23.11.2004

"Herr Geisseler, wie gut ist Ihr Draht zum Leutschenbach?"

Im kommenden Jahr übernimmt Dominic Geisseler (Bild) die redaktionelle Leitung der TV-Zeitschrift Tele. Auf den 43-Jährigen wartet viel Arbeit: Innerhalb der Redaktion herrscht nach einer Entlassungswelle Unruhe, am Leutschenbach gelten Tele-Journalisten als Miesmacher und mit dem Jean-Frey-Blatt TR7 ist man harter Konkurrenz ausgesetzt. Gegenüber "persoenlich.com" erklärt der scheidende Chefredaktor der Coop-Zeitung, wie er Tele wieder auf Kurs bringen will. Das Interview:
"Herr Geisseler, wie gut ist Ihr Draht zum Leutschenbach?"

Herr Geisseler, Sie werden ab dem ersten Februar einer Redaktion vorstehen, auf der vor kurzem 13 Personen entlassen worden sind: Was, glauben Sie, erwartet Sie bei Tele?

Die Tele-Redaktion hat in diesem Jahr einiges durchgemacht. Ich gehe deshalb davon aus, dass es Spannungen gibt. Es wird meine Aufgabe sein, wieder etwas Ruhe und Kontinuität einzubringen.

Tele hat im vergangenen Jahr über vier Prozent seiner Auflage verloren. Wie wollen Sie diesen Schwund aufhalten?

Generell ist es leider so, dass sich Programmzeitschriften gegenwärtig in einem sehr schwierigen Markt bewegen. Der Auflagenschwund ist nicht nur ein Schweizer Phänomen, Entwicklungen wie bei uns sind auch in Deutschland zu beobachten. Entscheidend ist deshalb vorerst einmal, den Abwärtstrend zu stoppen. Was für Massnahmen diesbezüglich vorgesehen sind, kann und will ich Ihnen aber nicht schon jetzt verraten.

Tele will weg vom Multimedia-Konzept und sich wieder stärker auf die TV- und Kinosparte konzentrieren. Das Problem dabei ist, dass dieses Feld durch das Konkurrenzprodukt TR7 besetzt wird: Wie wollen Sie die Konkurrenz aus dieser Nische verdrängen?

TR7 hat gute Arbeit geleistet und in der Tat zugelegt. Allerdings fürchte ich mich nicht vor der Konkurrenz. In unserem Marktsegment hat es zudem durchaus Platz für zwei starke Zeitschriften. Zu Ihrer Frage: In den Sparten Fernsehen und Kino wollen wir unsere Führung beibehalten und weiter ausbauen. TR7 hat heute nicht annähernd die gleich starke Film-Berichterstattung wie Tele. Ein grosses Plus ist sicher auch das neue Layout. Die Aufmachung des neuen Tele ist moderner und frischer als jenes von TR7. Wichtig ist aber auch, dass wir die Kontakte zum Schweizer Fernsehen intensivieren.

Was rechtfertigt den höheren Preis des Tele?

Ich möchte zuerst vorausschicken, dass der Preisunterschied relativ klein ist. Trotzdem wollen wir uns höher positionieren als TR7. Unser Anspruch ist es, mehr und qualitativ wertvollere Informationen zu bieten. Was wir allerdings bereits heute machen: Tele bietet in jeder Ausgabe umfangreiche und kompetente Spielfilm-Hinweise.

Eine Preisanpassung nach unten ist also nicht vorgesehen?

Nein.

TR7 ist Medienpartner von SF DRS. Im Gegensatz dazu scheinen sich bei Tele die früher engen Kontakte verflüchtigt zu haben, zwischenzeitlich gab's gar Hausverbot am Leutschenbach. Wie wollen Sie die zerissenen Stränge wieder aufnehmen?

Dass Tele Hausverbot am Leutschenbach hatte, stimmt nicht. Richtig ist meines Wissens, dass das Verbot für einen Journalisten galt, der nicht mehr für Tele arbeitet. Und Medienpartnerschaften zwischen TR7 und SF DRS sind mir keine bekannt. Ich würde in diesem Zusammenhang eher von einer guten Zusammenarbeit sprechen. Wie zur Zeit jedoch die Kontakte von Tele zu SF DRS sind, weiss ich nicht. Aber ich bin der Überzeugung, dass bestehende Verbindung noch enger gefasst werden müssen. Diese Nähe soll jedoch nicht so weit gehen, dass kritische Texte über den Leutschenbach nicht mehr möglich sein werden.

Ist dieses Bestreben nach mehr Nähe zum Leutschenbach der Grund dafür, dass Sie Urs Padel mit ins Boot genommen haben?

Padel ist ein ausgezeichneter Kenner der TV-Szene Schweiz. Er war früher schon längere Zeit beim Tele tätig. Seine guten Kontakte sind mit ein Grund für seine Anstellung.

Und wie steht es mit Ihnen: Wie gut ist ihr Draht zum Leutschenbach?

Meine Bindung zum SF DRS ist nicht sehr eng. Jedoch verfüge ich aus meiner Zeit als stv. Chefredaktor der Schweizer Illustrierten wie auch durch meine gegenwärtige Tätigkeit als Chefredaktor der Coopzeitung über gute Kontakte, an die ich anknüpfen kann.

TR7 hat mit der erstmaligen Vergabe des TV-Stars Tele die Show gestohlen. Hat Ihnen TR7 auch punkto Preisverleihungen den Rang abgelaufen?

Nein. Wir wollen die Nummer eins bleiben und werden auch im nächsten Jahr den Tele-Preis vergeben. Näheres kann ich Ihnen zum jetztigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Soviel sei jedoch verraten: Im Frühling wird es einen grösseren Event geben.

Empfanden Sie es als unfair, dass TR7 die Tele-Preisverleihung praktisch eins zu eins kopiert hat?

TR7 hat die Einführung des TV-Stars raffiniert umgesetzt. Dass unsere Konkurrenz sich den Umstand, dass wir den Tele-Preis vom Herbst in den Frühling verlegt haben, zunutze gemacht hat, war eine gute Idee. Nun liegt der Ball bei uns.

Die Programm-Spalten von Tele werden bereits heute in Polen produziert. Werden Sie weitere Teile der Redaktion in den Osten auslagern?

Es handelt sich nicht um ein "Outsourcing" der Redaktion, sondern wir beziehen lediglich Inhalte für den Programmteil bei einer dafür spezialisierten Firma im Polen. Es ist jedoch überhaupt nicht geplant, einen Teil der Redaktion auszulagern.

Zum Schluss bitte ich Sie, noch einmal ganz kurz zu beschreiben, mit welchen Zielen Sie eine Auflagesteigerung erreichen wollen?

Da ich erst am 1. Febraur meinen Job antreten werde, kann und will ich noch nichts über konkrete Pläne sagen. Nur soviel: Wir wollen im TV-Bereich noch näher an die Leser herangehen. Zudem müssen wir vom Bild und auch vom Text her noch besser und lustvoller werden. Das heisst: mehr Features, mehr Recherchen und mehr Eigenleistungen.


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