich eine Art Strukturhilfe. Ich wusste immer: hier Dienstfoto, da Tagebuchfoto. Das waren meine beiden einzigen Kriterien.

Was zeichnet eine gute Fotografie aus?
Eine gute Fotografie ist scharf, zeigt das, um was es geht und lässt alles Überflüssige weg. Vielleicht ist die konsequente Reduktion auf das Wesentliche nicht der einzige Weg. Aber es ist meiner.

Sie haben Magnum-Photograph Werner Bischof als Ihr Vorbild bezeichnet. Wie haben Sie ihn kennengelernt?
Der Bürgenstock hat stets illustre Gäste angezogen. Nehru. Adenauer. Weizmann. Zu dieser Zeit war ich noch der "Gang-go" ("Geh-mal") der Nidwaldner Polizei und im Dauereinsatz für alles, wenn der Bürgenstock wieder einmal Gastgeber war. Prominenz zieht auch Photographen an. So kam ich mit Werner Bischof ins Gespräch. Er war als Städter sehr überrascht, dass ihn ein Dorfpolizist hinter den sieben Bergen mit so vielen neugierigen Fragen über Photographie löcherte. Bei ihm habe ich das Wichtigste überhaupt gelernt: Negative nicht wie Kohlepapier nach Gebrauch wegschmeissen, sondern sorgfältig aufbewahren.

Was konnten Sie noch von ihm lernen?
Er hat mich auf das Privileg aufmerksam gemacht, dass ich als Polizist an Motive herankomme, von denen zivile Photographen nur träumen können. Machen Sie mal eine Aufsicht vom Dach eines VW-Busses in der Mitte einer vielbefahrenen Autobahn, vielleicht noch nachts, bei Regen und mit einer Schärfentiefe von zwanzig Metern. Ohne Polizeihilfe geht das nicht. Lustigerweise hat mir John Waters bei unserer gemeinsamen Ausstellung im Fotomuseum Winterthur das gleiche gesagt: Auf die Polizisten und deren Privilegien sei er schon immer eifersüchtig gewesen. Als Fotograf.

Sie haben ihn bei einer Begegnung mit Charlie Chaplin kennengelernt. Wie lief diese Begegnung ab?
Ich war bei Charlie Chaplins Besuch auf dem Bürgenstock amtlicher Personenschützer. Natürlich damals ohne Waffe und mit der Aufgabe, Chaplin Autogrammjäger und Fotografen vom Leib zu halten. Als ich mir dann als kleine Gegenleistung ein kleines Privatfoto herausnehmen wollte, hat Chaplin gleich die Regie übernommen und seine zahlreiche Familie als Gruppenbild inszeniert. Ich war so aufgeregt, dass ich die Ausnahme selbstverständlich verwackelt habe. Spätere Schauspieleraufnahmen von Jürgen Vogel oder Uwe Ochsenknecht sind dann aber scharf.

Welches war Ihr aussergewöhnlichster Einsatz?
Ich musste als fotografierender Polizist mit schütterem Haar und mit langer Strähne zum Abdecken der Blösse einen fotografierenden Polizisten mit schütterem Haar und mit langer Strähne zum Abdecken der Blösse fotografieren, als Standfotograf bei Dreharbeiten - Michael Gwisdek als Wachtmeister Zumbühl im Spielfilm "Wachtmeister Zumbühl". Das Ablichten der eigenen Gewohnheiten, Macken und Eigenheiten bei einem erfundenen und doch sehr authentischen Alter Ego war für mich schon sehr aussergewöhnlich. Und gewöhnungsbedürftig.

Fotografieren Sie heute noch?
Nein. Aber einmal in der Woche stehe ich im Labor und vergrössere ein Motiv als Edition auf Barytpapier. Da fühle ich mich tatsächlich, ganz unbescheiden, schon etwas als Künstler.

Wenn Sie in Ihr riesiges Archiv schauen: Haben Sie ein absolutes Lieblingsbild?
Bei 60'000 Negativen? Da müsste ich würfeln. Aber es gibt Bilder, die sind definitiv nicht mein Lieblingsbild. Eines war ein Licht- und Schärfeübungsbild, Filmfüller eines Dienstfilms mit Karambolagen, nie vergrössert und nur als Negativ aufbewahrt: Ein Selbstportrait mit nacktem Oberkörper vor dem Spiegel aus den fünfziger Jahren. Jetzt ist es das Titelbild der zweiten Auflage von "In zivil", die demnächst bei Steidl erscheint. Mein Sohn, der Regisseur und Herausgeber Urs Odermatt, hat bei der Zusammenstellung meiner Arbeiten von mir alle Rechte und einen Freibrief bekommen, den er virtuos und sehr frei nutzt.

Hängen bei Ihnen zuhause Bilder von Arnold Odermatt?
Nein, da hängen Bilder meiner Kinder. Bilder von mir selbst mag ich nicht. Allerdings ist das neue Steidl-Buch "Feierabend", das in Vorbereitung ist, voll mit Selbstportraits, allein und mit Familie. Ein Grund mehr für unseren lieben Galeristen Robert Springer in Berlin, mich als Künstler zu sehen; ein wahrer Künstler mache auch sich selbst zum Thema. Dass ich oft auf meinen Photos drauf bin, kann ich schlecht abstreiten. Dabei wollte ich nur den Selbstauslöser ausprobieren.

Welche fotografischen Vorbilder haben Sie?
Im Nidwalden der fünfziger und sechziger Jahre gab es nur den Dorffotografen, einen zugewanderten Basler. Ihm habe ich meinen ersten Film zum Entwickeln gebracht. Nachdem ich bei jeder Aufnahme erst durch Herausziehen geprüft habe, ob denn schon etwas auf dem Negativ zu sehen sei. Nach dem Entwickeln kam der Dorffotograf hinter dem Vorhang aus der Dunkelkammer hervor und meinte in seiner lachenden Mundart, so schwarzes Kodak hätte er noch nie gesehen. Er hat mir dann einen neuen Film geschenkt: nächster Versuch! In seiner Grosszügigkeit einem Anfänger gegenüber ist er mir ein Vorbild geblieben.

Was geben Sie einem jungen Fotografen auf dem Weg?
Fotografieren kann jeder. Gute Fotografen gibt's wie Sand am Meer. Dem Ziel kommt man näher, wenn man seine Arbeiten nicht mehr zeichnen muss. Wenn der Fotograf schon am Bild zu erkennen ist. Der Weg dahin ist nicht das perfekte Handwerk, das kann jeder lernen. Der Weg ist ein einzigartiges Thema, eine unverwechselbare Handschrift, die unbeirrbare Leidenschaft (vielleicht Sturheit) für das Eigene. Es geht um die Frage: Was interessiert dich selbst? - Nicht den Markt.

Interview: Matthias Ackeret//Bilder: Keystone


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