20.09.2016

AZ Medien

«Die Montagsausgabe ist nicht zwingend»

Trotz Schwierigkeiten glaubt Peter Wanner an die Zukunft der Branche. Der 72-jährige Verleger aus dem Aargau spricht im Interview mit «persönlich» sowohl über neue Modelle für Tageszeitungen, als auch über die Nachfolgeplanung für sein Unternehmen.
AZ Medien: «Die Montagsausgabe ist nicht zwingend»
«Als wir noch keine Sonntagsausgabe hatten, erschienen wir auch nur sechsmal in der Woche», sagt Peter Wanner. (Bilder: Marc Wetli)
von Matthias Ackeret

Herr Wanner, Sie sind seit genau zwanzig Jahren oberster Chef der AZ Medien. Befinden Sie sich momentan in Ihrer schwierigsten beruflichen Zeit? 
Höchstwahrscheinlich schon. Vor zwanzig Jahren, als ich die Verantwortung für unsere Firma übernommen habe, konnte man sich im Traum nicht vorstellen, dass das Geschäftsmodell Tageszeitung irgendwann ins Wanken geraten würde. Bis 2006 – also kurz vor der Finanzkrise – herrschten paradiesische Zustände: Die Auflagen stiegen, und es gab immer mehr Inserate und auch Leser. Doch jetzt hat sich alles geändert. Wir befinden uns mitten in der digitalen Transformation. Man muss neue Geschäftsfelder suchen und innovativ bleiben, um Erfolg zu haben.

Aber was heisst das konkret?
Verleger zu sein, ist wie Alpinismus im Hochgebirge. Die Erfahrung zeigt: Der Aufstieg zum Gipfel kann sehr hart sein, der Abstieg aber auch. Den Peak haben wir überschritten, doch jetzt stellt sich die Frage: Wann ist der Plafond erreicht, wo haben wir wieder stabilen Boden unter den Füssen? Ist es auf der Höhe der Achtzigerjahre, oder fallen wir noch tiefer? Jeder Verleger ist gezwungen, neue Ideen zu entwickeln.

Was ist Ihr Patentrezept?
Erstens war es stets mein Credo, die erwirtschafteten Gewinne zu reinvestieren. Dadurch ist es uns gelungen, zu wachsen und die Firma breiter abzustützen. Investitionen muss man sich aber auch verdienen, was einen haushälterischen Umgang mit den vorhandenen Mitteln und mitunter Sparanstrengungen verlangt. Dies gilt besonders in
 Zeiten wie diesen, in denen wir mit stark
 rückläufigen Werbeeinnahmen konfrontiert
 sind. Wir kommen deshalb um eine weitere
 Sparrunde nicht herum. Zweitens zwingt einen die digitale Transformation, kreativ zu sein und nach neuen Modellen zu suchen. Ich schlage mich zum Beispiel schon lange mit dem Gedanken herum, ob man auf die Montagsausgabe der Tageszeitung verzichten könnte. Je länger, desto realistischer erscheint mir dies. Publizistisch ist das meiste bereits in den Sonntagsmedien abgehandelt, zudem ist das Inserateaufkommen am Montag sehr gering. Das ist aber erst eine Idee.

Diese war nicht der Grund für Christian Dorers Kündigung?

Nein. Dorer suchte nach acht Jahren eine neue Herausforderung. Das kann ich nachvollziehen. Er hatte vor vier Jahren schon das gleiche Angebot, doch damals konnte ich ihn noch umstimmen. Ich nehme es mittlerweile gelassen, weil sich intern wie extern sehr gute Kandidaten für den Job gemeldet haben. 

Ein Verzicht auf die Montagsausgabe wäre aber eine einschneidende Massnahme.
Ja, aber ich bin zur Ansicht gelangt, dass die Montagsausgabe für eine Tageszeitung nicht zwingend notwendig ist. Als wir noch keine Sonntagsausgabe hatten, erschienen wir auch nur sechsmal in der Woche. Möglicherweise muss man nach den Wahlen oder wichtigen Abstimmungen eine Sonderausgabe machen. Sonst orientieren sich die Leser zusehends über Tablet oder Smartphone. Der Vorteil: Man spart Druck-, Papier- und Vertriebskosten.

Stammt diese Idee von Ihnen?
Ja und nein. In den USA hat man auch schon damit experimentiert, an einzelnen Tagen in der Woche nicht zu erscheinen. Die Reaktionen waren gemischt. Es kommt sehr auf die Konkurrenzsituation an, in der sich eine Zeitung befindet. Wie und ob es wirklich funktioniert, kann ich nicht sagen, aber es wäre zumindest einen Versuch wert. In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Aussage des italienischen Autors Umberto Eco, die er kurz vor seinem Tod in einem Interview mit der Zeit gemacht hat: «Die Zukunft der Tageszeitung ist die Wochenzeitung.» Da ist was dran – weit vorausgedacht.

Das «Magazin» hat einmal geschrieben, dass Ihr Vater der Verleger sei, Sie hingegen
 der Unternehmer. Kann man Ihre Beziehung auf diese Kurzformel reduzieren?
Das ist nicht ganz falsch. Ich habe eine unternehmerische Ader, und diese kommt vermutlich von der mütterlichen Seite. Mein Urgrossvater mütterlicherseits war Emil Stehli, ein Zürcher Seidenindustrieller aus Obfelden, der in seiner Zeit sehr erfolgreich war. Von der väterlichen Seite kommt die Leidenschaft für die Publizistik und die Politik. Mein Ururgrossvater war Josef Zehnder, Zeitungsgründer, Verleger, Alleinredaktor und Buchdrucker. Und gleichzeitig war er aktiver Kulturkämpfer, Grossrat und während einer langen Zeit auch Badener Stadtammann.

