31.10.2018

Die Zeit Schweiz

«Ein kleines Wunder, dass wir uns so gut behaupten konnten»

Zum zehnten Geburtstag der Schweizer Ausgabe der «Zeit» blickt Büroleiter Matthias Daum zurück und spricht über die Jubiläumsausgabe und die Ansprüche bei der eigenen Arbeit. Zudem deutet er an, wie es weitergehen könnte.
Die Zeit Schweiz: «Ein kleines Wunder, dass wir uns so gut behaupten konnten»
Seit der Lancierung der «Zeit Schweiz» 2008 dabei und seit 2014 Büroleiter: Matthias Daum. (Bild: zVg.)
von Marius Wenger

Herr Daum, die Schweizer Ausgabe der «Zeit» wird zehnjährig. Die Jubiläumsausgabe widmet sich dem Thema: «Was ist das, die Schweiz?… und 99 weitere Fragen an unser Land. Ein Psychogramm». Im Alter von zehn Jahren ist die Zeitung nun also genügend alt, um sich den ganz grossen Fragen zu widmen?
Meine Kolleginnen Sarah Jäggi, Aline Wanner und ich hatten Lust, mal etwas ganz anderes zu machen. Die Schweiz-Ausgabe der «Zeit» ist ja bekannt dafür, dass sie den Dingen in langen Geschichten auf den Grund geht. Nun wollten wir mit unzähligen kurzen, kürzeren und Kürzest-Texten ein grosses Ganzes zeichnen.

Was kann man von der Jubiläumsausgabe erwarten?
Aus den Antworten auf die 100 Fragen, die von über 80 Autorinnen, Wissenschaftlern, Künstlerinnen und Bürgern beantwortet wurden, haben wir ein Psychogramm unseres Landes erstellt. 97 Antworten finden die Leserinnen und Leser in der Spezialausgabe. Drei Fragen werden in den nächsten drei Ausgaben der «Zeit Schweiz» beantwortet. Gleichzeitig erscheint das «Zeitmagazin» mit einer Titelgeschichte über das junge Zürich. Dafür konnte mein Kollege Christoph Amend, Chefredakteur des «Zeitmagazins», die Autorin Nina Kunz gewinnen.

Zum Jubiläumsanlass wurde Emil Steinberger zum Gespräch mit Giovanni di Lorenzo eingeladen. Warum gerade Emil?
Weil er als Schweizer in Deutschland grosse Erfolge gefeiert hat und uns erklären kann, weshalb das politische System in Deutschland für die Schweizer mindestens so verwirrend ist wie umgekehrt.

Sie selbst sind seit der Gründung der Schweizer «Zeit»-Ausgabe mit dabei: Erst als freier Mitarbeiter, dann als Redaktor und seit 2014 als Büroleiter. Was hat sich in diesen zehn Jahren verändert?
Einiges. Peer Teuwsen, der die Schweiz-Seiten aufgebaut hat, hauste in Baden in einer Klause unterm Dach. Was haben wir dort im Sommer geschwitzt! Heute sitzen wir an der Dreikönigstrasse in unmittelbarer Nähe des Paradeplatzes (lacht). Inhaltlich sind die Seiten heute noch stärker auf die grossen Themen fokussiert, die das Land bewegen.

Sie sagten 2014 in einem Interview mit persoenlich.com, Sie wollen mehr junge Meinungsautoren ins Blatt holen, nicht «die immer gleichen alten grauhaarigen Männer, die überall sonst zu Wort kommen». Wie sieht ihre diesbezügliche Bilanz aus?
Recht gut. Wir waren zum Beispiel die ersten, die im grossen Stil über den jungen Think Tank Foraus berichtet haben, auf unseren Seiten publizierte die Operation Libero ihr Manifest. Heute gehören die beiden Organisationen zum politischen Inventar des Landes. Und gerade in den vergangenen Jahren haben wir den Frauenanteil auf unseren Seiten massiv erhöht. Nicht nur, weil wir eine Frauenmehrheit in der Redaktion haben. Wir haben auch bewusst mehr Frauen porträtiert und interviewt.

«‹Die Zeit› spielt Champions League, wir als Schweiz-Teil halten in der Super League gut mit»

Im gleichen Interview sagten Sie auch, dass Sie nicht Spielball von Spin-Doctors und PR-Leuten sein wollen. Gemäss dem jüngsten «Jahrbuch Qualität der Medien» wuchs die Anzahl der PR-Berater in den letzten Jahren kontinuierlich (seit 2011 um 16 Prozent), während der Anteil journalistisch Beschäftigter sank. Merken Sie diese Zunahme in ihrem Job? Inwiefern?
Gefühlt nimmt die Anzahl PR-Mails, die täglich in der Inbox landen, exponentiell zu. Aber drangsaliert fühle ich mich nicht.

