19.08.2021

Tamedia

«Es gibt mehrere attraktive Optionen»

Nach fast 30 Jahren beim Bund tritt Patrick Feuz Ende Jahr als Chefredaktor ab. Im Interview spricht er über seine Beweggründe, die Diskussionen in den Arbeitsgruppen zur Zusammenlegung mit der BZ und das Projekt «Neuer Berner Journalismus».
Tamedia: «Es gibt mehrere attraktive Optionen»
«Die Qualität beim Bund steht und fällt nicht mit mir»: Bund-Chefredaktor Patrick Feuz. (Bild: zVg.)
von Michèle Widmer

Am Mittwochabend wurde verkündet, dass Sie den Bund verlassen. Mit welchem Bauchgefühl sind Sie heute Morgen aufgestanden?
Ich spüre eine Mischung aus Wehmut und Aufbruch. Der Bund hat mein Leben geprägt. Was ich hier in fast 30 Jahren alles erleben, lernen und gestalten durfte – das ist grossartig. Dafür bin ich dankbar. Gleichzeitig freue ich mich nun auf neue Abenteuer.

Wann und wie wurde die Redaktion informiert?
Wir haben die Redaktion gestern mündlich informiert. Meine Kolleginnen und Kollegen haben mit Bedauern, aber auch mit Verständnis reagiert.

In den Sozialen Medien und in den Kommentarspalten erhalten Sie viel Lob für ihre Arbeit. Gleichzeitig sorgen sich Leserinnen und Leser, dass der Bund nach der Zusammenlegung der Redaktionen in der BZ aufgehe. Ganz ehrlich: Was macht das mit Ihnen?
Das Lob von vielen Seiten für meine langjährige Arbeit beim Bund lässt mich erröten. Es ist natürlich ein schönes Gefühl, so viel Anerkennung zu erhalten. Gleichzeitig steht und fällt die Qualität beim Bund nicht mit mir: Meine bisherigen Kolleginnen und Kollegen werden in der geplanten gemeinsamen Lokalredaktion mit der BZ dafür sorgen, dass die Leserinnen und Leser des Bunds weiterhin auf ihre Rechnung kommen. Das neue Berner Medienkonstrukt ist so konzipiert, dass sich für die Leserschaften beider Titel gegenüber heute letztlich wenig ändern wird.

«Die Qualität beim Bund steht und fällt nicht mit mir»

Von insgesamt 70 Vollzeitstellen in den beiden Redaktionen fallen nun voraussichtlich 20 weg. Wie weit fortgeschritten ist der Stellenabbau?
Glücklicherweise waren am Schluss viel weniger Kündigungen nötig als zunächst befürchtet – dank freiwilliger Abgänge, unbesetzter Stellen und Pensenreduktionen. So konnten wir beim Bund den Stellenabbau schliesslich mit einer Frühpensionierung und einer Kündigung umsetzen, wobei der gekündigte Kollege inzwischen schon eine Stelle bei einer anderen Zeitung gefunden hat. Dass diese sozialpolitisch vergleichsweise positive Lösung gelungen ist, freut mich sehr.

Wie nehmen Sie die Stimmung auf der Redaktion wahr?
Natürlich ist die Zusammenlegung mit der BZ nicht das Wunschszenario der Bund-Lokalredaktion. Aber der Schritt war absehbar. Meine Leute bringen sich in den Arbeitsgruppen engagiert in die laufenden Diskussionen über die neue Redaktion ein. Sie sprudeln vor Ideen. Um derart leidenschaftliche und kreative Journalistinnen und Journalisten muss man sich keine Sorgen machen.

Die Gesamtleitung wird Simon Bärtschi übernehmen. Welche Rolle spielte dies und die Zusammenlegung generell bei Ihrem Entscheid, den Bund zu verlassen?
Das neue Berner Medienkonstrukt ist organisatorisch komplex. Die Gesamtleitung ist eine anspruchsvolle Managementaufgabe. Simon Bärtschi ist genau der richtige Mann dafür. Dass ich nicht mehr dabei sein werde, ist wie gesagt ein sehr persönlicher Entscheid. Auf dem Medienplatz Bern endet ein Kapitel und ein neues beginnt. Für mich persönlich der richtige Moment, etwas Neues anzupacken. Mit 54 Jahren kann ich nicht länger zuwarten.


«Natürlich ist die Zusammenlegung mit der BZ nicht das Wunschszenario der Bund-Lokalredaktion»

Wann haben Sie für sich entschieden, diesen Schritt zu machen?
Der Entscheid ist in den letzten Wochen gereift.

Sie wollen nochmals etwas Neues anpacken. Heisst das, Sie werden dem Journalismus den Rücken kehren?
Ja.

Was haben Sie vor?
Es gibt mehrere attraktive Optionen. Ich bin selber gespannt, wo ich am Schluss landen werde.

«Meine Leute sprudeln vor Ideen»

Nun sind Sie voraussichtlich noch einige Wochen beim Bund: Was liegt bei Ihnen noch auf dem Pult?
Ich werde mich bis am letzten Tag wie ein Löwe dafür einsetzen, dass es gut kommt mit dem neuen Berner Medienangebot. Ich bin diesbezüglich zuversichtlich. Jetzt beantworte ich aber zunächst einmal die vielen Mails und Kurznachrichten der letzten Stunden. Ich bin überwältigt und gerührt.

Zum Schluss: Wegen der fehlenden Medienvielfalt in Bern haben Journalistinnen und Journalisten das Projekt «Neuer Berner Journalismus» aus dem Boden gestampft. Wie beurteilen Sie das Vorhaben?
Es ist sehr zu hoffen, dass das Projekt eine gewisse Kraft entwickelt. Durch die Zusammenlegung der Lokalredaktionen von Bund und BZ entsteht auf dem Medienplatz Bern eine sehr starke Redaktion. Diese hat selber ein Interesse an ernstzunehmender Konkurrenz. Wettbewerb ist immer gut. Im Journalismus ganz besonders.

Patrick Feuz hat die Fragen schriftlich beantwortet.



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Kommentare

  • gusti pollak, 20.08.2021 06:47 Uhr
    wenn ein sturm über ein zelt fegt, wird dieses auch „zusammengelegt“, zum neuen journalismus in bern: schon länger gibt es „Journal B“. auch hier wieder mit keinem wort erwähnt. schade, wäre doch wichtig, wenn starke konkurrenz ehrlich gewünscht wird.
Kommentarfunktion wurde geschlossen

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