08.07.2018

SRG auf Sparkurs

Grosser Frust bei privaten TV-Produzenten

Auch die Privatwirtschaft bekommt das 100-Millionen-Franken-Sparpaket zu spüren. persoenlich.com weiss von weiteren Sendungen, die SRF aus dem Programm kippt. Das trifft die Produktionsfirmen hart. Sie müssen Stellen abbauen. Nun wird Kritik laut.
SRG auf Sparkurs: Grosser Frust bei privaten TV-Produzenten
Bei der Sendung «Tacho» geht bald das Licht aus. Die Produktionsfirma versucht nun, die Mitarbeiter andersweitig einzusetzen. (Bild: V12media-productions)
von Christian Beck

«Aeschbacher» oder «Nachtwach» – diese Sendungen verschwinden aus dem Programm. Aber nicht nur. Auf «die Eigenproduktionen am Sonntag um 18.15 Uhr auf SRF 1 sowie ‹Tacho› am Samstag auf SRF zwei» müsse verzichtet werden, heisst es lapidar in einer internen Personalinfo, die personlich.com vorliegt.

Was hier in einem Satz erwähnt wird, beinhaltet eine ganze Serie von Sendungen. Nebst ein paar SRF-Eigenproduktionen haben andere Sendungen eines gemeinsam: Sie wurden oder werden von externen Produktionsfirmen hergestellt. Der Rotstift angesetzt wird bei «Ivo und die Backdetektive», «Nigelnagelneu», «Rübis und Stübis», «Brocki-Profis» und «Hinter den Hecken». Dies bestätigt die SRF-Medienstelle auf Anfrage von persoenlich.com. Bereits bekannt war das Wegfallen von «Tiergeschichten» (persoenlich.com berichtete).

Schon im März, als die No-Billag-Initiative deutlich verworfen wurde, sei es zu einem weitgehenden Auftragsstopp gekommen, sagt ein Insider, der namentlich nicht genannt werden will. Bereits am Abstimmungssonntag hatte die SRG ein 100-Millionen-Franken-Reformprogramm angekündigt, Ende Juni wurden konkrete Massnahmen bekannt. «Ein wenig entsteht hier schon der Eindruck von Überaktionismus, der auf dem Rücken der privaten Produktionsfirmen ausgetragen wird.» Dies vor allem deshalb, weil private Produktionsfirmen zu tieferen Kosten produzieren würden als SRF. «Demgemäss stellt sich schon die Frage, ob am richtigen Ort gespart wird. Zumal verringert sich dadurch die ohnehin schon tiefe Vergabequote an externe schweizerische Produktionsfirmen nochmals deutlich», so der Insider weiter.

Zu den einzelnen Sendungen im Detail:


«Hinter den Hecken»

Hecken

Das Gartenmagazin «Hinter den Hecken» ist ein Sonderfall. «Jahreszeitenbedingt» seien die Dreharbeiten für die zweite Staffel bereits im Gang, heisst es bei SRF. Deshalb werde diese Staffel 2019 noch ausgestrahlt – mit Gastmoderator Kurt Aeschbacher anstelle von Katharina Locher, die im Mutterschaftsurlaub ist. Produzent Michael Auf der Maur, Inhaber der privaten Produktionsfirma Golden Eye Media, erfährt von persoenlich.com, dass die Sendung gestrichen wird. «Uns wurde aber auch nie ein Versprechen gemacht, dass die Sendung jedes Jahr fortgeführt wird. Natürlich hätten wir uns gewünscht, dass der Brand ‹Hinter den Hecken› länger als nur zwei Staffeln lang existiert und wir noch viele weitere Traumgärten der Schweiz hätten entdecken können», so Auf der Maur. Golden Eye Media müsse nicht ums Überleben kämpfen, da auch für andere Sender produziert werde. Auch seien für das Gartenprojekt keine Mitarbeiter fest angestellt, sondern befristetet Verträge abgeschlossen worden. «Es tut mir vor allem für die Produktionsfirmen leid, welche nun in ihrer Existenz bedroht sind.»



«Tacho»

tacho

Härter trifft es das «Tacho»-Team. Mit dem Ende der Sendung sind bei der Produktionsfirma V12media-productions fünf Vollzeitstellen und diverse Freelancer – wie Kameraleute, Tontechniker oder Experten vor der Kamera – direkt betroffen. Trotzdem: Es werde versucht, möglichst alle Mitarbeiter anderweitig einsetzen zu können und niemanden zu entlassen. «‹Tacho› ist eine Sendung, die wir alle mit viel Herzblut und sehr grossem Engagement gemacht haben und noch bis Staffelende machen. Wir bedauern den Entscheid sehr», sagt Produzent Thomas Gantenbein. Da SRF bereits im Jahr zuvor 50 Millionen eingespart habe, könne das Team – insbesondere hinsichtlich der so deutlich gewonnen No-Billag-Abstimmung und bevor überhaupt eine Diskussion über den Service-public begonnen habe – diese weitere Sparrunde zum jetzigen Zeitpunkt und in diesem grossen Rahmen nicht nachvollziehen. «Mit ‹Tacho› verschwindet in der Schweiz die einzige Sendung, welche die Zielgruppe der Auto- und Mobilitätsbegeisterten bedient», so Gantenbein.



