30.07.2018

Wissenschaftsjournalismus

«Die Redaktionen pfeifen aus dem letzten Loch»

Wissen für alle: Der frühere MTW-Moderator Beat Glogger hat eine Vision und er warnt gleichzeitig vor einer Gesellschaft ohne Wissenschaftsjournalismus. Ein Gespräch über knausrige oder erschöpfte Verleger und über Higgs.ch, die «grösste Wissensredaktion der Schweiz».
Wissenschaftsjournalismus: «Die Redaktionen pfeifen aus dem letzten Loch»
Wissen sei demokratierelevant und Wissenschaftsjournalismus ein «echt cooles Gebiet», sagt der frühere SRF-Moderator Beat Glogger. (Bild: René Ruis)
von Edith Hollenstein

Herr Glogger, ein halbes Jahr nach dem Start von «Higgs» erklären Sie, wie «wunderprächtig» es dem Projekt geht. Warum müssen Sie überhaupt noch so offensiv Werbung machen?
In Bezug auf die Nutzer geht es uns gut. Aber auf der Seite der Geldgeber geht es uns schlecht. Wir haben jahrelang mit Geld der Gebert-Rüf-Stiftung Inhalte für «Wissen» in «20 Minuten» hergestellt. Dabei war es unser Auftrag, daraus ein funktionierendes Businessmodell zu entwickeln. Aber Tamedia dafür zu gewinnen, uns diese «Wissen»-Inhalte für Geld abzukaufen, war nicht möglich. Darum versuchten wir es mit einem externen Inserateverkäufer, doch das brachte viel zu wenig Geld ein.

Dann lancierten Sie Ende 2016 «Wissen» für Regionalzeitungen.
Genau. Hier war das Ziel, dass die Verlage nach einer anfänglichen Gratis-Phase die Seiten selber monetarisieren, also selber nach Mäzenen oder Inserenten suchen. Der «Zürcher Oberländer» zum Beispiel hätte für 4500 Franken ein ganzes Jahr lang jede Woche eine fixfertig geschriebene und gelayoutete Seite beziehen können. Doch der Chefredaktor sah sich nicht in er Lage, das zu bezahlen. Das ist tragisch, doch ich glaube ihm, dass er keinen Spielraum hat. Die Verlage haben die Sparschraube so stark angezogen, die Redaktionen pfeifen aus dem letzten Loch!

Ihre Inhalte sind vielleicht zu wenig attraktiv oder die Zeitungen haben genug anderes Material, von PR-Agenturen etwa.
Nein, unsere Inhalte sind interessant und wichtig! Zudem geht aus Befragungen regelmässig hervor, dass «Wissen» bei der Leserschaft sehr beliebt ist. In den Sonntagszeitungen gehört es zu den beliebtesten Themen überhaupt. Und im Vorfeld der No-Billag-Abstimmung führte SRF eine Umfrage durch, in der das Publikum die beliebtesten Inhalte auswählen konnte: «Wissen» landete gleich hinter Nachrichtensendungen, Dokumentationen und Reportagen auf dem vierten Rang. Für mich ist das ein Widerspruch: Die Verleger rühmen sich mit diesen Themen, die Leser fragen sie nach, doch die Zeitungen betrachten «Wissen» als «nice to have». Und wir liefern ja journalistische Qualität und kein PR-Material.

«Wir sind bereits die grösste Wissensredaktion der Schweiz»

Wer hat denn noch eine «Wissen»-Redaktion?
Die NZZ und die «NZZ am Sonntag» leisten sich noch je eine Redaktion. Dann gibt es die gemeinsame von «Sonntagszeitung» und «Tages-Anzeiger». Hinzu kommen «Einstein» und «Wissen» auf Radio SRF2. Je nachdem, ob man das als «Wissen» oder Service zählt, kommt noch «Puls» hinzu. Das sind in der Deutschschweiz also noch etwa fünf Fachredaktionen. Bei der AZ und dem «St. Galler Tagblatt» gibt es Redaktionen, die Wissen unter anderem produzieren.

«20 Minuten» hat doch auch Wissen.
Das ist etwas ganz anderes. Wir haben nachgezählt: «20 Minuten» hat nur zu rund 10 Prozent Inhalte aus der Schweiz. Higgs hingegen über 60 Prozent. Auch inhaltlich ist das eine ganz andere Kategorie: Kürzlich war da die Story eines 15-jährigen Chinesen, der sich ein USB-Kabel in den Penis eingeführt hatte. Das ist Clickbait und kein Wissenschaftsjournalismus.

Was macht denn «Higgs»?
Higgs ist eine Plattform, aber auch ein System, denn alle Medien, die unsere Inhalte wollen, bekommen sie, wenn sie sie regelmässig publizieren. Daher sind wir auch jetzt bereits die grösste Wissensredaktion der Schweiz. Wir haben 1,2 Millionen Leser im Print und 4,7 Millionen Leser im Online, denn wir dürfen alle abnehmenden Zeitungen dazuzählen, unter anderen «Blick am Abend», «Aargauer Zeitung» und «Südostschweiz». In Online sind es Blick.ch und Nau.ch, die wir beliefern.

Sie behaupten, Sie seien die grösste Wissensredaktion der Schweiz, indem Sie einfach alle die Print- und Online-Reichweiten der Partner-Medien addieren? Das ist doch nicht seriös.
Wie viele Leser die «Wissen»-Inhalte bei diesen Titeln haben, wissen wir nicht, weil wir darüber keine Daten erhalten. Aber die Wemf-Leserzahlen auszuweisen, ist gang und gäbe. Die Zeitungen weisen ja ebenfalls ihre Reichweiten aus, um dem Werbemarkt zu zeigen, wie stark sie beachtet werden. So machen wir es auch. Alle reden von einer potentiellen Leserschaft.

