21.02.2022

Beziehungskosmos

«Der Podcast lebt von unserer Vertrautheit»

«Beziehungskosmos» zählt zu den meistgehörten Podcasts der Schweiz – ohne Verlag und Sponsoren im Rücken. Die Journalistin Sabine Meyer spricht über ihre diverse Community, die Finanzierung durch Hörerinnen und die erste Begegnung mit Co-Host Felizitas Ambauen.
Beziehungskosmos: «Der Podcast lebt von unserer Vertrautheit»
«Wachstum ist nicht unser primäres Ziel»: Sabine Meyer ist Co-Host von «Beziehungskosmos» und Radiojournalistin bei SRF. (Bild: Claudia Herzog)
von Michèle Widmer

Frau Meyer, seit bald zwei Jahren unterhalten Sie sich regelmässig mit einer Paartherapeutin. Wie hat das Ihre persönlichen Beziehungen verändert?
Ich bringe in den Podcast nicht meine Themen ein, sondern frage als Journalistin stellvertretend für andere. Aber ich habe klar viel gelernt durch die Gespräche. Ich gehe reflektierter in Beziehungen rein. Und mit Beziehungen meine ich nicht nur diese zum Partner oder der Partnerin, sondern auch Arbeitsbeziehungen, Freundschaften oder einfache Begegnungen auf der Strasse.

Sie stellen als Journalistin die Fragen, Felizitas Ambauen antwortet als Psycho- und Paartherapeutin. Wie kam dieses Projekt zustande?
Ich habe Felizitas Ambauen für eine SRF-Input-Sendung zum Thema Mental Load interviewt. Nach der Aufzeichnung haben wir noch etwa eine Stunde weitergesprochen und gesagt: Das müssten die Leute da draussen eigentlich hören. Felizitas hat erwähnt, wie schade sie es findet, dass die Paare immer erst zu ihr in die Therapie kommen, wenn die Krise da ist. Viele schauen vorher lieber nicht hin. Wir haben uns dann mit dem Satz verabschiedet: Wir machen zusammen einen Podcast. Danach haben wir uns noch einmal getroffen, um die Details zu besprechen. Das nächste Treffen war die erste Aufzeichnung. Wir waren sofort Feuer und Flamme.

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Das klingt sehr unkompliziert. Gab es vor dem Start kein Konzept? 

Wir haben klar die Rollen verteilt. Felizitas bringt ihre Erfahrungen und ihr Fachwissen ein. Ich bin diejenige, die als Journalistin die Verbindung zu den Hörerinnen und Hörern macht und das Gespräch leitet. Aber einen Businessplan gab es nicht. 

Sie beide unterhalten sich über Narzissmus, Dating 2.0 oder Schlussmachen. Wie generieren Sie die Themen?
Unsere Gesprächsthemen entstehen spontan. Felizitas liest regelmässig Bücher. Oder sie merkt, dass ein Thema gerade häufig in ihren Therapien vorkommt. Dann bringt sie das ein. Und wir erhalten sehr viele Vorschläge von der Community.

Felizitas Ambauen nennt teils auch Beispiele aus ihren Therapiesitzungen. Ist das nicht etwas heikel?
Das ist unproblematisch, da die Beispiele komplett anonymisiert und zusätzlich abgewandelt sind, sodass ein Wiedererkennen unmöglich ist. Die Beispiele helfen der Zuhörerschaft, sich und ihre Rolle besser zu reflektieren.

Wie bereiten Sie beide sich für die Aufzeichnung vor?
Wir bestimmen die für das Thema relevante Literatur. Ich lese also für fast jede Folge ein Buch. Mein Anspruch ist es, nicht naiv nur wie, was, warum zu fragen. Vor der Aufzeichnung tauschen wir dann noch je eine Sprachnachricht aus, in der wir unseren Fokus mitteilen. Felizitas sagt zum Beispiel, welche Theorien ihr dazu besonders wichtig sind.

Frau Ambauen kennt also Ihre konkreten Fragen nicht?
Nein, und auch den Ablauf weiss sie nicht. Da haben wir grosses Vertrauen untereinander. Und Felizitas ist auch genug spontan und eloquent.

Wo nehmen Sie die Folgen jeweils auf?
Das ist individuell. Einmal bei mir zu Hause, ein anderes Mal bei Felizitas in der Praxis. Wir haben auch schon bei meinen Eltern daheim aufgezeichnet, weil wir dort gerade am meisten Ruhe hatten.

«Im Januar hatten wir eine Million Downloads»

Sie machen das Projekt nun schon bald zwei Jahre. Wann war für Sie nach dem Start klar, dass Sie weitermachen?
Nach einem halben Jahr haben wir beide entschieden, dass wir dem Podcast mehr Platz einräumen wollen. Dann haben wir für das nächste halbe Jahr fixe Aufzeichnungstermine vereinbart. Wir nehmen einmal im Monat zwei Folgen auf.

«Beziehungskosmos» zählt als unabhängiges Format zu den fünf meistgehörten Podcasts in der Schweiz. Wie erleben Sie den Erfolg?
Es freut uns riesig, dass wir mit dem, was wir gerne machen, die Leute begeistern können. Und es fasziniert uns immer wieder, dass wir als unabhängiger Podcast, ohne Businessplan und ohne Community-Konzept, dort mitspielen, wo die grossen Verlage ihre Produkte haben – zuoberst in den Charts.

