Reto Lipp, es gibt Menschen, die sich schon Jahre vor der Pensionierung darauf vorbereiten, und andere, denen es schwerfällt loszulassen. Zu welcher Kategorie gehören Sie?
Ich versuche, mich mental seit Monaten darauf vorzubereiten, denn natürlich kommt jetzt ein ganz anderer Lebensabschnitt – mit mehr Freiheit, aber auch weniger Struktur. Und die muss man sich neu in aller Freiheit geben. Ich habe keine neuen Hobbys aufgenommen, weil ich schon die alten zu wenig ausleben konnte. Jetzt kommen sie dran: also mehr Lesen, mehr Musik hören, mehr Sport, mehr Kulturevents und auch mehr spontanes Verreisen.
Wie fühlen Sie sich wenige Tage vor Ihrem letzten «Eco Talk»?
Zwei Herzen sind in meiner Brust: Ich werde die Sendung und meine Kollegen ganz sicher vermissen. Diese Sendung war sehr stark auf mich zugeschnitten. Den montäglichen Adrenalin-Kick wird’s nicht mehr geben. Andererseits werde ich vielen Sitzungen keine Träne nachweinen. Also gemischte Gefühle. Das Leben ist nie schwarz oder weiss, immer gemischt.
«Stark geprägt haben mich die Börsenzyklen, die Dotcom-Blase vor einem Vierteljahrhundert und der darauffolgende Absturz»
Haben Sie ein besonderes Programm vorbereitet?
In meiner letzten Sendung überrascht mich die Redaktion. Ich soll den Anfang und den Schluss vorbereiten, sonst alles meiner Nachfolgerin überlassen. Ich bin gespannt!
Sie sind seit 2007 bei SRF tätig. Vorher haben Sie unter anderem das Anlegermagazin Stocks geleitet. Welche Geschichten haben Sie in Ihrer Karriere besonders geprägt?
Stark geprägt haben mich damals natürlich die Börsenzyklen, die Dotcom-Blase genau vor einem Vierteljahrhundert und der darauffolgende massive Absturz. Wenn ich heute die Bewertungen gewisser KI-Aktien sehe, denke ich an die Erfahrungen der Dotcom-Blase zurück. Die platzte mit einem lauten Knall. Ich hoffe, dass das bei den KI-Aktien nicht passiert.
Sie haben mit einer Frage an den damaligen Bundesrat Alain Berset für viel Aufsehen gesorgt. Er musste den angefangenen Satz «Ich trete im Dezember wieder zu den Bundesratswahlen an, weil …» beenden. Er antwortete, dass es noch viel zu tun gebe. Wenig später gab er seinen Rücktritt aber bekannt und wurde für seine Lüge kritisiert. Hatten Sie auf den Coup gehofft?
Diese angefangenen Sätze gehören zum Konzept der Sendung. Ich weiss nicht, ob er damals schon wirklich seinen Rücktritt im Kopf hatte. Aber ich denke schon. Ganz offensichtlich wollte er aber damals seinen Rücktritt noch nicht bekanntgeben und den Tag seiner Ankündigung selber wählen, was ich gut verstehen kann.
«Ich spüre viel Sympathie aus dem Publikum»
SRF steht unter grossem Spardruck. Sie waren selbst betroffen, als die Sendung «Eco» 2021 nach 13 Jahren gekippt und durch «Eco Talk» ersetzt wurde. Wie haben Sie das damals erlebt?
Natürlich war ich enttäuscht, die Sendung lief hervorragend, und ich werde heute noch auf der Strasse darauf angesprochen, dass man diese Sendung vermisse. Es gibt bis jetzt kein Wirtschaftsmagazin auf den Privatsendern. Glücklicherweise konnte ich dann mit dem «Eco Talk» nochmals durchstarten – und das mit 61. Dafür bin ich dankbar und sehr zufrieden mit dem Echo, das die Sendung jeweils auslöst. Wir hatten tolle Gäste, vor allem die bodenständigen Unternehmerinnen und Unternehmer kamen besonders gut an.
Am 8. März stimmt das Volk über die Halbierungsinitiative, die das Budget der SRG und in der Folge von SRF drastisch kürzen würde. Die ersten Umfragen zeigen, dass sie angenommen werden könnte. Spüren Sie in der Wirtschaftsredaktion eine gewisse Abneigung des Publikums?
Im Gegenteil, ich spüre viel Sympathie aus dem Publikum.
Werden Sie sich im Abstimmungskampf engagieren?
Bis jetzt ist nichts geplant. Sollte man mich brauchen, stehe ich künftig gerne zur Verfügung. Ich bin jetzt 42 Jahre Journalist und war auch einmal Präsident des Zürcher Pressevereins, ich kämpfe deshalb um jeden journalistischen Arbeitsplatz, denn die Branche ist sehr unter Druck.
«Nur weil ich 65 bin, nimmt ja das Interesse an Wirtschaftsthemen oder Politik nicht einfach ab»
Sie werden im Februar, wie in den letzten Jahren auch, das Communication Summit moderieren. Behalten Sie das Mandat, oder wird das auch das letzte Mal sein?
Das ist ein Engagement für den Zürcher Presseverein und die Zürcher PR Gesellschaft, das ich gerne weiter begleiten werde. Ich produziere auch 2026 den «Commsumcast», das ist ein Podcast mit Persönlichkeiten aus der Kommunikations- und Medienbranche.
Haben Sie neben dem Communication Summit weitere Projekte?
Ich werde die Moderationen von Podien, Panels und Kongressen weitermachen, solange ich mich gesundheitlich fit fühle. Nur weil ich 65 bin, nimmt ja das Interesse an Wirtschaftsthemen oder Politik nicht einfach ab. Im Gegenteil. Und es können durchaus weitere Projekte dazu kommen. Ich bin da offen. Nach über 40 Jahren im Journalismus habe ich ein grosses Beziehungsnetz, wenn daraus neue spannende Projekte entstehen, umso besser.
KOMMENTARE
12.12.2025 13:30 Uhr

