Frau Haas, Verlegerpräsident Hanspeter Lebrument findet, dass die Presse heute in der Wirtschaft zu wenig glaubwürdig ist, weil sie mit Kampagnenjournalismus immer wieder ganze Branchenzweige verunglimpfe. Hat er recht?
Die Glaubwürdigkeit ist grundsätzlich ein Schlüsselproblem der Presse. Die technologische Entwicklung führt zu einer noch grösseren Angebotsvielfalt und einem leichteren Zugang zu Inhalten. Wer sich längerfristig als Medienunternehmer mit der Produktion und Vermarktung publizistischer Angebot behaupten will, ist gut beraten, wenn er auf Glaubwürdigkeit setzt. Eine glaubwürdige Kritik muss relevant und begründet sein.
Wie schwer ist die Reputation der Schweizer Presse denn angeschlagen?
Man muss unterscheiden zwischen dem, was innerhalb der Medienbranche thematisiert wird und dem, was breiter diskutiert wird. Ich habe den Eindruck, dass wir in der Schweiz im internationalen Vergleich über ein sehr vielfältiges und qualitativ hoch stehendes Medienangebot verfügen. Dies gilt es zu hegen und zu pflegen. Dazu gehört auch, dass sich die Branche kritisch damit auseinandersetzt, wenn an der Grenze der Glaubwürdigkeit gespielt wird und etwa dem Nutzer nicht mehr klar ist, was nun eine redaktionelle Leistung ist und was nicht.
Erschwert der ökonomische Druck die journalistische Qualität?
Eine gute journalistische Arbeit braucht ein Minimum an Zeitaufwand. Durch die Sparmassnahmen in den Redaktionen sind in der Vergangenheit jedoch viele Ressourcen verloren gegangen. Der Journalist oder die Journalistin ist heute in seiner Recherche -- im Einbezug verschiedener Quellen, in der Überprüfung von Informationen -- sehr beschränkt. Zugleich steht er einem Heer von professionellen PR-Beratern und Juristen gegenüber.
...was sich wiederum negativ auf die Glaubwürdigkeit der Medien auswirken kann.
Ja. Schwierig ist doch, dass der Journalist angesichts dieses Ungleichgewichts selten mehr auf Augenhöhe operieren kann. Qualität erfordert vom Journalisten gute Kenntnisse des Fachs und einen guten Sinn für die relevanten, kritischen Fragen.
Mangelt es den Journalisten -- viele sind Quereinsteiger -- an Professionalität?
Ich gelangte in den Achtziger Jahren in den Journalismus und habe die ganze Ausbildungsentwicklung verfolgt. Mein Eindruck ist, dass auch im Journalismus eine systematische Auseinandersetzung mit der neuen Funktion in einer Ausbildung wie dem MAZ Früchte trägt. Wer einfach ins kalte Wasser geworfen wird und im "Trial & Error"-Verfahren herausfinden muss, wie die Spielregeln im Journalismus lauten, hat sicherlich eine höhere Fehlerquote.
Müsste der Beruf Journalist also besser geschützt werden?
Nein, es gibt heute eine grosse Vielfalt von angeregter Kommunikation. In bestimmten Bereichen oder bei bestimmten Publikationen müssen jedoch die Spielregeln bekannt sein: Das ist unser Anspruch an die Qualität des Journalismus. Daneben erlauben neue technologische Formen -- so etwa in der Blogosphäre -- das alte Bedürfnis, sich mitzuteilen zu befriedigen. Wichtig ist, dass man der Öffentlichkeit kommunizieren kann, was Journalismus und was publizistische Produkte ausmacht.
Wie lauten die Spielregeln, die Sie den Medienmanagern am Medieninstitut auf den Weg geben?
Der wichtigste Schritt ist die konsequente Ausrichtung aufs Medienmanagement. Das hat jedoch schon mein Vorgänger Karl Lüönd so angedacht. Heute erlaubt es die Realität nicht mehr, dass die Produktion und Vermarktung von einzelnen Mediengattungen isoliert erfolgt. Auch bei den Fachpublikationen muss man sich mit allen Gattungen beschäftigen, das jeweilige Marktumfeld und die multimedialen Anwendungen kennen. Inhalte werden heute neben dem Print auch in elektronischer Form, Stichwort Podcasting und Internet, weiterverbreitet.
Früher wurden am Medieninstitut Verlagsmanager ausgebildet, heute Medienmanager. Weshalb diese Namensänderung?
Die Änderung bildet die Entwicklungen im Medienmarkt ab. Heute sind die meisten Medienunternehmen gattungsübergreifend tätig. Ein Verlag ist traditionell auf den Print fokussiert. Heute aber haben sich die meisten Verlage zu Medienunternehmen gewandelt. Aber auch jene Verlage, die sich weiterhin auf den Print konzentrieren, müssen wissen, wie der gesamte Markt funktioniert.
Nicht alle Kurse am Medieninstitut waren in der Vergangenheit ausgebucht. Weshalb?
Die Krise der Medien, die nun hoffentlich bald hinter uns liegt, hat Spuren hinterlassen. Die Unternehmen haben zuerst bei der Aus- und Weiterbildung gespart. Es kam zudem zu Stellenabbau, der eine grosse Unsicherheit bei den Teilnehmern ausgelöst hat. Dazu kam aber auch, dass wir im vergangenen Jahr zum ersten Mal eine eidgenössische höhere Fachprüfung sowie einen Kurs für den Fachausweis anboten. Der Markt war deshalb schon ausgeschöpft. Nun habe ich aber den Eindruck, dass ein Aufschwung im Gange ist. Mich erreichen täglich Anmeldungen für die Kurse.
Der Verband Schweizer Presse macht heute einen zerstrittenen Eindruck, zwischen den Interessen der einzelnen Mitglieder klaffen tiefe Gräben. Hat dies auch Einfluss auf Ihre Arbeit?
Ein Verband ist per Definitionem ein Zusammenschluss verschiedener Unternehmen und Institutionen, die untereinander in Konkurrenz stehen. Für mich als Leiterin des Medieninstituts ist es hoch spannend zu sehen, mit welchen Strategien die Medienunternehmen sich im Wettbewerb schlagen. Die Studierenden erhalten von den einzelnen Dozenten verschiedene Sichtweisen über die Branche vermittelt.
Waren Sie bislang keinen Druckversuchen innerhalb des Verbands ausgesetzt?
Nein. Das Departement Bildung des VSP unterstützt mich und leistet sehr konstruktive Arbeit. Bislang gab es keinerlei Druckversuche.
Abschlussfrage: Sie waren Medienforscherin, Journalistin, Kommunikationschefin der SRG und sind nun Institutsleiterin. Welche Rolle hat Ihnen am besten gefallen?
Ich bin seit zwanzig Jahren in der Medienbranche. Dabei bin ich froh um jede Rolle, die ich in diesem Theater spielen konnte. Auch die jetzige Rolle, die ich sehr bewusst gewählt habe, erlebe ich als sehr fruchtbar. Sie erlaubt es mir unter anderem, wieder mehr zu schreiben. Die Ausbildungsfunktion verstehe ich als Chance: Ich kann von meiner langjährigen Erfahrung und meinem Netzwerk profitieren und bleibe zugleich stets am Ball.

