Rainer Kuhn, Sie wollen im Frühjahr 2007 mit "stylebook" ein Fashionmagazin lancieren. Wie soll die neue Zeitschrift aussehen?
"stylebook" ist das erste "user generated"-Fashionmagazin. Die ganze Zeitschrift wird zu 100 Prozent durch die Zielgruppe über die Website erstellt und in einer effektiven Auflage von 50000 Exemplaren an Orten des konsumorientierten Lebens in der deutschen und der französischen Schweiz verteilt. Zusätzlich wird stylebook sowohl Abonnenten als auch einem hochkarätigen und ausgewählten Kreis von Opinion-Leadern persönlich zugestellt. Ebenso wird jeder "Contributor" automatisch Abonnent, was eine stets wachsende Community garantiert und der Zeitschrift langfristig zusätzlich einen Direct-Mail Charakter verleiht. Was den Inhalt anbetrifft: Es wird eine fröhliche, bunte und sehr bildlastige Zeitschrift, ein Tear-Sheet der Community und eine Inspirationsquelle für das Publikum gleichzeitig.
Warum wird "stylebook" nur zweimal im Jahr erscheinen?
Weil ich es in dieser Phase für richtig halte. "Stylebook" ist ein etwas grösseres Projekt als "notebook". Wir bauen hier die erste Plattform für die Fashion- und Style-Community, also Fotografen, Stylisten, Hair&Make-up Artisten, Designer, Modelagenturen, Location-Hunter sowie ein allgemein fashion- und style-interessiertes Publikum. Diese Community hat nun einmal im wesentlichen zwei Schwerpunkte pro Jahr, "spring/summer" und "fall/winter", diesem Umstand trage ich Rechnung. Aber ich kann es mir durchaus vorstellen, in einer späteren Phase die Kadenz zu erhöhen, wenn es mir dannzumal richtig erscheint.
Sie haben vor einem Jahr mit demselben Konzept das interaktive Print-Magazin "notebook" lanciert. Warum sind Sie sind vom Erfolg der "user generated"-Printmedien" so überzeugt?
Weil sie Tradition und Innovation verbinden, die perfekte Symbiose von Print, Online und Below-the-Line darstellen und ein wunderbares Crossmedia-Tool sind. Soviel zur Mechanik. Was die Oberfläche betrifft, ermöglichen "user generated"-Printmedien frische und überraschende Inhalte in vertrauter Form. Das Stichwort lautet "Moderation statt Redaktion", "user generated"-Medien sind die demokratischsten aller Medien. Und als einer, der gerne eine eigene Meinung hat und die Möglichkeiten schätzt, diese auch zu äussern, habe ich keine wirklich guten Argumente gegen Demokratien. So wie es zurzeit aussieht, steht "notebook" am Anfang einer richtigen Erfolgsgeschichte und auch "stylebook" wird eine Menge Freude bereiten.
Sie benutzen das Internet um ein Printmedium herzustellen, der Trend läuft aber eher weg vom Print hin zu den Online-Medien
(unterbricht) Ob der Trend weg vom Print hin zu den Online-Medien und -Plattformen geht, ist eine Einschätzung, die davon abhängt, welchen Zahlen und Statistiken Sie glauben möchten. Meine Beobachtung ist folgende: Es sind neue Medien hinzugekommen und mit diesen neuen Medien auch neue Nutzungsformen. Es werden aber gleichwohl immer noch klassische Medien konsumiert, denn auch in diesem Bereich entsteht immer wieder Neues. Die Nutzungsgewohnheiten werden komplexer. Der Konsument vermischt die Medienformen, er "customised" das allgemeine Angebot auf seine eigenen Bedürfnisse. Dabei geht es nicht um "entweder oder", sondern um "sowohl als auch", wobei die Verfügbarkeit und Struktur der einzelnen Inhalte entscheidend sind und nicht der Kanal.
Warum, glauben Sie, wollen die Leute Sammlungen von Blognotizen als Zeitschrift lesen?
Ich weiss es nicht. Ich weiss nur, dass sie es tun und dass es Ihnen gefällt. Offensichtlich befriedigt das "notebook" ein bestimmtes Unterhaltungsbedürfnis, indem das Publikum das, was es lesen möchte, nicht nur selber bestimmt, sondern auch selber generiert. Und wahrscheinlich hat es auch mit Authentizität zu tun. Wie gesagt, "user generated"-Medien sind die demokratischsten aller Medien, wenn es also doch einen Trend gibt, dann eher weg von den Redaktions-Diktaturen hin zu Content-Demokratien. Aber auch das ist nur ein Trend unter vielen.
Mit ihrer anderen Zeitschrift "kult" folgen Sie dem "user generated"-Prinzip nicht. Funktioniert dieser Ansatz für hochwertige inhaltliche Substanz nicht?
Ich besitze zwei Unternehmen. Zum einen die kultproductions GmbH, welche tendentiell traditionelle Medienformen konzipiert und produziert, nebst dem kult auch Editorials für Firmen realisiert, und Beratungsmandate im Bereich Corporate Publishing hält. Zum anderen ist da die note productions, die sich um Innovationen kümmert, das "notebook" herausgibt, das "stylebook", und im Bereich webkonzeption- und design tätig ist. In der Tat liegt das Schwergewicht meiner Aktivitäten zurzeit klar bei der note productions, denn hier besteht ein riesiges Wachstums- und Wertschöpfungspotential.
Die Distribution ihrer Magazine erfolgt an zielgruppenspezifischen POS. Werde ich "stylebook" im April 2007 nun in jedem Modegeschäft antreffen?
Ich stehe momentan in einer ganzen Anzahl von Verhandlungen, ob sie es in jedem Modegeschäft antreffen werden, kann ich noch nicht sagen. Aber ich kann Ihnen sagen, dass sie es nicht übersehen werden. Was ebenso interessant ist, ist die Tatsache, dass jeder "contributor" mit einem Eintrag automatisch Abonnent wird. Die Zielsetzung für den Vertrieb ist mittel- bis langfristig die Verschmelzung von Zeitschrift und Zielgruppe, die eigentliche "stylebook"-community. Das ist es, was den Titel für die Werbeindustrie wirklich interessant macht.
Sie haben nun zwei Bücher geöffnet. Werden weitere folgen?
Auch wenn ich gerne in die Zukunft blicke, mein Leben spielt sich in der Gegenwart ab. Bestimmt werden weitere folgen, das Independent Mediengeschäft ist ein dynamischer Prozess mit eigenen Zyklen, neue Bücher werden geöffnet, alte zugemacht, es ist wie überall in erster Linie eine Frage des richtigen Timings und dem ökonomischen Umgang mit den zur verfügung stehenden Recourcen. Die Erfahrungen aus dem notebook kommen dem "stylebook" zugute, und die Erfahrungen aus den beiden Titeln werden den noch folgenden Titeln zugute kommen. Aber das eilt nicht. Im Moment will ich dem von mir neu entwickelten Genre "user generated"-Printmedien zum Durchbruch verhelfen und dafür werde ich die nötige Zeit und Energie aufwenden.

