Darf eine SRF-Journalistin ärmellos gekleidet und mit sichtbaren Tattoos einen Bundesrat interviewen? Nach der «Glanz & Gloria»-Sendung vom Freitag ist eine heftige Diskussion über Dresscodes im TV entfacht. Dass in der Live-Übertragung zur Verleihung des Schweizer Filmpreis in Genf die tätowierten Arme der Moderatorin Bettina Bestgen sichtbar waren, gefiel nicht allen Zuschauern. «Eine so überladen bemalte Moderatorin lässt man nicht an einen Bundesrat ran», schreibt persoenlich.com-TV-Kritiker René Hildbrand.
Dresscodes im Jahr 2017
Er ist der Meinung, dass Tattoos die TV-Zuschauer stören. Das kann durchaus sein. Auf seine Kolumne meldeten sich jedoch vor allem Gegenstimmen: «Endlich mal weg vom sauberen, verstaubten Image. Herr Hildbrand, ihr sauberes SRF ist ein Auslaufmodell», schrieb etwa Gerry Reinhardt, Social Media Verantwortlicher bei FM1today. «So etwas Despektierliches habe ich nun schon lange nicht mehr gelesen», meinte Patrick Hässig, Moderator bei Energy Zürich. «Ob, wo und wie sie tätowiert ist oder nicht, sollte genau so unwichtig sein wie beispielsweise Hautfarbe, Herkunft oder Geschlecht», schreibt Moderator Joël von Mutzenbecher.
Die Diskussion verläuft leidenschaftlich. Es geht dabei nicht um die Leistung der Moderatorin. Im Zentrum stehen vielmehr die Fragen, ob man mit einem Mann ebenfalls so hart ins Gericht gehen würde und welche Standards im Jahr 2017 gelten.
«Für Männer einfacher»
Dabei gab es in Sachen Dresscodes im Journalismus erst vor einigen Monaten einen ähnlichen Fall. Im Sommer 2016 wurde eine Journalistin in Bern gerügt, weil sie die impliziten Anforderungen an «schickliche Kleidung» nicht erfüllte. Heidi Gmür von der NZZ musste die Pressetribüne des Ständerats verlassen. Im ärmellosen Oberteil hatte sie gegen die Hausregeln verstossen. Gmür hielt den Zwischenfall damals in einem Artikel fest und meinte darin, dass es für Männer einfacher sei, die sehr oberflächlich formulierte Regel «schickliche Kleidung» zu erfüllen. Kittel und Krawatte würden genügen. Bei Frauen sei die Sache etwas «delikater», so Gmür.
Ähnlich wie Bern kennt auch SRF keine strikten Regeln und damit auch kein Verbot von Tattoos- oder Piercings. Immerhin gibt es im Leutschenbach aber «Styling-Leitlinien», an denen sich die Moderatoren orientieren können. Die Kleidung müsse zur jeweiligen Person, ihrer Funktion sowie zur Sendung passen, sagt Sprecher Stefan Wyss auf Anfrage. «Glanz & Gloria» berichte über Anlässe «verschiedenster Couleur». «Und uns gefällt auch die Couleur, die Bettina Bestgen in die Sendung eingebracht hat».
Gratulation zu «tollen Quoten»
Dresscode-Regeln, wie man sie früher kannte, sind also bei SRF nebensächlich geworden - man orientiert sich eher an den Zuschauerzahlen. Die Chefs beurteilen Bestgens Auftritt laut Sprecher Wyss nämlich wie folgt: «Wir gratulieren ihr zur Gastmoderation und den tollen Quoten, die sie damit erzielt hat».
KOMMENTARE
01.04.2017 10:58 Uhr
29.03.2017 08:35 Uhr
28.03.2017 14:11 Uhr
28.03.2017 13:56 Uhr
28.03.2017 12:27 Uhr
28.03.2017 10:10 Uhr
28.03.2017 09:50 Uhr