«Tiergeschichten – Unterwegs mit Monika und Filou»

tiergeschichten

«Tiergeschichten – Unterwegs mit Monika und Filou» stammt aus der Produktionsküche von FaroTV. «Die Streichung stellt eine schmerzhafte Umsatzeinbusse dar», sagt Produzent und Geschäftsführer Markus Röthl. Zahlen will er keine nennen. Aber: Der Stellenabbau habe bereits stattgefunden. «Betroffen waren drei Mitarbeitende, die in die Weiterbildung ‹geflüchtet› sind. Ein temporärer Vertrag konnte nicht verlängert werden. Darüber hinaus fallen Aufträge für weitere Freelancer weg», so Röthl weiter. «Tiergeschichten sind ein massentaugliches Thema, die Quote unserer Sendung war gut und hat ein Zuschauerbedürfnis erfüllt.» Insofern bedaure er die Streichung der Sendung sehr.



«Brocki-Profis»

BrockiProfis

Eine konkrete Zahl gibt es aus Deutschland: 300'000 Euro Umsatz ans Bein streichen muss die Produktionsfirma Good Times für die Sendung «Brocki-Profis». «Gerade in diesem Fall ist es wirklich schade, denn wir haben mit grossem Aufwand produziert, sehr gute und für diesen Sendeplatz überdurchschnittliche Quoten geholt und werden trotzdem abgesetzt», sagt Sylvia Fahrenkrog-Petersen, Geschäftsführerin und leitende Produzentin. Ihres Erachtens werde immer an den falschen Stellen gespart, nämlich am Programm. «Gott sei Dank» könnten die deutschen festen Mitarbeiter nun anderweitig eingesetzt werden. «Unsere sechs freien Kollegen aus der Schweiz können wir leider nicht beschäftigen.»



«Nigelnagelneu» / «Rübis und Stübis»

Nigelnagelneu

Die Sendungen «Rübis und Stübis» sowie «Nigelnagelneu» wurden von Mediafisch produziert und bereits vor der aktuellen Sparrunde nicht erneuert. «Dass Formate nicht weitergeführt werden, ist normal, ebenso, dass immer wieder neue Sendungen Chancen bekommen. Ein Auf und Ab, so ist nun mal das TV-Produktionsgeschäft», sagt CEO Adrian Gnehm. «Natürlich bedauern wir die Einsparungen, insbesondere auch für die Mitarbeitenden bei der SRG oder bei der Konkurrenz.» Da Mediafisch nicht nur für SRF produziere, müssten keine Mitarbeitenden freigestellt werden. «Dank neuer Formate wie ‹Darf ich bitten› oder einer neuen Samstagabend-Sendung im September haben wir auch künftig den Bedarf an guten Mitarbeitern.» Dazu gebe es mittlerweile auch spannende Alternativen: Der Bewegtbild-Markt Schweiz sei definitiv ein Wachstumsmarkt. «Für uns ist es keine Überraschung, dass die SRG sparen muss und wird. Als Produzent haben wir uns längst darauf eingestellt», so Gnehm.

RuebisStuebis

Dezidierter äussert sich TV-Koch Torsten Götz, Protagonist der Sendung «Rübis und Stübis». Leider sei die Streichung zu erwarten gewesen. Aber: «Wir hatten sehr gute und positive Einschaltquoten, tolle Feedbacks – und dies bei geringen Kosten für das Schweizer Fernsehen.» Ein Grossteil der Sendung sei durch Sponsoring gedeckt gewesen, und die Zeichen seien gut gestanden, dass der Hauptsponsor eine weitere Staffel finanziert hätte. «Ich persönlich komme im Moment nicht ganz klar mit der Strategie von SRF. Die scheint mir, dass vor allem Dienstleister von ausserhalb eingespart werden und nicht an guten und erfolgreichen Formaten festgehalten wird – oder zumindest die Absetzung hinterfragt wird», so der ehemalige Küchendirektor vom Grand-Hotel Victoria-Jungfrau.



«Ivo und die Backdetektive»

Backdetektive

Die Sendung «Ivo und die Backdetektive» – mit Koch Ivo Adam in der Hauptrolle – wurde von der Produktionsfirma John Allen umgesetzt. Dort war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.



Doch damit nicht genug. Ab 2019 wird es von diversen weiteren Sendungen auf SRF zwei keine neuen Folgen mehr geben. Das sind solche, die jeweils in kurzen Staffeln produziert wurden.

Beispiele hier sind «Winter Challenge», «Sommer Challenge», «Morgen sind wir Champions» oder «Morgen sind wir König». Auch diese Sendungen seien von kleinen externen Produktionsfirmen hergestellt worden, heisst es bei SRF. Die Produzenten hätten zumeist gute Beziehungen zu Exponenten aus einer Nischensportart, die in diesen Specials dokumentarisch begleitet worden seien. Nun müssen diese Nischensportler auf die grosse Bühne verzichten.



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Kommentare

  • Sandro Maggi, 11.07.2018 15:25 Uhr
    Gab es wirklich diese Sendungen? Noch nie was davon gehört, geschweigen gesehen zu haben. Ist wohl gespartes Geld, wenn sie nicht mehr produziert werden.

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