14.04.2021

SRF

«Die Sendung hat ihre Nische gefunden»

Das Talkformat «Gredig direkt» hat das erste Jahr hinter sich. Moderator Urs Gredig schaut zurück auf seine persönlichen Highlights. Ein Gespräch über harte Fragen, negative Kritik und Quoten-Königinnen.
SRF: «Die Sendung hat ihre Nische gefunden»
«Ich stelle im Verlauf des 30-minütigen Gesprächs jene Fragen, von welchen ich mir einen Erkenntnisgewinn verspreche», so Urs Gredig, Moderator von «Gredig direkt». (Bild: SRF/Oscar Alessio)
von Christian Beck

Herr Gredig, wenn Sie sich selbst gegenübersitzen würden, was würden Sie von sich wissen wollen?
Oh, das fängt ja schon fast metaphysisch an. Wie wäre es mit «Warum sind Sie Journalist geworden?» …

Und die Antwort darauf wäre?
Weil mich Menschen und deren Geschichten interessieren. Und weil ich gerne einen möglichst abwechslungsreichen und spannenden Job haben wollte. Nach mittlerweile über 20 Jahren darf ich sagen: Es war die richtige Wahl.

Sie wurden im letzten Jahr 50 Jahre alt. War «Gredig direkt» quasi ein Geburtstagsgeschenk für Sie?
Einerseits das, andererseits vielleicht auch eine Teilkompensation für die geplante Geburtstagsparty, welche coronabedingt leider ins Wasser fiel.

«Die Quoten sind nun besser als bei CNN Money Switzerland»

Sie waren bei SRF lange bei der «Tagesschau», später wurden Sie Grossbritannien-Korrespondent, bevor Sie zu CNN Money Switzerland wechselten und danach zu «10vor10» zurückkehrten. Was ist bei SRF besser als in der Privatwirtschaft?
Solche Vergleiche stelle ich nicht an. Ich bin sehr froh, konnte ich doch in meiner Karriere sowohl für private Medien als auch für SRF arbeiten, und ich habe in jedem Job für den jeweils nächsten etwas lernen und mitnehmen können. Aber wenn Sie auf einen Unterschied bestehen: Die Quoten sind nun besser als bei CNN Money Switzerland.

Und was macht Ihnen mehr Spass: «10vor10» oder «Gredig direkt»?
Das ist wie die Frage nach dem Lieblingskind: nicht zu beantworten. Ich betrachte es als grosses Privileg, beide Sendungen moderieren zu können und eben nicht wählen zu müssen. Nach einer «‹Gredig direkt›-Schicht» freue ich mich jeweils wieder extrem auf «10vor10» – und umgekehrt.

«Gredig direkt» löste «Schawinski» ab. Wollten Sie bewusst anders sein als Roger Schawinski?
Ich versichere Ihnen, mit dieser Frage habe ich mich – im Gegensatz zu vielen Journalisten-Kolleginnen und -Kollegen – wirklich nie beschäftigt und tue es bis heute nicht. Wir haben einen anderen Gesprächsstil, Schawinski ist Schawinski, Gredig ist Gredig. Und Roger – notabene mein früherer Chef bei Radio 24 – ein sehr geschätzter Kollege.

Ihre Sendung erreichte 2020 eine durchschnittliche Reichweite von 153'000 Zuschauenden, der Marktanteil liegt bei 16,5 Prozent (Overnight +7). Diese Werte sind deutlich besser als bei «Schawinski». Liegt es nur am anderen Sendeplatz?
Ich bin sehr zufrieden mit den Zahlen. Beim «Overnight»-Marktanteil – also der Quote am Sendetag selber – lagen wir sogar über 17 Prozent. Die Sendung hat offensichtlich ihre Nische gefunden, und wir erhalten auch viele positive Feedbacks von den Zuschauerinnen und Zuschauern. Für die Interpretation der Zahlen sind neben dem Sendeplatz jedoch noch viele andere Faktoren ausschlaggebend. Vergleiche mit anderen Formaten finde ich deshalb schwierig.

«Zu diesem Stilmittel stehe ich gerne»

«Was Urs Gredig heute als Ersatz anbietet, gleicht einer kuscheligen Influencer-Plattform», schrieb kürzlich die NZZ am Sonntag. Warum fragen Sie nicht härter?
Die Kuschelanalogie empfinde ich mittlerweile als etwas abgeschmackt. Ich stelle im Verlauf des 30-minütigen Gesprächs jene Fragen, von welchen ich mir einen Erkenntnisgewinn verspreche. Darunter sind meiner Meinung nach auch alle notwendigen «harten» Fragen, nur werden diese nicht automatisch in einem harten und anklagenden Ton gestellt. Zu diesem Stilmittel stehe ich gerne. Und wenn ich mir meine Talks als geschriebene Scripts vorstelle, unterscheidet sich das Resultat inhaltlich nicht von Interviews in Printmedien. Im TV-Format kommt die persönliche Gesprächshaltung vielleicht einfach mehr zum Tragen. Und die ist bei mir hauptsächlich geprägt von Unvoreingenommenheit und Neugierde.

Für viel Kritik sorgte die Ausgabe mit Sepp Blatter vor knapp einem Jahr. Die Sendung sei nach drei Folgen «auf dem Weg zum Flop», schrieb damals die NZZaS. War die Kritik berechtigt?
Inhaltlich stehe ich weiterhin hinter der Sendung. Vielleicht war es für einige damals befremdend, dass man Herrn Blatter neben den notwendigen kritischen durchaus auch andere Fragen stellen kann. Und sinnigerweise wurden gleich mehrere Aussagen Blatters in anderen Medien zitiert.

