Herr Lehmann, wie beurteilen Sie die Vermarktungsmöglichkeiten des Swiss Radio Pools (SRP)?
Ein Pool, in welcher Mediagattung auch immer, muss eine sinnvolle Kombination mehrerer Medien sein. Wenn im SRP aber mit Energy, Sunshine und RadioTop drei sehr wichtige Sender, aus wohl politischen Gründen, ausgeschlossen sind, so ist das unglaubwürdig. Je zwei Sender in Basel und Bern und nur ein Sender im Millionen-Zürich -- das macht keinen Sinn.
Was heisst dies konkret?
In der Praxis müssen immer Sender zugebucht werden. Dies erhöht den Planungsaufwand der Agenturen beträchtlich. Zusätzlich leiden unter so grossen Pools immer die einzelnen Radios, da der eigene Verkaufsaufwand zurückgenommen werden muss.
Die Verleger sehen vor, dass ein Vermarkter den SRP exklusiv verpachtet. Eine gute Idee?
Grundsätzlich braucht ein Pool auch eine starke Promotion im Werbemarkt. Diese Aufgabe muss aber nicht zwingend mit einer exklusiven Pacht verbunden sein, sondern kann auch neutral gelöst werden (z. B. Metropool im Print). Ein "freier" Buchungszugang muss jedoch immer garantiert sein. Über alle Vermarkter (IP Radio, Radiotele, Belcom oder auch publisuisse) müssten die Agenturen SPR uneingeschränkt buchen können. Dass sich jetzt ausgerechnet grosse Zeitungsverlage, welche sich im Printbereich durch Direktbuchungsrabatte von der Publimedia lösen wollen, im Radiobereich in die Hände eines exklusiven Partners begeben wollen, und damit ihre eigenen Verkaufsorganisationen schwächen, verstehe ich beim besten Willen nicht.
Welche Konsequenzen hat die Lancierung des SRP für die Privatradios, die dem Pool nicht angeschlossen sind?
Diese Radios werden sich als Ergänzung zum SRP anbieten, zusätzliche Rabatte versprechen und so den Grundpool-Gedanken ad absurdum führen. Gebucht werden die guten grossen Sender wie Energy, Top oder Sunshine auf jeden Fall. Ein Pool kann keine wichtigen Sender in der Planung "verhindern".
Publisuisse hat die besten Karten im Rennen um die Exklusivpacht von SRP. Gibt es Ihrer Ansicht nach in kommerzieller Hinsicht gute Gründe, der SRG-Tochter den Zuschlag zu geben?
Radiotele und IP Radio setzen sich seit vielen Jahren mit grossem Einsatz und hoher Professionalität für das Medium Radio ein. Sie geniessen bei allen Partnern höchste Akzeptanz. Dass auf dieses gesamte langjährige Wissen künftig verzichtet werden soll und ein neuer Vermarkter das alles zuerst neu aufbauen muss, kann ich nicht nachvollziehen.
Die Publisuisse kann ihre Marktmacht als grösste TV-Vermarkterin in der Schweiz ausnutzen. Davon können doch die Privatradios profitieren?
Das mag möglicherweise stimmen. Ich glaube aber nicht, dass es im Interesse von Armin Walpen ist, dass die Kernaufgabe der Publisuisse, nämlich die Vermarktung der SRG-Sender, dafür missbraucht wird, Türöffner für die privaten Lokalradios zu sein. Im gleichen Zug können dann auch noch gleich die privaten Lokal-TV-Sender (TNC) mitverkauft werden. Einem solchen "Gemischtwarenladen" Publisuisse würden auch politische Kreise wohl mit einiger Besorgnis entgegensehen. Denken Sie nur an die Reaktionen, die eintreffen würden, wenn die TV-Umsätze bei den SRG-Sendern zurückgehen und gleichzeitig die Radio-Umsätze steigen.
Könnten auch politische Gründe bei der Wahl des Exklusiv-Vermarkters von SRP eine Rolle spielen?
Nur soviel: Falls es um Politik geht -- Radio Energy ist im Besitz der Goldbach Media, der auch die IP Radio gehört, Radiotele wurde vergangenes Jahr von der Publigroupe geschluckt -- scheint mir dieser mögliche Entscheid sehr kurzfristig gedacht. Erfahrung und Synergien müssten auf jeden Fall im Vordergrund eines solchen Entscheides stehen.
Die Verleger sprechen davon, dass mit der Publisuisse ein neuer Akteur in den Privatradiomarkt einsteigt. Dies bringe der Branche zusätzlichen Wettbewerb. Ist das nicht begrüssenswert?
Das ist eine schon fast zynische Aussage. Wenn die Lokalradios etwas nicht brauchen, dann Wettbewerb in der Vermarktung. Vielmehr brauchen Sie Promotion für die Mediagattung. Ein Anliegen, dass seit vielen Jahren im Argen liegt und dazu führt, dass das Medium nach wie vor ein Dornröschendasein pflegt. "Zusammenstehen statt sich konkurrenzieren" müsste die Devise sein. Aber davon ist man auch heute noch gleich weit entfernt wie in den guten alten Radiopionierzeiten.
(Interview: David Vonplon)

