15.12.2022

SRF

«Ein Gespräch kann etwas Magisches haben»

Karoline Arn und David Karasek moderieren seit 100 Tagen das «Tagesgespräch» auf Radio SRF. Der SRG-Publikumsrat analysierte die Sendung: Das Fazit ist positiv – aber nicht nur. Karasek nimmt Stellung zu Kritikpunkten und verrät, dass das Format auf die grosse Bühne kommt.
SRF: «Ein Gespräch kann etwas Magisches haben»
«Als Gesprächsleiter will ich immer, dass mein Gegenüber authentisch und echt ist und sich nicht hinter Floskeln versteckt», so David Karasek, Gesprächsleiter beim «Tagesgespräch». (Bilder: SRF/Severin Nowacki)

Herr Karasek, sehen Sie Gläser jeweils halb voll oder halb leer?
Halb voll. Wieso?

Ich frage deshalb: Der SRG-Publikumsrat hat das «Tagesgespräch» analysiert. Es heisst, es werde bedauert, «dass bei einer Mehrheit der Sendungen der Schwerpunkt auf etwas Unerfreulichem lag. Gewünscht wäre durchaus mehr Positivität.» Sind Sie zu negativ?
Meine Gefühlslage ist unwichtig, ich bin neben Karoline nur der Moderator des Formats. Die letzten Monate waren oft geprägt von Ukraine-Krieg, Klimawandel oder Energieknappheit. Wir haben aber trotzdem immer wieder positive Themen. Beispielsweise die erfolgreiche Provenienzforschung des Kunstmuseums Bern zum Gurlitt-Erbe oder der neue Schweizer Astronaut. Noch wichtiger aber erscheint uns, dass wir bei jedem Thema auch die Ansätze herausarbeiten, wie die Probleme gelöst werden können. So ist kein Thema nur negativ.

Seit 100 Tagen moderieren Sie zusammen mit Karoline Arn die Sendung (persoenlich.com berichtete). Fühlen Sie sich wohl?
Sehr, vor allem weil Karoline Arn eine so erfahrene und profilierte Journalistin ist. Die Zusammenarbeit ist sehr angenehm. Es ist ein Privileg, mehrmals pro Woche mit spannenden Menschen Gespräche zu führen. Die anregende Atmosphäre, das Weltgeschehen in tönende Worte und Diskussionen zu fassen, hat mir schon immer sehr gefallen.

Sie folgten auf Barbara Peter und Marc Lehmann, die kündigten, um sich neu zu orientieren. Haben Sie sich mit Ihren Vorgängern noch ausgetauscht oder wollten Sie alles neu machen?
Beide haben uns nicht nur wertvolle Tipps mit auf den Weg gegeben, sondern auch die Datenbank mit allen Gästen aus den letzten Jahren «Tagesgespräch». Auf diese Kontakte greifen wir sehr gerne zurück. Das «Tagesgespräch» ist die meistgehörte politische Talksendung der Schweiz und hat dementsprechend viele Hörerinnen und Hörer, die die Sendung schätzen. Wir versuchen, die Sendung weiterzuentwickeln, aber am Grundprinzip eines aktuellen Talks jeden Mittag halten wir gerne fest. 

Prinzipiell vergibt der SRG-Publikumsrat dem «Tagesgespräch» sehr gute Noten. Was löst das bei Ihnen aus?
Wir freuen uns sehr. Karoline Arn und ich haben die Sendung im Sommer übernommen und waren uns nicht wirklich bewusst, dass der Publikumsrat ausgerechnet unsere ersten 100 Tage analysiert. Das war vielleicht auch besser so (lacht). Die Anspannung war schon genug gross.

Der Publikumsrat fragt sich, weshalb beispielsweise «Tagesschau» oder «10 vor 10» nicht auf das «Tagesgespräch» hinweisen. Gibt es diesbezüglich Bestrebungen?
Das müssen die TV-Kolleginnen und Kollegen entscheiden. Bereits jetzt weisen wir auf unterschiedlichen SRF-Kanälen auf unsere Talksendung hin: Wir schreiben Onlinetexte für SRF News, sind auf Instagram und Twitter präsent oder veröffentlichen täglich einen Podcast der Sendung.

«Feedback und Kritik begleiten uns täglich»

Welches Kompliment in der Beurteilung – unter die Lupe genommen wurden mehrere Sendungen im September – hat Sie besonders gefreut?
Der Publikumsrat fand meinen Talk mit der ehemaligen Nahostkorrespondentin Susanne Brunner berührend und emotional. Das habe ich auch so erlebt.