«Wir benötigen jährlich zwei Millionen Franken»

Zumindest die Online-Leserzahlen könnten Sie genauer ausweisen.
Das stimmt. Da ist natürlich noch viel Luft nach oben. Doch wir halten es analog den anderen neu gestarteten Portalen wie Nau.ch und «Republik». Im ersten Jahr weisen keine Online-Zahlen aus. Wir können aber sagen, dass wir im ersten halben Jahr mehr Klicks hatten als infosperber.ch in seinem ersten Halbjahr. Wie andere Start-up-Medien werden auch wir zu einem späteren Zeitpunkt unsere Nutzerzahlen öffentlich ausweisen.

Falls es Higgs.ch dann noch gibt. Sie haben ja Geldschwierigkeiten.
Für dieses Jahr müssen wir mit 340'000 Franken Fördergeld von der Gebert-Rüf-Stiftung auskommen, was bei weitem nicht ausreicht. Ich investiere viel Geld. Inhaltlich bringen wir derzeit einiges an bereits veröffentlichten aber immer noch gültigen Artikeln und bauen ein Austauschsystem mit anderen Medien auf. Auch das ist gängige Praxis, zum Beispiel zwischen dem «Tages-Anzeiger» und der «Süddeutschen Zeitung». Doch für den mittelfristigen Betrieb mit professionellem Marketing und Fundraising und mit dem Ziel, jede Woche drei bis vier grosse Geschichten und die vielen kleinen Rubriken, die sehr beliebt sind, zu veröffentlichen, benötigen wir jährlich zwei Millionen Franken. Dieses Geld haben wir noch nicht beisammen.

Woher sollen diese zwei Millionen Franken kommen?
Stiftungen übernehmen typischerweise nur Anschubfinanzierungen. Wir reden momentan mit allen, die in Zeiten von Fake News und Fachkräftemangel ein Interesse an der Verbreitung von «Wissen» an ein breites Publikum haben müssten. Hochschulen, Bund, Kantone, aber auch Industrieverbände. Allerdings lerne ich gerade, wie lange und wie politisch solche Geldvergabe-Prozesse sind. Niemand findet unser Konzept schlecht, aber es dauert alles viel länger als ich erwartet hatte.

«Nur Institutionen dürfen bezahlte Inhalte veröffentlichen»

Für die Wirtschaft gibt es doch viel effektivere Methoden: Lobbying, Werbekampagnen oder die Finanzierung einer Stelle bei der SDA – wie es die Hochschulen bereits machen.
Das sind eben keine effektiveren Methoden. Werbung ist kein Journalismus. Und zwischen der Arbeit der SDA und uns liegt ein Riesenunterschied! Die SDA ist sozusagen eine Giesskanne, die tatsächlich wunderbare Inhalte produziert, doch es gibt keine Abnahmegarantie. Viele Zeitungen drucken SDA-Wissen-Themen gar nicht, weil sie keine entsprechende Seite oder fachlich kompetente Redaktionen haben. Wo sollen sie diese Inhalte platzieren? Hier liegt gerade der Vorteil von Higgs: Unser System mit den Abnahmevereinbarungen garantiert eine Publikation. Ausserdem leisten wir die Konfektionierung für die verschiedenen Abnehmer. Wir liefern dem «Blick» nicht dasselbe wie der «Südostschweiz».

Sie bieten zudem Paid Content an. Wie können Sie denn da unabhängig sein?
Wir sind so abhängig oder unabhängig wie alle, die Paid Posts publizieren. Sicher sind wir aber strenger in der Selektion. Bei uns dürfen nur Institutionen bezahlte Inhalte veröffentlichen. Im Moment ist zum Beispiel Philipp Morris sehr aktiv auf diesem Feld, um für die E-Zigarette zu werben. Das lehnen wir ab.

«Wissen ist demokratierelevant»

Auch Hochschulen sind nicht ganz frei von Interessen und verfassen Studien im Auftrag von Firmen.
Durchaus, aber sie sind staatlich finanziert und nicht privatwirtschaftlich. Studien, die in Zusammenarbeit mit Firmen entstanden sind, deklarieren wir als solche. Derzeit haben wir eine Kooperation mit der HSR Hochschule für Technik Rapperswil. Sie schlug uns Themen vor, was davon als Paid Posts erscheint, haben wir bestimmt. Es muss ins Konzept von Higgs passen und unsere ethischen Grundsätze erfüllen. Die Hochschule akzeptiert diese Bedingungen.

Welche politischen und gesellschaftlichen Folgen hat es für die Schweiz, wenn Wissenschaftsjournalismus noch stärker vernachlässigt wird?
Das Land muss ein Interesse haben an einer Bevölkerung, die faktisch aufgeklärte Entscheidungen fällt und nicht jeder Fake-News-Welle hinterherrennt. Wissen ist demokratierelevant.

Können Sie das an einem Beispiel erklären?
Wie sollen die Stimmberechtigten über Gentechnik, Nanotechnologie oder ähnliche Themen kompetent abstimmen, wenn ihr die faktische Grundlage dazu fehlt. Ich will keine Meinungen steuern, aber ich will, dass die Leute faktenbasiert entscheiden. Und wenn sich nicht wieder mehr junge Menschen für MINT-Themen (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik) interessieren, lässt sich der Fachkräftemangel nicht beheben. Wir kommen heute nur noch mit Ingenieuren oder Ärztinnen aus dem Ausland über die Runden. Ausserdem ist Wissenschaft ein echt cooles Gebiet mit vielen spannenden Abenteuern. Das gehört auch einmal gesagt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



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