10.08.2026

Todesfall

Der Mann, der Ringier ein Haus auf die Wiese baute

Der langjährige Stern-Reporter Heiko Gebhardt ist 84-jährig gestorben. Der deutsche Journalist entwickelte für Ringier ab 2003 mehrere Zeitschriften – darunter das nach zwei Jahren eingestellte SonntagsBlick-Magazin Sie+Er und die Schweizer LandLiebe.
Todesfall: Der Mann, der Ringier ein Haus auf die Wiese baute
Heiko Gebhardt 2007 bei der Verleihung des Ringier-Medienpreises, den er für das Finden und Fördern junger Talente erhielt. (Bild: zVg/Ringier)

Der deutsche Journalist und Zeitschriftenentwickler Heiko Gebhardt ist am Sonntag 84-jährig gestorben. Seinen Tod meldete zuerst Ringier-Reporter Peter Hossli am Montagvormittag auf LinkedIn. Geboren am 6. Juni 1942 im damals pommerschen Bad Polzin, kam Gebhardt über ein Volontariat bei der Hannoverschen Presse zum Journalismus. 1966 erschien sein erster grosser Text im Stern. Er blieb dem Blatt mit einem Unterbruch beim neu gegründeten Zeit-Magazin treu, arbeitete als Kriegs-, Krisen- und Kriminalreporter, berichtete Anfang der Neunzigerjahre als Korrespondent aus Budapest über Osteuropa und den Balkan und leitete von 1994 bis 1997 das Politikressort. Die Süddeutsche Zeitung würdigt ihn als «grossen journalistischen Erzähler».

2003 wechselte Gebhardt zu Ringier. Sein erstes grosses Schweizer Projekt startete mit hohen Ambitionen. Gemeinsam mit dem Grafiker Norbert Kleiner, den er vom Stern kannte, baute Gebhardt die Magazinbeilage des SonntagsBlick zu einer eigenständigen Zeitschrift um: Sie+Er, 96 Seiten, neoklassisches Layout, grosse Reportagen, erstmals erschienen am 1. Mai 2005. «Viele grosse Titel werden heutzutage von Häppchenjournalismus geprägt», sagte er kurz vor dem Start im Ringier-Mitarbeitermagazin Domo, «ich setze dagegen auf eine übersichtliche Leserführung.» Seine Rolle sah er als die des Konstrukteurs, nicht des Bewohners: «Ich habe denen jetzt ein Haus auf die Wiese gebaut, da müssen sie nun einziehen, die Tapeten kleben und die Möbel stellen.»

Das Haus, das Gebhardt hingestellt hatte, stand nicht lange. 2007 stellte Ringier Sie+Er ein. Dennoch erhielt Gebhardt im gleichen Jahr den hauseigenen Medienpreis (persoenlich.com berichtete) – nicht für das gescheiterte Magazin, sondern für das Finden und Fördern junger Talente.

Ein weiteres Ringier-Magazin, an dessen Entwicklung Gebhardt beteiligt war, erscheint bis heute. Ringier hatte sich gegen eine Lizenzausgabe der in Deutschland erfolgreichen Landlust entschieden. Zusammen mit dem späteren Chefredaktor André Frensch entwickelte Gebhardt ein schweizerisches Pendant. Beim ersten Erscheinen der Schweizer LandLiebe war er dann nicht mehr an Bord. Später wirkte er gemäss Impressum als Berater der Chefredaktion.

Gebhardt arbeitete auch in Deutschland für Ringier. So war er 2004 an der Entwicklung des Politmagazins Cicero beteiligt, dem er später als publizistischer Beirat verbunden blieb. Zudem beriet er Verleger Michael Ringier und brachte ihn mit Gerhard Schröder zusammen. Der frühere Bundeskanzler schrieb für Ringier eine Kolumne und arbeitete jahrelang als Berater und Türöffner für das Zürcher Medienhaus.

Vor allem aber war Gebhardt Reporter. Henri Nannen holte ihn zum Stern, nachdem er gelesen hatte, wie sich der junge Mann für eine Geschichte von einem Boxer das Bein hatte brechen lassen. Im Sommer 1967 besuchte Gebhardt den Polizisten, der Benno Ohnesorg erschossen hatte, und vermass dessen Wohnung bis in die Anordnung der Sofakissen. Als Marianne Bachmeier 1981 im Gerichtssaal den Mörder ihrer Tochter erschoss, schrieb er gegen die Volksstimmung an und schilderte das Herkunftsmilieu des Täters so genau wie jenes der Rächerin. Was er selber vorlebte, verlangte er auch von anderen. Als er 2009 Peter Hossli für das SonntagsBlick-Magazin anstellte, sagte er ihm: «Ich kaufe deinen Kopf, nicht deinen Arsch.» Er wolle ihn nicht vor dem Computer sitzen sehen, sondern draussen bei der Recherche, schreibt Hossli. Einen präziseren Auftrag habe er nie erhalten.


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