19.09.2004

"Hanspeter Lebrument, haben Sie Ihre Kollegen überlistet?"

An der Verlegertagung, welche dieses Jahr in Lausanne stattfand, kam es im Zusammenhang mit dem Gesamtarbeitsvertrag zu einem Eklat. Verschiedene Verleger fühlten sich von ihrem Verbandspräsidenten Hanspeter Lebrument (Bild) überrumpelt. Lebrument habe den GAV ohne genügende Rücksprache aufgelöst, so der Vorwurf. "persoenlich.com" hat beim Verlegerpräsidenten nachgefragt. Das Interview:
"Hanspeter Lebrument, haben Sie Ihre Kollegen überlistet?"

Herr Lebrument, am Kongress der Schweizer Presse haben Sie für einen Eklat gesorgt, indem Sie ohne Ihre Präsidiumskollegen zu informieren, den GAV aufgelöst haben. Haben Sie Ihre Kollegen überlistet?

Nein, ich habe meine Kollegen nicht überlistet. Erstens ist der GAV im Juli 2004 ausgelaufen -- und zweitens wollte ich mit der Bildung eines Departments Sozialpartnerschaft klarstellen, dass wir weiterhin an der Sozialpartnerschaft interessiert sind -- nur ohne GAV.

Trotzdem waren Ihre Kollegen von dieser Entscheidung mehr als überrascht...

Ich bin der Meinung, dass ich meine Kollegen bereits einige Male über meine Absichten informiert habe. Formal mag es ein Fehler gewesen, dass ich diese nicht genügend kommuniziert habe. Aufgrund der Irritationen haben wir uns am Freitagmorgen nochmals zu einer Präsidiumssitzung getroffen. Dabei haben wir nochmals klargestellt, dass wir einerseits das Department Sozialpartnerschaft gegründet haben, andererseits aber der GAV in seiner jetzigen Form ausgelaufen ist. Sollte es die Gegenseite verlangen, können wir wieder einen neuen GAV ausarbeiten.

Hat es Sie denn überrascht, dass Sie mit Ihrem Vorpreschen einige Ihrer Präsidiumskollegen irritiert haben?

Bei mir ist vor man keiner Überraschung gefeit...

Daraus muss man schliessen, dass die Aufhebung des GAVs ein spontaner Einfall war...

Nein, überhaupt nicht. Ich habe meine Rede schriftlich vorbereitet und diese bereits im Vorfeld der Geschäftsleitung abgegeben. Ferner habe ich den Departementschef Sozialpartnerschaft informiert, dass ich keinen Branchengesamtarbeitsvertrag mehr haben möchte.

Welches sind die Konsequenzen dieser Vertragsauflösung?

Momentan gibt es keinen GAV. Ich habe klargestellt, dass wir die Löhne in den Betrieben integrieren wollen und nicht in einem solchen Vertrag.

Wie haben die Gewerkschaften auf diese Forderung reagiert?

Die Gewerkschaften verkündeten bis anhin immer, dass dies nicht in Frage komme, was zum Abbruch der Verhandlungen führte. Bis anhin habe ich von den Gewerkschaften kein einziges Papier bekommen, auf welchem sie ihre eigenen Vorschläge präsentieren.

Wird nun ein neuer GAV ausgehandelt?

Da wir unsere Vorstellungen bereits präsentiert haben, sehe ich nicht ein, warum ausgerechnet wir diese Gespräche reaktivieren sollten. Wenn man dauernd Vorschläge präsentiert und zurückgewiesen wird, ohne, dass die Gegenseite etwas Brauchbares vorschlägt, wird man mit der Zeit müde.

Die Drucker würden auf Ihre Haltung einiges militanter reagieren...

Das ist etwas anderes. Die Drucker haben bereits vor vier Jahren mit zwei Minimallöhnen das Lohnniveau auf die betriebliche Ebene zurückgeführt. Das darf man nicht vergessen.

Sie sorgen an jeder Verlegertagung für einen Eklat. Letztes Jahr haben Sie 150 Millionen Franken für Ihre Branche verlangt, dieses Jahr haben Sie völlig überraschend den GAV aufgekündigt. Ist dies nicht auch ein bisschen Schattenboxen?

Nein, überhaupt nicht. Wir haben mit der 150-Millionen-Forderung einiges erreicht. So verlangt die staatspolitische Kommission vom Ständerat die Ablehnung des Medienartikels und verlangt stattdessen in einer Motion erneut die indirekte Presseförderung im Vertriebsbereich. Die Erfahrung zeigt: Wenn man keine eigenen Vorschläge bringt oder Forderungen stellt, bewegt sich die Gegenseite gar nicht. Vor einem Jahr waren wir an einem ganz anderen Punkt: Damals hatte der Medienartikel allerhöchste Prioriät, und bei der indirekten Presseförderung handelte es sich fast schon um ein Auslaufmodell.

Aber ist es nicht Ihre Strategie, zuerst alle vor den Kopf zu stossen, um das Ziel zu erreichen?

Nein. Wären die Gewerkschaften mit dem bestehenden GAV einverstanden gewesen, hätten wir ihn stillschweigend verlängert. Doch unsere Sozialpartner verlangten dauernd Veränderungen. Für mich hingegen war klar: Wir stellen nur eine Forderung. Wird diese aber abgelehnt, brechen wir die Verhandlungen ab. Das ist nun eingetreten.

Themenwechsel: welches Fazit ziehen Sie nach der diesjährigen Verlegertagung?

Wir sind rundum zufrieden. Die Reden von Bundeskanzler Schröder und Bundesrat Blocher bildeten einen würdigen Abschluss. Wir können uns bereits jetzt schon auf die nächstjährige Veranstaltung in Interlaken freuen.


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