18.08.2016

Die Zeit

Hansi Voigt stichelt gegen Tamedia

Der frühere «Watson»-Chefredaktor analysiert in der heute erschienenen «Zeit» den Zustand der Schweizer Medienlandschaft – und ruft die Leser zum Zahlen auf. Im Essay kritisiert er den grössten Schweizer Verlag, der nichts mehr mit Inhalten zu tun haben wolle.
Die Zeit: Hansi Voigt stichelt gegen Tamedia
«Die grossen Debatten finden heute nicht mehr in gedruckten Zeitungen statt»: Hansi Voigt. (Bild: zVg.)

«Wacht auf, liebe Leser»: Unter diesem Titel beschreibt Hansi Voigt, der Mitgründer und früherer Chefredaktor des Newsportals «Watson», in der aktuellen Ausgabe der «Zeit» den Zustand der Schweizer Medienlandschaft.

«Wenn ihr weiterhin guten Journalismus wollt, müsst ihr euch den etwas kosten lassen». Denn für die Schweizer Verleger lohne sich das Geschäft kaum mehr.

Die grossen Debatten würden heute nicht mehr in gedruckten Zeitungen stattfinden – sondern online, steigt Voigt in die Argumentation ein. Dies habe nun auch die SVP gemerkt, also wolle Christoph Blocher die «Basler Zeitung» loswerden.

«Es ist absurd»

Danach geht Voigt über zum «noch radikaleren» Verlagshaus Tamedia, wo «sämtliche grossen Investments der letzten Jahre nichts mehr mit Journalismus zu tun haben». Anstatt sich öffentlich vom Inhaltsgeschäft zu verabschieden, paktiere der «private nationale Platzhirsch» mit Goldbach Media.

Es sei absurd, so Voigt: «Ein Verlagshaus, das gar nichts mehr mit Inhalten zu tun haben will, und eine Vermarkterin von ausländischen Trash-TV-Formaten, gehören zu den Lautesten in einer Debatte, in der es nicht nur um die Zukunft der Branche, sondern auch der eidgenössischen Demokratie geht.»

Für einen Betriebswirtschaftler sei es nur richtig, dass ein Verlag nicht mehr in Zeitungen und Inhalte investiere. Für einen Staatsbürger sei diese Entwicklung allerdings bedenklich, da eine direkte Demokratie wie die Schweiz vielfältige Qualitätsmedien brauche.

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SDA für Onlinemedien umbauen

Das aktuelle Mediengesetz sei vollkommen überholt, schlussfolgert Voigt und kritisiert, dass die SRG keine Inhalte fürs Netz produzieren dürfe. Dies, obwohl sich die Bürger heutzutage hier zunehmend ihre Meinung bilden würden.

Mit einigen Verlagsangeboten, wie zum Beispiel dem Regional- und Lokaljournalismus sei kein Geld mehr zu machen. Hier müsse die Öffentlichkeit, die Bürgerinnen und Bürger, ihr Portemonneie aufmachen. Die Schweiz müsse den Service public grundlegend neu organisieren.

Voigt denkt dabei an die SDA. Sie müsse ausgebaut und auf die Bedürfnisse der Onlinemedien abgestimmt werden. Und: Ihre Inhalte sollten für alle kostenlos sein. Er rechnet vor: «100 Journalisten schlagen pro Jahr mit zehn Millionen Franken zu Buche, ein Klacks im Verlgeich zum SRG-Budget von 1,3 Milliarden Franken.»

Und natürlich kommt Voigt auch auf die Rolle von Google und Facebook zu sprechen. Was in der Medienbranche zurzeit passiere, sei etwa so, als ob die SBB das Rollmaterial stelle, das Schienennetz aber von Firmen betrieben würde, die alle Monate die Spurweite änderten – ohne Rücksprache notabene.

Doch das Ende des grossen Geschäfts bedeute noch lange nicht das Endes des Journalismus. Analog der Musiksindustrie könnten herausragende Journalisten wie Constantin Seibt vom Tagi über die neuen Online-Bezahldienste ihre Arbeit selbst finanzieren. Solange Seibt aber für ein Medienhaus arbeite, dessen CEO sechs Millionen pro Jahr verdiene, liessen die Fans die virtuellen Moneten lieber stecken. (wid)


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KOMMENTARE

Bernard Maissen
23.08.2016 16:50 Uhr
Man muss nicht alle Aussagen von Hansi Voigt teilen, aber die Betrachtung stimmt. Mit Journalismus Geld zu verdienen wird immer schwieriger. Und selbst einer der "cleversten Köpfe der Schweizer Medienbranche" ist nicht so vermessen, Patentrezepte zu liefern. Die Investitionen in Transaktionsplattformen erlauben es den Verlagshäusern immerhin - so sie denn wollen - genügend Geld zu verdienen, um den unabhängigen Journalismus quer zu finanzieren. Das scheint mir der realistischere Weg als die Bezahlmodelle, die im kleinen Markt Schweiz wohl immer nur "ein bescheidenes Zubrot" darstellen können. Die sda ist in der Tat ein Service-Public-Anbieter. Seit jeher liefert sie in Deutsch, Französisch und Italienisch den Medien eine Grundversorgung. Getragen wird dieser Service Public von den Verlegern und der SRG. Wenn es den Medienhäusern aber schlecht geht, leidet auch die Agentur. Meist etwas später, dafür umso heftiger. Denn im Gegensatz zur SRG und den Verlagen gibt es bei der sda nur einen grossen Kostenblock, nämlich das Personal und dabei grossmehrheitlich die Redaktion. Sparmassnahmen haben deshalb direkte und rasche Auswirkungen auf das Produkt. Die Agentur versucht sich in diesem schwierigen Umfeld weiterzuentwickeln und den Bedürfnissen der Online-Medien vermehrt zu entsprechen. So bietet die sda ab kommendem Jahr in Deutsch und Französisch in ihrem Basisdienst auch eine Video-Grundangebot. Und das ohne Preiserhöhung. Längerfristig braucht es aber neue Finanzierungsmodelle. Mit 3 Prozent der künftige Haushaltsabgabe - also mit der Hälfte dessen, was die privaten Radio- und TV-Stationen erhalten - wäre die sda längerfristig sicher finanziert und könnte ihre Dienste allen Medien als Service Public kostenlos zur Verfügung stellen. Das wäre indirekte, unabhängige Medienförderung par excellence.
Andy Lehmann
20.08.2016 13:37 Uhr
Wer den ganzen Artikel gelesen hat muss sich für den Autor klassisch fremdschämen. Wenn z.B. GoldbachMedia als 'Vermarkterin von ausländischen Trah-Formaten' bezeichnet wird, so ist das ganze Niveau des Artikel definiert. Das ist alles nur peinlich für einen der 'cleversten Köpfe der Schweizer Medienbranche', wie sich Hansi Voigt im Artiekl selbst bezeichnet.
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