Sie sind Vertreter der vierten Generation einer Zeitungsfamilie. Und die fünfte Genera- tion ist in den Startlöchern.

Drei meiner Kinder sind im Unternehmen tätig, eine Tochter ist Ärztin geworden. Ich habe wirklich Freude, wie sich das entwickelt. Vorgesehen ist, dass mein ältester Sohn Michael eines Tages CEO wird. Er will zusammen mit meinem jüngsten Sohn Florian die Unternehmung führen. Beide verstehen sich sehr gut und ergänzen sich auf ideale Weise. Meine Tochter Anna ist Journalistin und leitet zusammen mit einer Kollegin neu die Bundeshausredaktion der AZ. Mit dem derzeitigen CEO Axel Wüstmann, mit dem ich mich gut verstehe, habe ich vereinbart, dass er mindestens fünf Jahre bleibt und mithilft, dass es mit dem Generationenübergang gut kommt.

Aber können Sie überhaupt abgeben?
(Lacht.) Ich hoffe es.

 



Was sagt Peter Wanner sonst noch zu den AZ Medien, Christoph Blocher, Watson, zur SRG, über seinen Vater und über seine linke Vergangenheit? Lesen Sie das vollständige Interview. Sie finden es in der aktuellen Print-Ausgabe vom «persönlich»-Magazin. 

 

 



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Kommentare

  • Marco Wyser, 23.09.2016 16:50 Uhr
    Mich würd ja interessieren, wie lange er noch an Watson festhält. Das journalistische Niveau bewegt sich dort mittlerweile in tiefen Gefielden. Ich bezweilfe, dass so ein Gegenpol zu 20 Minuten oder Blick.ch geschaffen werden kann.
  • Thomas Gass, 22.09.2016 20:10 Uhr
    Mich erstaunt und irritiert die Aussage von Herrn Wanner betreffend, dem möglichen Verzicht der Montags-Ausgabe. Glaubt Herr Wanner wirklich, dass seine Abonnenten einen solchen Leistungsabbau bei gleich bleibenden Abokosten akzeptieren würden? Wohl kaum! Zudem schränkt die AZ schon seit geraumer Zeit während den Sommerferien (AZ-Sommer) und zwischen Weihnachten-Neujahr ihr Angebot drastisch ein und dies bei einen Abopreis von Fr. 484.00 pro Jahr....! Das die Wirtschaft ihre Werbeaktivitäten immer mehr ins Internet verlegt ist doch nachvollziehbar, da sie dort a) viel zielgerichteter eingesetzt werden kann und b) auch preiswerter und "langlebiger" ist! Zudem ist Werbung im Internet für den Auftraggeber bis zu einem gewissen Grad auch messbar, was bei den Printmedien nicht möglich ist. Meines Erachtens ist die AZ schwierig zu positionieren. Ist sie nun eine Qualitätszeitung, oder zieht es sie doch immer mehr zum Boulevard hin? Wenn ich z.B. in der "Schweiz am Sonntag" die Berichte von S. Ercolani lese (Rubrik Menschen), sehe ich die Zeitung doch eher beim (schlecht gemachten) Boulevard. Oder die ganze Geri-Müller-Affäre in der AZ! Es gäbe noch weitere Beispiele! Für mich persönlich ist die AZ schlichtweg das Geld, das sie kostet, nicht mehr wert! (Schlechtes Preis-, Leistungsverhältnis) Zudem stellt sich da für mich noch eine ganz andere Frage: Wieviel Geld ist sind den heute dem Konsumenten die Medien überhaupt noch wert, wenn er die Informationen doch kostenlos im Netz beziehen kann? Zwar (meistens) nicht vom Journalisten kommentiert, aber wer will das noch? Wenn interessiert die persönliche Meinung eines Journalisten, bei dieser Vielfalt von Informationen, welche im Minutentakt auf uns herein prasseln!! Wir sind immer mehr unfähig all' diese Informationen überhaupt zu verarbeiten...! Wenn ich alle Kosten (welchen ich mich nicht entziehen kann) von Bilag, Kabelanschluss, etc. zusammenrechne kommt da schon einiges für den Medienkonsum zusammen...! Dazu dann noch ein Zeitungsabo von fast Fr. 500.00? Dies ist nicht jedermanns Sache! Um auf den Anfang zurück zu kommen: Ich glaube nicht, dass sich die AZ-Medien mit dem Verzicht auf die Montags-Ausgabe der medialen Krise entziehen können... Da wären wohl schon kreativere Ideen gefragt! Es wird sich zeigen, welchen Weg die AZ-Medien in Zukunft einschlagen werden, spannend bleibt es auf jeden Fall!
  • Lukas Weber, 21.09.2016 21:38 Uhr
    Was er wohlwissend verschweigt: Seine Masche, auf die SVP einzudreschen, zahlt sich nicht aus. Auch verlegerisch ist das nicht originell. Um sein Mütchen zu kühlen, gibt es übrigens den Kraftraum... ;-)
  • glancy mueller, 21.09.2016 13:01 Uhr
    ein mann ohne jede vision, dazu nicht wirklich ein guter unternehmer, auch wenn er gern das gegenteil behauptet: "Ich habe eine unternehmerische Ader, und diese kommt... Urgrossvater mütterlicherseits war Emil Stehli... in seiner Zeit sehr erfolgreich war." auf die sinkenden erträge hat er nur die einfallslose idee, den montag wegzusparen. leider bewegt sich das niveau seiner zeitungen auf etwas gleicher höhe.
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