Frau Hartmann, Sie haben Bundesrat Guy Parmelin hässig gemacht. Sind Sie stolz oder haben Sie ein schlechtes Gewissen?
Weder noch. Mein Ziel als Journalistin ist es nicht, Akteure einer Geschichte zu verärgern oder glücklich zu machen. Im Gegenteil: Die Reaktion einer oder eines Betroffenen darf unsere Recherchen nicht beeinflussen.
Parmelin dementiert in einem «Blick»-Interview vom Dienstag die wesentlichsten Punkte Ihrer Recherche vom Vortag. Fällt nun Ihre Story in sich zusammen?
Bundesrat Parmelin hat das Recht, seine Sicht der Dinge im Detail zu schildern, deshalb haben wir ein grosses Interview mit ihm geführt. Wir teilen Ihren Eindruck nicht, dass die wesentlichen Punkte dementiert werden. Und: Es bleibt ein eklatanter Widerspruch zwischen den Aussagen im Eawag-Memo und denjenigen von Bundesrat Parmelin.
Wir nehmen seine Stellungnahme zur Kenntnis. Unsere Recherchen zeigen, dass es aber keinen stichhaltigen Grund gibt, an der Darstellung der Eawag-Direktorin zu zweifeln. Janet Hering schreibt im Memo, es könne sein, dass sie einige Punkte «verpasst oder falsch interpretiert» habe, weil Herr Parmelin Französisch gesprochen habe. Im von uns zitierten Abschnitt ist sie aber sehr deutlich: «Bundesrat Parmelin brachte explizit seine Haltung zum Ausdruck, dass Angestellte der Eidgenossenschaft (inklusive Angestellte im ETH-Bereich) vom Bundesrat getroffene Entscheide nicht öffentlich kritisieren sollen», schreibt sie. Die Direktorin hat hier – im Gegensatz zu einer anderen Stelle im Memo – nicht angemerkt, dass sie unsicher sei, ob sie Herrn Parmelin richtig verstanden habe.
Mussten Sie dieses Interview führen – sprich: Wurde dieses vom Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung verlangt?
Es war unsere Entscheidung, dieses Interview zu führen – und ich schätze es, dass sich Herr Parmelin unseren kritischen Fragen gestellt hat. Wir begrüssen es, wenn uns ein Akteur einer Geschichte für ein Gespräch zur Verfügung steht. Schliesslich ist es uns wichtig, alle Seiten ausführlich zu Wort kommen zu lassen.
Schon am Montag haben Sie geschrieben, dass Parmelin die Vorwürfe der Zensur und Einflussnahme zurückweist. Trotzdem haben Sie den Artikel veröffentlicht. Aus welchen Gründen?
Weil das besagte ETH-Dokument von hohem öffentlichen Interesse ist. Den Widerspruch zwischen der klaren Aussage im Memo und den Aussagen von Herrn Parmelin uns gegenüber haben wir auch bereits im ersten Artikel herausgearbeitet.
Der Landwirtschaftsminister reagierte am Montag mit einer Videobotschaft auf Ihre Recherche. Das hat Seltenheitswert. Macht Sie das stolz?
Nein, in keiner Weise. Es steht jedem frei, wie er kommuniziert.
Meine Antwort zum heutigen Artikel im Blick: Ich schätze die unabhängige Forschung @EawagResearch sehr und habe die wissenschaftliche Freiheit nie in Frage gestellt. Ich habe nie einen Maulkorb verhängt. Meine Aussagen wurden falsch interpretiert. Mehr dazu sage in diesem Video: pic.twitter.com/kHRMelYzEn
— Guy Parmelin (@ParmelinG) November 11, 2019
In Ihrer Recherche ging es um ein Faktenblatt der Eawag. Der Inhalt zur Wasserqualität in der Schweiz scheint brisant. Wie kamen Sie auf diese Geschichte?
Wir halten den Quellenschutz hoch, wofür Sie als Journalist Verständnis haben werden. Gerade weil die Geschichte brisant ist, hat uns die Recherche über mehrere Wochen beschäftigt.
Parmelin wirft der Eawag vor, Äpfel mit Birnen zu vergleichen. Wie sehen Sie das?
Für mich gibt es keinen Grund daran zu zweifeln, dass die Forscher der ETH in ihrem Fachbereich äusserst kompetent sind und sich ihre Arbeit an höchsten wissenschaftlichen Standards orientiert.
Lea Hartmann hat die Fragen schriftlich beantwortet.

