19.01.2024

SRG

«Diese Entscheidung ist ganz im Interesse der SRG»

Gilles Marchand tritt vorzeitig als SRG-Generaldirektor zurück. Im Interview sagt der Westschweizer, wie der Entscheid zustande gekommen ist. Müde sei er «ganz und gar nicht». Zudem spricht er über seine Nachfolge und seine Pläne in den kommenden Monaten.
SRG: «Diese Entscheidung ist ganz im Interesse der SRG»
«Wir waren der Ansicht, dass 2024 der beste Zeitpunkt wäre», sagt SRG-Generaldirektor Gilles Marchand. (Bild: SwissMediaForum 2022)
von Michèle Widmer

Gilles Marchand, Sie starteten 2017 im No-Billag-Abstimmungskampf und waren als SRG-Generaldirektor danach auch in Bezug auf die Halbierungsinitiative fast immer im Krisenmodus. Sind Sie müde?
Ganz und gar nicht, nein. Ich bleibe voll engagiert und entschlossen, alles zu tun, um den Service public, die SRG, zu verteidigen und weiter voranzubringen. Aber diese Entscheidung wird der SRG helfen, sich gut auf zukünftige Kämpfe vorzubereiten.

Sie sagten es in einem Interview im Tages-Anzeiger selbst: Ihr Rücktritt ist nicht nur Ihr Entscheid, sondern auch der des Verwaltungsrats. Gehen Sie freiwillig oder hätten Sie den Kampf gegen die Halbierungsinitiative gern noch zu Ende geführt?
Diese Entscheidung wurde vollständig mit dem Verwaltungsratspräsidenten Jean-Michel Cina abgestimmt. Wir haben die gleiche Analyse durchgeführt und sie dann gemeinsam dem Verwaltungsrat vorgelegt, der sie verstanden und akzeptiert hat.

Warum ist aus Sicht der SRG gerade jetzt der richtige Zeitpunkt für Ihren Rücktritt?
Diese Entscheidung ist ganz im Interesse der SRG. Es dauert acht bis zwölf Monate, um einen CEO zu finden und ihm oder ihr die Möglichkeit zu geben, sein oder ihr Amt anzutreten. Meine Amtszeit läuft Ende 2026 ohnehin ab. Es ist unmöglich, ein derart komplexes Rekrutierungsverfahren mitten in einer für die Zukunft des Unternehmens wichtigen Abstimmung durchzuführen. Danach folgt die Diskussion über die Konzession der SRG in den Jahren 2027 und 2028. Auch hier wäre ein Wechsel des CEO sehr schwierig. Wir waren daher der Ansicht, dass 2024 der beste Zeitpunkt wäre.

«Es gibt keine Vorentscheidung. Die Stelle wird ausgeschrieben werden»

Sie haben sich in den letzten Jahren wie kein anderer mit dem Thema auseinandergesetzt. Wie stark muss sich die SRG vor der Initiative «200 Franken sind genug» fürchten?
Dies ist ein sehr gefährlicher politischer Angriff auf das gesamte Schweizer Mediensystem. Zu einem Zeitpunkt, an dem es durch massive internationale Konkurrenz, soziale Netzwerke und sinkende Werbeeinnahmen sehr geschwächt ist. Das wäre ein unglaubliches Eigentor. Ich denke, dass die Bevölkerung, die während No Billag bereits intensiv über den Service public nachgedacht hat, diese fatale Absicht erneut zurückweisen wird. Aber ja, man wird sich erneut engagieren, die Herausforderungen gut erklären und debattieren müssen. Das ist ein sehr anspruchsvolles und wichtiges Engagement.

Was konnte man vom No-Billag-Abstimmungskampf lernen, was nun auch bei der SRG-Initiative nützlich sein wird?
Die Bedeutung des direkten Dialogs mit der Bevölkerung, offen und transparent. Und die Wichtigkeit, sich niemals dem politischen Druck zu beugen.

Neben No Billag oder Halbierungsinitiative: Welches war Ihr persönliches Highlight im Job in den letzten sieben Jahren?
Die schnelle digitale Transformation der Gesellschaft, ihre Fragmentierung, neue soziale Verhaltensweisen, die aus den sozialen Netzwerken hervorgehen. Die absolute Bedeutung des Public Value eines Mediums. Es geht nicht mehr um quantitative Leistung oder Einschaltquoten, sondern um die vertrauensvolle Beziehung zum Publikum und die Legitimität der Inhalte. Diese gesellschaftliche Entwicklung macht starke, allgemeine Medien, die zur demokratischen Debatte und zur kulturellen Produktion beitragen, wichtiger denn je.

Nun geht es bald um Ihre Nachfolge: Haben Sie SRF-Direktorin Nathalie Wappler, Ihre jetzige Stellvertreterin, schon für diesen Posten aufgebaut?
Es gibt keine Vorentscheidung. Die Stelle wird ausgeschrieben werden. Und es ist der SRG-Verwaltungsratspräsident Jean-Michel Cina, der diesen Prozess leiten wird.

«Ich habe da noch viele andere Leidenschaften ...»

Sie sind noch maximal ein Jahr im Amt. Was wollen Sie in dieser Zeit unbedingt noch erreichen?
Einfach weiterhin die Transformation der SRG, des Service public, sicherstellen. Die wichtigen Investitionen in die Zukunft in allen Bereichen tätigen. Und die politischen Herausforderungen rund um den Service public aufzeigen und meistern.

Sie werden die SRG vor Ihrer regulären Pensionierung verlassen. Was gedenken Sie danach zu tun? Wird bei der EBU in Genf ein Posten frei?
Ich habe derzeit keine konkreten Pläne und stehe der SRG weiterhin zur Verfügung, solange die Nachfolge nicht operativ ist. Danach werde ich sicherlich weiter aktiv bleiben. Wir werden später sehen, wo und wie.

Sie sind passionierter Reiter. Werden Sie mehr Zeit mit Ihren Pferden verbringen können?
Mal sehen, vielleicht. Ich habe da noch viele andere Leidenschaften ...



Lesen Sie zum Thema auch die Medienschau zum Rücktritt von Gilles Marchand und den Kommentar von Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von persönlich und persoenlich.com.



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Kommentare

  • Peter Eberhard, 19.01.2024 10:33 Uhr
    Wers glaubt, wird selig. Herr Marchand wird vom VR weggedrückt, weil Cina & Co. Angst haben, dass mit ihm die Abstimmung zur Halbierungsinititive schwieriger wird. Marchand ist nie in der Deutschschweiz angekommen, und hier wird der Kampf entschieden (da die Romands mit TSR offenbar zufrieden sind). Und Ausschreibung hin oder her: Selbstverständlich hat der VR/Cina die Favoritin (Frau, Deutschschweiz) bereits im Kopf. Da braucht es keine "acht bis zwölf Monate".
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