Es heisst aber auch: «David Karaseks Gesprächsführung wird teilweise als etwas sprunghaft wahrgenommen.» Wie gehen Sie mit Kritik um?
Feedback und Kritik begleiten uns täglich, sei das von den Hörerinnen und Hörern oder den Produzentinnen und Produzenten der Sendung. Ich kann gut damit umgehen. Das etwas Sprunghafte gehört aber zu meinem Gesprächsstil. Also es ist angeboren. Ich bin auch sprunghaft, wenn ich mit meinen Freunden spreche.


Sie sagten mir im Vorgespräch, dass Ihr Talk nach dem Tod der Queen «völlig in die Hose» ging. Was war passiert?
Gast war der Autor Thomas Kielinger, er publizierte eine Biografie über Königin Elizabeth II. Nach ihrem Tod war er im ganzen deutschsprachigen Raum ein gefragter Talkgast. Leider bekam er durch diese vielen Anfragen ein derart grosses Durcheinander in seiner Agenda, dass er mehrere Radiointerviews zur exakt gleichen Zeit abgemacht hatte. Auf mein Bitten hin versuchte er, die Talks zu verschieben, aber am Ende war er um 13 Uhr zum Start des «Tagesgesprächs» immer noch mit einer anderen Sendung verbunden, und ich musste minutenlang überbrücken, bis er für uns zur Verfügung stand. Bitte nicht nachhören.

Wie wählen Sie eigentlich Gäste und Themen aus?
Die Vorgabe ist ganz einfach: Wir laden die Menschen ein, die zu diesem Zeitpunkt relevant sind oder die das Thema des Tages vertiefen können.

«Wir versuchen täglich, einer Diversität nachzukommen»

Dem Publikumsrat ist die Auswahl der Gäste nicht ganz klar. «Es entsteht der Eindruck, dass immer die gleichen Gruppen von Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern zu Gast sind», heisst es im Bericht. Haben Sie bei den Gästen Ihre Lieblinge?
Unsere Wünsche oder Vorlieben sind beim «Tagesgespräch» nicht wichtig. Wir versuchen täglich, einer Diversität nachzukommen. Wir bemühen uns, Gäste ausgewogen nach Geschlecht, Herkunft oder auch nach ihren Meinungen einzuladen. Ich gebe aber dem Publikumsrat in einem Punkt recht: Altersmässig sind unsere Gäste sehr homogen. Das kommt von daher, dass wir oft Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger im Talk haben. Viele haben ein gewisses Alter, weil sie bereits einen gewissen Werdegang und Erfahrung haben. Aber wir nehmen die Kritik ernst und schauen, ob es nicht auch jüngere Gäste gibt, die diese Anforderungen mitbringen.

Ich weiss, Sie mögen die Frage nach Ihrem Wunschgast nicht. Weshalb nicht?
Es ist nicht wichtig. Auch mit einem Wunschgast könnte das Gespräch stocken. Ich will viel lieber mit jedem Gast erreichen, dass sich das Interview zu einem Gespräch entwickelt. Das kann etwas sehr Magisches haben.

Spannende Menschen trafen Sie auch während ihrer Zeit als Südamerika-Korrespondent. Was aus dieser Zeit hilft Ihnen heute beim «Tagesgespräch»?
In allen Ländern Südamerikas habe ich auf Reportagen mit den verschiedensten Menschen gesprochen: Politikerinnen, Guerilla-Kämpfer, Schafhirten oder Wissenschaftlerinnen. Dabei lernte ich, auf unterschiedliche Menschen zuzugehen und über ihr Leben zu sprechen. Als Korrespondent oder jetzt als Gesprächsleiter will ich immer, dass mein Gegenüber authentisch und echt ist und sich nicht hinter Floskeln versteckt.

«Ich bin ein ziemlicher Nachrichtenjunkie»

Nehmen Sie sich den Wunsch des Publikumsrats zu Herzen und planen künftig auch mal eine positivere Sendung?
Anfang Januar verraten wir exklusiv im «Tagesgespräch», was «Tier des Jahres» in der Schweiz wird. Ich kann jetzt schon sagen, es hat Flügel.

Gutes Stichwort: Ab Januar fliegen Sie aus. Was ist geplant?
Im nächsten Jahr gibt es «Tagesgespräche» live vor Publikum im Studio Bern. Das Publikum kann anschliessend mitdiskutieren.

Wird das einfach einige Male so sein – oder wird das zum fixen Bestandteil?
Gespräche im direkten Kontakt mit unseren Hörerinnen und Hörern live auf einer Bühne werden uns mindestens das ganze nächste Jahr begleiten.

Jetzt kommen die Weihnachtsferien. Können Sie gut abschalten?
Naja, wenn ich schon bald mit meinen Kindern die Piste runterfahre und sie dabei eher runterdonnern, dann wird der Kopf schon frei. Obwohl ich ein ziemlicher Nachrichtenjunkie bin.


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