Über das erwähnte Jahrbuch haben Sie sich vergangene Woche geärgert, weil «Die Zeit» darin nicht untersucht wird. Leiden Sie darunter, dass Sie auch nach zehn Jahren noch nicht in der Liga der Grossen mitspielen?
Naja, «Die Zeit» selber spielt Champions League, und wir als Schweiz-Teil halten in der heimischen Super League sehr gut mit, wie ich meine. Geärgert habe ich mich über das Jahrbuch, weil die Studienautoren zwar die abnehmende Qualität der Medien beklagen, aber unzählige Titel gar nicht untersucht hatten. Mit dem Argument, dafür fehle ihnen das Geld. Neben der «Zeit» fehlen auch der «Beobachter» oder «The Economist» oder die ganze Fachpresse. Man kann doch nicht allgemeingültige Aussagen über die Medienqualität in einem Land machen, wenn man das veränderte Konsumverhalten der Leserinnen und Leser nicht berücksichtigt. Etwas polemisch gesagt: Die Schweizerin liest auch beim Ausländer.

Welche Geschichten blieben bei Ihnen besonders in Erinnerung?
Da wären zum Beispiel die beiden preisgekrönten Texte meiner beiden Kolleginnen: die Undercover-Recherche im Babyklappen-Milieu von Sarah Jäggi oder das Langzeit-Porträt über einen Appenzeller Nationalrat von Aline Wanner. Und an meinen 1.-August-Essay mit der steilen These, wieso die SVP mittelfristig auf verlorenem Posten steht, erinnere ich mich auch gerne.

Wie viel Einfluss nimmt eigentlich Hamburg?
Inhaltlich geniessen wir sehr viele Freiheiten. In konzeptionellen, strategischen und finanziellen Fragen, stehen wir in einem engen Austausch mit Patrik Schwarz, der für alle Regionalausgaben der «Zeit» verantwortlich ist. Er hat uns auch bei der 20-seitigen Sonderausgabe mit seinem kritischen Aussenblick sehr unterstützt.

«Immer einen Tick überraschender und unterhaltsamer sein als die Konkurrenz»

Im Gegensatz zu den meisten anderen Schweizer Zeitungen konnte die «Zeit» ihre Auflage kontinuierlich steigern: Von 5000 im Jahr 2008 auf heute 19'900. Was macht Ihr besser als andere?
Ob wir etwas besser machen, das sollen andere beurteilen. Wir für unseren Teil machen einfach unseren Job: Jede Woche drei Schweiz-Seiten produzieren, an die wir den Anspruch stellen, dass sie immer einen Tick überraschender und unterhaltsamer sind, als das, was unsere Konkurrenz macht. Und hoffentlich merkt man den Seiten an, wie wahnsinnig gern wir unseren Job machen.

Angesichts der guten Zahlen: Wann kommt die vierte Schweiz-Seite hinzu?
Abwarten. Seit Anfang 2018 produzieren wir schon mal den wöchentlichen transalpinen Podcast «Servus. Grüezi. Hallo.» mit Florian Gasser aus dem Wiener Büro der «Zeit» und Lenz Jacobsen von «Zeit Online» in Berlin. Die Reaktionen unserer Hörerinnen und Hörer zeigen, dass eine solche länderübergreifende Sendung sehr geschätzt wird. Gerade auch von jüngeren Menschen in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Auf diesen Erfolg wollen wir aufbauen.

Wo soll «Die Zeit Schweiz» in zehn Jahren stehen?
Es kommt schon einem kleinen Wunder gleich, dass wir uns in den vergangenen zehn Jahren derart gut behaupten konnten. Wenn wir dieses kleine Wunder in den kommenden zehn Jahren wiederholen könnten – das wäre toll!

Wie kommt sie dorthin?
Mit viel Spass an der Arbeit.



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Kommentare

  • Robert Weingart, 30.10.2018 18:31 Uhr
    Das Themensetting hört sich etwas abgedroschen an. Die Themen der CH-ZEIT sind teilweise irgendwie abgehoben, nicht nahe genug am alltäglichen Leben. Gut möglich, dass diese Journalisten in einer Art "intellektuellen Glocke" leben. Mit einer Auflage von rund 19000, einer Steigerum um 13000 hat man zwar einen netten Erfolg, es ist aber immer noch eine Minderheitenveransaltunge. Und die Themen bewegen nach Erscheinen ja kaum. Soviel zur Relevanz.
  • Daniel Predota, 31.10.2018 07:58 Uhr
    Wirklich genial der Podcast "Servus Grüezi Hallo"! Scharfe Klinge mit Augenzwinkern. https://www.zeit.de/serie/servus-gruezi-hallo
  • Victor Brunner, 31.10.2018 08:05 Uhr
    CH-ZEIT und REPUBLIK Redaktionen erinnern mich an Passagiere in einem Flugzeug das über eine zerstörte Landschaft fliegt. Damit sie das Desaster nicht sehen dunkeln sie die Fenster ab und schreiben Feuilleton!

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