18.05.2020

Serie zum Coronavirus

«Ein beherzter Bürokratieabbau würde helfen»

Der Chefredaktor der Handelszeitung, Stefan Barmettler, freut sich, dass der Lockdown vorbei ist, sieht aber düster. Was würde dem Abwärtstrend Gegensteuer geben? «Das Verbreiten der täglichen Apokalypse durch die Medien sicher nicht», sagt er in Folge 45.
Serie zum Coronavirus: «Ein beherzter Bürokratieabbau würde helfen»
Stefan Barmettler ist seit August 2013 Chefredaktor der Handelszeitung. (Bild: handelszeitung.ch)
von Matthias Ackeret

Herr Barmettler, wie haben Sie die Öffnung des Lockdowns erlebt?
Eine erste Befreiung, obwohl die Öffnung ja nur schrittchenweise vor sich geht. Der frühmorgendliche Macchiato im Steh-Cafe oder der Besuch im Fitnesscenter haben mir in den letzten zwei Monaten gefehlt. Jetzt darf es zügig weitergehen mit der Öffnung.

Welche Auswirkungen hat die ganze Krise auf Ihre journalistische Tätigkeit?
Der persönliche Austausch mit den Kolleginnen und Kollegen war erschwert, vertrauliche Hintergrundspräche mit Branchenkennern oder Informanten fielen weg. Beides ist für unsere tägliche Arbeit enorm wichtig.

Wie haben Sie Homeoffice erlebt?
Ich war während vier Jahren Korrespondent in den USA. Reiste ich nicht rum, arbeitete ich von zuhause aus. Insofern war mir das Ineinanderfliessen von Arbeit und Privatem nicht fremd.

Ist Ihre Redaktion bereits wieder zurückgekehrt oder machen Sie noch Homeoffice?
Wir sind noch im Homeoffice. In einem Soft Opening wird das geltende Regime stufenweise gelockert. Bis der Grossteil der Redaktion zurück im Medienpark in Zürich-Altstetten ist, dürfte es noch Wochen dauern.

Wie ist das Werbeaufkommen bei der Handelszeitung?
Nach einem Einbruch in den letzten Wochen, zeichnet sich eine leichte Erholung ab. Aber die Entkopplung der Nachfrage aus dem Publikum und der Werbeumsätze ist bitter. Ich hoffe, dass wir bis Ende Jahr möglichst viel wieder wettmachen können.

Wie beurteilen Sie die Tätigkeit unserer Regierung?
In der Phase 1 hätte der Bundesrat vielleicht rascher und beherzter reagieren können, inklusiver rigoroser Grenzkontrolle. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. In der Phase 2 agiert er für meine Begriffe zu zentralistisch. Was für Appenzell passt, passt nicht unbedingt fürs Tessin. Und das monatelange Aussetzen zentraler Grundrechte ist für einen liberalen Geist wie mich nur schwer zu ertragen. Schliesslich stört mich die Tendenz zum Mikromanagement, grad bei der Zürcher Stadtregierung. Sie hält die Seepromenade vom Bellevue bis zum Tiefenbrunnen unter Verschluss, obwohl die Zahl der täglichen Ansteckungen in der Stadt gegen null tendiert. Das finde ich unverhältnismässig. Aber unter dem Strich halte ich es wie Percy Barnevik, den legendären Gründervater der ABB: Wer unter Zeitdruck in 8 von 10 Fällen richtig liegt, gewinnt.

Und die Überbrückungskredite für die Wirtschaft?
Ich war beeindruckt, wie schnell Ueli Maurer, Thomas Jordan und Mark Branson gemeinsam mit den Grossbanken die staatsgarantierten KMU-Milliardenkredite aufgleisten und diese nach einem Prüfprozess von 20 Minuten aufs Konto überwiesen werden. Effizienter geht nicht. Als ich dies kürzlich an einem internationalen Webinar zur Rolle der Finanzmärkte erzählte, glaubten alle, sie hätte falsch verstanden. Besonders die italienischen Unternehmer: In Rom wird seit Wochen über die Art und Weise von KMU-Kredithilfen gestritten – ausbezahlt ist noch kein Euro. Das Resultat werden Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit sein.

Was werden die wirtschaftlichen Auswirkungen sein? Kommt es wirklich zur grossen Krise oder kommt man mit einem Streifschuss davon?
Streifschuss? Wenn die Umsätze wegbrechen, ein Drittel der Arbeitnehmenden kurzarbeiten, der Personenverkehr stillsteht und der globale Warenaustausch halbiert ist, gehe ich von gravierenden Schäden an der Wirtschaft aus. Bis die Finanzkrise 2008 überwunden war, hat es fünf Jahre gedauert. Diesmal wird es vermutlich länger gehen. Was mich skeptisch macht: Die Staatsverschuldung der wichtigsten Industrienationen wird mit der Corona-Krise weit über 100 Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung steigen. Das sind italienische Verhältnisse – vor der Corona-Krise. Als Exportnation par exellence können wir uns den Einbrüchen im Ausland nicht entziehen.

Was müsste man jetzt tun, um die Konjunktur zu beleben?
Wir brauchen keine staatliche Konjunkturprogramme. Wichtiger wäre es, die Wirtschaft Schritt für Schritt wieder in die Freiheit zu entlassen, den Leuten ihre Eigenverantwortung zurückgeben. Auch eine Corona-Miet-Verordnung oder die staatliche Festlegung von Fussballerlöhnen braucht es in meinen Augen nicht. Das können die Betroffenen besser.

Und was wäre hilfreich?
Zum Beispiel ein beherzter Bürokratieabbau, der die Wirtschaft entlastet und Arbeitsplätze schafft. Eine Vereinfachung beim Firmengründungen, Sommerferien in der Schweiz, ein neues Auto, das wenig bis keinen Sprit verbrennt. Und wir Medienschaffende sollten wegkommen vom Verbreiten der täglichen Apokalypse. In Endlosschlaufen haben wir dem Publikum Berichte aus ausländischen Intensivstationen vorgesetzt und ohne jede Einordnung Mortalitätsraten nachgebetet. Wenn in der Schweiz der Privatkonsum einbricht und über Monate unterirdisch bleibt, haben wir unseren Teil dazu beigetragen.

Was war für Sie persönlich das prägendste Erlebnis der letzten Wochen?
Wie unbeschadet wir trotz allem bislang über die Runden kamen, dafür muss man dankbar sein. Derweilen brechen in Südamerika oder Indien Millionen von Menschen im informellen Sektor die letzten Verdienstmöglichkeiten weg. Sie sterben zwar nicht am Virus, aber womöglich am Hunger.


Was bedeutet die Corona-Pandemie für die verschiedenen Akteure der Schweizer Medien- und Kommunikationsbranche? Bis auf Weiteres wird persoenlich.com jeden Tag eine betroffene Person zu Wort kommen lassen. Die ganze Serie finden Sie hier

 

 



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