29.04.2016

Watson

Der Journalist, das rationale und berechnende Wesen

Medienmacher sind nicht sensationsgeil, sondern arbeiten mit Kalkül: So argumentiert Watson-Journalist Philipp Löpfe in einem Kommentar. Darin äussert er sich zur Empörungswelle der letzten Tage. Und vergleicht dabei Journalisten mit Finanzexperten.
Watson: Der Journalist, das rationale und berechnende Wesen

Provokative Äusserungen von Journalisten und Politikern wie Markus Somm, Roger Köppel oder Christoph Blocher haben gerade Hochkonjunktur in den Medien: Alle sind empört über Nazi-Vergleiche, Inserenten-Boykotte und Beleidigungen im Parlament. Doch warum berichtet man so intensiv über solche Ereignisse? Gäbe es nicht Wichtigeres?

Watson-Journalist Philipp Löpfe erklärt in einem Beitrag, was es mit dem Empörungs-Journalismus auf sich hat – auf eine durchaus rationale Weise. «Weil Journis wie Finanzanalysten ticken», titelt Löpfe seinen Kommentar zum Hype. Und erklärt seine These gleich weiter, indem er auf das Buch «The Signal and the Noise» verweist. In diesem erzählt Autor Nate Silver über das Anreizsystem in der Finanzwelt. Und dieses sei bei den Journalisten nun mal sehr ähnlich, so der Wirtschaftsjournalist.

Bei den Finanzanalysten gibt es also vier Szenarien, abhängig von der Wertung des Financiers und der Reaktion des Marktes. Doch diese sind schwierig einzuschätzen: «Mit einer optimistischen Prognose hat der Analyst sehr gute Chancen, ungeschoren davon zu kommen, auch wenn er falsch liegt. Mit einer pessimistischen setzt er seinen Job auf’s Spiel», schlussfolgert er.

Und was hat das mit Journalismus zu tun? Löpfe wendet das Modell auf die Medienbranche an und zeigt die Ähnlichkeiten im Kalkül auf. Szenario 1: «Wenn einer der Krawallbrüder zuschlägt und der Journalist rasch reagiert, dann hat er eine sehr hohe Einschaltquote und viele Kommentare.» So weit so gut.

Was aber, wenn alles nur warme Luft war? «Dann sind die Sanktionen gering», so Löpfe. «Dumm gelaufen, mehr nicht.» Und: «Die anderen haben ja auch mitgemacht.» Auch das Ignorieren solcher Aussagen führt zu nicht viel Ruhm – ausser «einem lobenden Eintrag im Qualitätsjahrbuch des Journalismus und eine Einladung in eine Diskussion auf SRF2 vielleicht».

Im letzten möglichen Szenario lässt der Journalist die Story fallen, die aber auf Hochtouren kommt – ohne ihn. «Er muss sich vorwerfen lassen, die News verschlafen und das Leserinteresse missachtet zu haben», beschreibt Löpfe diesen Super-GAU. Und zeigt so den Lesern, dass Journalisten rein rational handeln, wie Finanzanalysten eben. Und dass sie doch deswegen nicht für Sensationsgeilheit verurteilt werden sollten. Sein Aufruf an die Leser: «Seid also bitte nachsichtig.»

Bild: Keystone


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KOMMENTARE

Stefan
29.04.2016 15:31 Uhr
Unter dem Strich gibt der Journalist den Vorwürfen recht. Man muss die Story bringen, auch wenn sie sich als heisse Luft entpuppt. Und, damit die User auf das richtige Portal klicken wird die Story zu Beginn her mal aufgeblasen. Man weiss ja nie...
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