Sie hätten viele aktuelle Fragen nicht aufgegriffen, hiess es. Der Grund: Die Sendung wurde bereits zwei Wochen zuvor aufgezeichnet. Rückblickend: Hätten Sie die Ausgabe nicht einfach kippen müssen?
Rückblickend betrachtet war die frühere Aufzeichnung wegen der fehlenden Aktualität tatsächlich unglücklich, und ich würde heute vielleicht anders entscheiden. Nicht zuletzt deshalb verzichten wir, wenn immer möglich, auf Aufzeichnungen vor dem Sendetag.

«Humorlos-vehemente und allzu persönliche Kritik befremdet mich teilweise»

Wie gehen Sie generell mit negativer Kritik um?
Zwischen bärenfellig und dünnhäutig. Im Prinzip bin ich ein Anhänger der «If you can't stand the heat»-Rezeptionsschule. Gleichzeitig gebe ich gerne zu, dass mich vor allem humorlos-vehemente und allzu persönliche Kritik teilweise befremdet. Aber unabhängig davon ist für mich auch ein selbstkritischer Umgang mit meiner Arbeit essenziell, und diesbezüglich halte ich es ganz nach Wawrinka beziehungsweise Beckett: «Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.»

Ich habe den Eindruck, dass Sie stets perfekt vorbereitet sind. Wie viel Zeit investieren Sie für die Vorbereitung einer Sendung?
Das Kompliment reiche ich gerne an mein tolles Produzentinnen- und Produzenten-Team weiter, welches mich jeweils mit einem perfekten Dossier zum Gast versorgt. Zudem gönne ich mir das Privileg, nur interessante Gäste einzuladen, da recherchiert es sich sowieso einfacher.

Bisher begrüssten Sie 37 Gäste. Welcher Gast fesselte die Zuschauerinnen und Zuschauer am meisten?
Die beiden Quoten-Königinnen waren bisher Melanie Winiger und Magdalena Martullo-Blocher mit jeweils deutlich über 25 Prozent.

«Ich mag Menschen mit Lebenserfahrung»

In einem Q&A-Video, welches Sie auf Instagram posteten, sagten Sie, dass Sie Beatrice Egli als Gast überrascht habe. Weshalb?
Weil sie mich – und damit das Publikum – hinter die Kulisse blicken liess, indem sie sehr authentisch und filterlos auch über schwierige und persönliche Themen wie übergriffige Fans oder Bodyshaming sprach.

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Und welcher Gast beeindruckte Sie sonst noch?
Ich mag Menschen mit Lebenserfahrung – zum Beispiel Emil oder Adolf Muschg – oder solche, die mich fordern und zum Nachdenken anregen – diesbezüglich fand ich Lisa Eckhart sehr spannend. Das Publikum offenbar auch, auf YouTube wurde der Talk bislang über 250'000 Mal aufgerufen.

Gab es auch einen Gesprächspartner, von dem Sie mehr erwartet hätten?
Klar, aber vielleicht lag es dann eher an meinen zu hohen Erwartungen.

Letzten Donnerstag begrüssten Sie in der «Jubiläumssendung» Jungunternehmerin Yaël Meier. Sie hat laut Tages-Anzeiger «souverän, vernünftig und unverbindlich durch die Sendung» parliert. Wie fanden Sie diese Sendung?
Mir ist es wichtig, bei der Gästewahl eine möglichst breite Palette abzudecken, sei dies thematisch, bei der Frau/Mann-Ausgewogenheit oder auch was das Alter betrifft. Deshalb fand ich es toll, mit Yaël Meier eine 20-Jährige begrüssen zu können. Und als Ü50er habe ich auch viel erfahren.

Sie gehören nicht der Generation Z an, sondern der Gen X. Was unterscheidet Sie zum Beispiel von einer Yaël Meier?
Wahrscheinlich der digitale Immigranten-Status und die mühsame Angewohnheit, früher einiges besser gefunden zu haben.

Die Sendung wird ja voraufgezeichnet. Welche Pannen wurden schon herausgeschnitten?
Nicht eine. Die Sendung ist «as live» – wird also eins zu eins so gesendet, wie sie aufgezeichnet wird. Mögliche Pleiten, Pech und Pannen inklusive.

«Der Hut passt wie angegossen»

«Gredig direkt» erscheint wöchentlich. Wie bringen Sie dies mit «10vor10» unter einen Hut?
Kleine Korrektur: «Gredig direkt» macht jeweils am ersten Donnerstag des Monats Platz für den Kollegen Sebastian Ramspeck und «#SRFglobal» – das ist dann jeweils meine «10vor10»-Woche. Der Hut passt also wie angegossen.

Im bereits erwähnten Q&A-Video nannten Sie nur internationale Persönlichkeiten, die Sie gerne mal zu Gast hätten. Schweizerinnen und Schweizer stehen keine auf Ihrer Wunschliste?
Selbstverständlich, einige haben auch bereits zugesagt. Und es dürfte Sie kaum überraschen, dass der Name Roger Federer selbstredend ganz oben auf meiner Wunschliste steht.

Um den Bogen zu schliessen: Sie selbst können sich ja nicht gegenübersitzen. Von wem würden Sie sich gerne interviewen lassen?
Weil ich sie alle gerne persönlich kennenlernen würde: Sandra Maischberger, Emily Maitlis oder Bill Maher.



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Kommentare

  • Peter Eberhard, 15.04.2021 09:21 Uhr
    Die höheren Einschaltquoten bei Gredig erklären sich damit, dass bei ihm nicht nur der Interviewer, sondern auch die Interviewten zum Sprechen kommen.
  • Victor Brunner, 15.04.2021 08:42 Uhr
    Passt zu den einfachen Ansprüchen von Gredig: eine Nische gefunden zu haben! Die Sendung ist "Sandmännchen" für Erwachsene!
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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