05.02.2007

"Der Bund muss die beste Zeitung westlich der Werdstrasse sein"

Sein Vorgänger warf ermüdet das Handtuch, nachdem er Sparrunde um Sparrunde hatte mittragen müssen. Sparbefehle von oben muss Artur K. Vogel, der neue Chefredaktor des Berner Bunds, vorerst keine entgegennehmen, wie er im Interview mit "persoenlich.com" erklärt. Statt sein Blatt redaktionell noch enger an die Berner Zeitung zu binden, will Vogel die Kooperation mit den NZZ-Regionalzeitungen vertiefen.
"Der Bund muss die beste Zeitung westlich der Werdstrasse sein"

Herr Vogel, Sie kommen von der Aargauer Zeitung, die erfolgreich ist und expandiert. Der Bund dagegen kämpft ums Überleben. War es schwierig für Sie, im neuen Redaktionsumfeld Fuss zu fassen?

Die Stimmung beim Bund ist weit besser, als ich erwartet hatte -- nach all den Sparübungen, welche die Redaktion über sich ergehen lassen musste. Ich spüre einen grossen Willen, etwas gemeinsam auf die Beine zu stellen.

Ihr Vorgänger Hanspeter Spörri hat nach wiederholten Sparübungen ermüdet das Handtuch geworfen. Wie gross ist Ihre Leidensfähigkeit?

Ich bin kein Kamikaze! Aber ein gewisses Mass an Abenteuerlust war schon dabei, als ich das Engagement akzeptierte.

Wie steht der Bund heute finanziell da?

Blendend sieht es nicht aus. Bei einer Verschlechterung der Konjunktur müssten wir mit neuen Schwierigkeiten rechnen. Ich betrachte es deshalb als meine Aufgabe, im gegenwärtigen konjunkturellen Hoch die Basis dafür zu schaffen, dass der Bund nicht beim ersten Windhauch umfällt.

Reichen die Mittel des Bund denn, um seriösen Journalismus zu betreiben?

Ich verfüge über ein Budget, mit dem sich eine Qualitätszeitung machen lässt. Die Lokalredaktion zählt immer noch mehr als zwölf Vollzeitstellen, je fünf bis sechs weitere im Ressort Kanton Bern, in der In- und Auslandredaktion. Im Vergleich zu anderen Zeitungen stehen wir nicht schlecht da. Bei der Aargauer Zeitung mit dreimal grösserer Auflage als der Bund haben wir den Mantelteil mit weniger Leuten produziert.

Haben auch Sie vom Verlagshaus den Auftrag erhalten, Kosten zu reduzieren?

Wenn ich diesen Auftrag erhalten hätte, wäre ich nicht zum Bund gegangen. Ich habe meinen Stellenantritt an die Bedingung geknüpft, mit demselben Budget arbeiten zu können wie im vergangenen Jahr. Es obliegt nun mir, dafür zu sorgen, dass das Budget auch eingehalten wird.

In welche Richtung wollen Sie Ihre Zeitung führen?

Bislang hat man stets versucht, die Ausgaben zu senken. Die Einnahmeseite dagegen wurde vernachlässigt. Unser Ziel muss heissen, die Auflage zu stabilisieren bzw. längerfristig etwas zu erhöhen. Und dies geht nur über eine Steigerung der Qualität. Mein Credo heisst deshalb: Der Bund muss die beste Zeitung westlich der Werdstrasse sein. Es gilt, dies auch gegen aussen zu manifestieren. Unser Publikum muss wissen, was wir bieten.

Wo muss der Bund konkret besser werden?

Wir müssen einerseits Aktualitäten breiter und vertiefter behandeln. Bisher geschah dies oft eher zufällig. Andererseits muss die Zeitung auch frecher und angriffiger werden, ohne sich in Richtung Boulevard zu entwickeln. Die Leserstruktur des Bunds hat einen leichten Überhang von älteren Männern. Um für ein jüngeres und weiblicheres Publikum attraktiver zu werden, muss die Redaktion vermehrt jüngere Leute und vor allem Frauen rekrutieren.

Werden Sie einen Teil der Redaktion auswechseln?

Die Redaktion des Bund hat ein sehr hohes Niveau, und es gibt keinen Grund, Leute zu entlassen. Die Tatsache, dass in jüngster Zeit einige Leute gekündigt haben, gibt mir die Möglichkeit, frisches Personal in die Redaktion einzubringen. Ich hole aber ganz bestimmt nicht meine Prätorianergarde, die mich gegen die Redaktion abschirmt. Ich will vielmehr Journalisten für den Bund einspannen, die bereit sind, für ein etwas tieferes Gehalt zu arbeiten als in Zürich, dafür aber mehr Kompetenz und Verantwortung erhalten als in einer grösseren Redaktion.