Wie viele Hörerinnen und Hörer erreichen Sie konkret?
Im Januar hatten wir eine Million Downloads. Diese Zahl kann man hinterfragen, weil man ja nie weiss, wer die Folge wirklich und wie lange anhört. Aussägekräftiger ist, dass diese Zahl immer noch wächst, wir also immer noch neue Hörerinnen und Hörer gewinnen.

Sie erreichen wohl hauptsächlich Frauen – oder wie setzt sich Ihre Community zusammen?
Wir haben eine klar weiblich dominierte Community. Aber das hat sich auch verändert. Wir hatten vor ein paar Monaten eine Folge zu toxischer Männlichkeit. Da müssen die Männer untereinander Werbung gemacht haben. Ich bin überrascht, wie viele Männer sich per Mail bei uns melden. Unser Publikum ist wirklich divers. Uns schreiben 20-Jährige, Pensionierte, linke Feministinnen oder Bäuerinnen.

«Uns ist die inhaltliche Unabhängigkeit wichtig, da soll uns niemand dreinreden»

Eine Wachstumsbremse ist wohl die Sprache. Warum haben Sie sich für Mundart entschieden?
Wir bekommen immer wieder Anfragen aus dem deutschsprachigen Raum. Jemand hat einmal geschrieben, dass sie den Podcast halt einfach in halber Geschwindigkeit hört, um uns zu verstehen. Für uns ist klar, dass wir bei Mundart bleiben. Wachstum ist nicht unser primäres Ziel. Der Podcast lebt von unserer Vertrautheit und unserer Natürlichkeit – das hängt auch damit zusammen, dass wir so reden, wie wir reden. 

Wachstum wäre in Bezug auf Sponsoring relevant. Ihr Podcast ist aber unabhängig. Wird das so bleiben?
Wir erhalten viele solcher Anfragen von Unternehmen, die wir immer ablehnen. Uns ist die inhaltliche Unabhängigkeit wichtig, da soll uns niemand reinreden. Auch der Druck, eben immer mehr Leute erreichen zu müssen, wäre ein Graus. Felizitas und ich sind der Überzeugung: Was wir liefern, hat auch einen Wert. Wir wollen mitwirken, dass die Leute das wieder merken und wegkommen von dieser Gratiskultur.

Stattdessen setzen Sie auf die Finanzierung durch die Hörerinnen und Hörer. Wie haben diese auf das freiwillige «Beziehungskosmos»-Abo reagiert?
Sehr gut. Bisher hat sich niemand beklagt, dass wir um Geld betteln würden. Als wir uns nach sechs Monaten entschieden hatten, den Podcast weiterzuführen, war für uns klar, dass wir die Kosten sicher teilweise decken wollen. Also haben wir den Hörerinnen und Hörern transparent erklärt, dass wir beide Familien ernähren müssen und dass es diesen unabhängigen Podcast zu finanzieren gilt.

«Ich freue mich über 50 Rappen genauso wie über 200 Franken»

Sie haben zuerst Twint als Bezahlmethode angegeben und später vorgeschlagen, einen Dauerauftrag einzurichten. Wie viel Geld kommt monatlich auf Ihr Konto?
Ich weiss es ehrlich gesagt nicht genau. Aber es ist so viel, dass wir beide die Kosten für unsere Arbeit am Aufzeichnungstag decken können. Was längst nicht bezahlt ist, ist die Arbeit für Social Media, die vielen Mails, das Bücherlesen oder die Technik.

Was für Beträge überweisen die Hörerinnen und Hörer monatlich? 5 Franken oder eher 20 Franken?
Das ist ganz unterschiedlich. Das geht von monatlich 1 Franken, bis zu 20 Franken oder mehr. Es hat auch schon jemand einmalig 200 Franken überwiesen. Ich freue mich über 50 Rappen genauso wie über 200 Franken. Es ist schön, zu merken, dass die Leute unsere Arbeit auch auf diese Art wertschätzen.

Frau Ambauen hat der Podcast sicherlich dabei geholfen, neue Kundinnen und Kunden zu gewinnen. In diesem Sinne ist er auch ein PR-Instrument. Wie sehen Sie das?
Felizitas war schon eine gefragte Psychotherapeutin, bevor es den Beziehungskosmos gab. Und das hat sich mit dem Podcast natürlich nicht geändert. Vor allem ist ihre Bekanntheit noch grösser geworden. Auch ich kann mich im Podcast als Journalistin ebenso einem Publikum präsentieren, dem ich sonst fremd geblieben wäre. Wir haben also beide etwas davon.

Zum Abschluss ein Blick nach vorn: Wie wollen Sie «Beziehungskosmos» im Jahr 2022 weiterentwickeln?
Wir wollen vor allem genauso unabhängig weitermachen. Wir haben noch genauso viel Spass wie vor zwei Jahren und solange sich das nicht ändert, bleiben wir dran. Gerade waren wir aber in Zürich zu Gast in einer Valentinsshow eines Theaters. Und im Juni haben wir in Zürich einen weiteren Live-Auftritt. Unsere Community kriegt uns also auch einmal persönlich zu sehen. 



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