Sie wollen das Blatt verjüngen -- wird sich dies auch in einem neuen, moderneren Erscheinungsbild äussern?

Ein Relaunch ist nicht geplant, denn ich halte den Bund für eine schöne, gut gemachte Zeitung. Wir werden in den kommenden Monaten aber gemeinsam entscheiden, ob wir nicht mehr Farbe in die Zeitung bringen wollen. Bislang sind die Bilder in der Zeitung mit Ausnahme der Aufschlags- und der letzten Seiten schwarz-weiss. Denkbar ist, dass der Bund künftig durchgängig farbig sein wird. Das Leben ist schliesslich auch farbig. Ein paar andere, kleinere gestalterische Anpassungen werden wir wohl ebenfalls vornehmen.

Bund und Berner Zeitung teilen sich die Sportredaktion. Wie schwierig gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Natürlich gibt es gelegentlich Probleme. Der Sportteil, der von der BZ produziert wird, entspricht nicht immer hundertprozentig unseren Vorstellungen. Trotzdem sind die Schwierigkeiten kleiner, als ich mir das anfangs vorgestellt habe. Uns kommt entgegen, dass sich die Ressortführung unterdessen in den Händen eines ehemaligen Bund-Sportredaktors befindet. Wir haben den Sport also auch mitgeprägt. Ich kann deshalb mit der herrschenden Situation leben.

Könnten auch andere Redaktionsteile zusammengelegt werden?

Nein, es macht meiner Meinung keinen Sinn, den In- oder Auslandteil gemeinsam mit der Berner Zeitung zu bestreiten. BZ und Bund müssen sich klar voneinander abheben.

Der Bund gehört der NZZ Gruppe. Wären auch Partnerschaften mit Titeln der NZZ denkbar?

Ich könnte mir eine vertiefte Kooperation mit den NZZ-Regionalzeitungen wie der Neuen Luzerner Zeitung, dem St.Galler Tagblatt oder den Zürcher Landzeitungen sehr gut vorstellen. Da gäbe es bestimmt Synergiepotenzial.

Bestehen diesbezüglich bereits konkrete Vorstellungen?

Es gibt bereits Kooperationen. Zudem stehe ich mit diversen Personen in Kontakt. Es wird in Zukunft mit Bestimmtheit zu Gesprächen kommen. Schon heute tauschen wir mit dem St.Galler Tagblatt und den Landzeitungen Texte aus. Mit St. Gallen teilen wir uns auch den USA-Korrespondent.

Wie würden Sie Ihr Verhältnis zur Berner Zeitung umschreiben?

Ich stehe in Kontakt mit Markus Eisenhut und Michael Hug, den beiden Chefredaktoren der Berner Zeitung. Gegenwärtig machen wir uns gemeinsam Gedanken, wie das neue Pressehaus am Dammweg aussehen wird, das wir nächstes Jahr gemeinsam beziehen. Es gibt da keine Berührungsängste. Wichtig ist, dass sich unsere Produkte möglichst weitgehend unterscheiden. Das könnte heissen, dass die Berner Zeitung sich noch stärker in Richtung Populärjournalismus positioniert, während wir versuchen, die Leserschaft anzupeilen, die sich vorrangig für Politik und Kultur interessiert.

Funktioniert die Abgrenzung von der Berner Zeitung ohne Reibereien?

Natürlich rege ich mich auf, wenn ich im Lokalteil der Berner Zeitung einen Primeur finde, den wir nicht im Blatt haben. Deshalb habe ich mit Bernhard Ott auch den besten Lokaljournalisten der BZ abgeworben und zum Ressortleiter des Bund-Lokalressorts gemacht. So muss es doch auch sein: Es ist im Sinne der Sache, dass die beiden Titel einer Stadt in einem Konkurrenzverhältnis zueinander stehen.

Glauben Sie, dass das Berner Modell mittelfristig eine Chance hat?

Das ist keine Glaubensfrage. Das Modell kann funktionieren, wenn die wirtschaftlichen Bedingungen stimmen und die Spielregeln eingehalten werden. Die Espace Media, die mit 40 Prozent am Bund beteiligt ist, hat ein grosses Interesse am Überleben des Bunds. Sie erhält einerseits einen grossen Druckauftrag, und andererseits ist der Bund ein Partner, der Abteilungen wie IT, Marketing oder Human Ressources mitfinanziert. Zum Umsatz der Espace Media tragen wir jährlich mehrere dutzend Millionen Franken bei. Auch wenn im vergangenen Jahr noch kein Gewinn resultierte, dürfte der Bund deshalb für Espace Media interessant bleiben.


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