Herr Strehle, seit Sie auch Geschäftsführer vom Magazin sind, schreiben Sie merklich weniger. Ziehen Sie sich in Raten von der publizistische Tätigkeit zurück?
Nein. Aber das neue Amt gab in den ersten Monaten viel zu tun. Ich habe mich in die Zahlen vertieft und viele Gespräche mit Anzeigenkunden und Medienagenturen geführt. Deshalb kam ich kaum dazu, für das Magazin zu schreiben. Das wird sich aber wieder ändern. Ich werde in diesem Jahr sicher noch zwei, drei grosse journalistische Beiträge fürs Blatt machen.
Tragen Sie oder vielmehr Ihr Stellvertreter Finn Canonica die publizistische Verantwortung für das Magazin?
Canonica ist als Blattmacher für das Magazin verantwortlich, aber ich werde mich stets einmischen. Die publizistische Leitung liegt weiterhin bei mir.
Bewährt sich diese Doppelfunktion?
Ich verstehe sie als Test und noch ist es zu früh, um Bilanz zu ziehen. Der Chefredaktor ist ja ohnehin für die Einhaltung der Redaktionskosten verantwortlich, als Geschäftsführer können einem ausserdem auch die Erträge nicht egal sein. Mein Herz schlägt aber wie früher für die publizistische Arbeit.
Der Abgang Ihres Stellvertreters Peer Teuwsen wurde von erheblichen Misstönen begleitet. Was ist passiert?
Ich stand vor der Situation, dass meine beiden Stellvertreter Finn Canonica und Peer Teuwsen nicht mehr miteinander auskamen. Ich war deshalb gezwungen mich für einen dieser beiden herausragenden Magazinjournalisten zu entscheiden, da eine gemeinsame Zukunft nicht mehr möglich war. Ich habe mich letztlich für Finn Canonica entschieden.
Herrscht nun Unruhe in der Redaktion?
Nein, keineswegs. Ich hoffe und wünsche, dass Peer Teuwsen einen Abgang in beidseitig guter Erinnerung hat, der seiner fantastischen Arbeit für das Magazin gerecht wird. Er war hier ein allseits geschätzter Kollege.
Im Herbst kehrt Roger Köppel nach Zürich zurück. Rechnen Sie wiederum mit vielen Abgängen auf der Redaktion?
Als Köppel vor fünf Jahren vom Magazin zur Weltwoche wechselte, befanden wir uns in einer viel schwierigeren Situation. Im Zuge der Neugründung der Weltwoche als Magazin gab es eine Sogwirkung in Richtung Weltwoche. Heute aber liegen die Dinge anders, wir sind als Arbeitgeber mindestens so attraktiv wie die Weltwoche. Ausserdem hat Roger Köppel angekündigt, dass er mit einer kleinen Redaktion arbeiten will.
Hoffen Sie Ihrerseits gar darauf, einige Weltwoche-Mitarbeiter für das Magazin verpflichten zu können?
Wenn es mir das Budget erlauben würde, weitere Redaktoren einzustellen, würde ich ganz gerne fünf Leute von der Weltwoche holen.
Stichwort Budget: Wie lauten die Vorgaben der Tamedia an Sie?
Es wird von uns erwartet, in diesem Jahr schwarze Zahlen zu schreiben. Darauf arbeiten wir hin und haben auch schon einiges erreicht. Aber auch wir stehen im hart umkämpften Anzeigenmarkt unter Druck. Unser Ziel muss sein, uns von der Konkurrenz punkto Reichweite so klar zu distanzieren, dass man kaum an uns vorbeikommt.
Als Beilage ist beim Magazin die Auflagenentwicklung kein Gradmesser. Ist das für Sie ein Segen oder ein Fluch?
Natürlich ist es auf der einen Seite schön, nicht jede Woche auf die Kioskzahlen schauen zu müssen. Auf der anderen Seite besteht auch die Gefahr, es sich zu bequem zu machen. Wir müssen uns also genauso verhalten, wie wenn wir im Einzelverkauf erscheinen würden. Der Frühstückstisch am Samstagmorgen ist sozusagen unser Kiosk.
Woran messen Sie, ob eine Ausgabe gelungen ist?
Die Leserzahlen sind wichtig. Und in publizistischer Hinsicht die Reaktionen unserer Leser. Bleiben die nach einer Ausgabe aus, dann machen wir etwas falsch. Deshalb gewichten wir auch die Leserbriefseite hoch.
Spüren Sie einen grösseren Spardruck infolge des teueren Aufbaus der Regionalredaktionen des Tages-Anzeigers?
Nein. Mich hat es früher gestört, dass es bei Tamedia keine Quersubventionen zwischen den einzelnen Titeln gibt. Nun entpuppt sich dies jedoch als Vorteil für uns: Weil wir unabhängig vom Tages-Anzeiger agieren, verlangt niemand von uns, dass wir zusätzlich sparen.
Roger Köppel übernimmt die Weltwoche. Darf man einen Schlagabtausch zwischen dem Magazin und der Weltwoche erwarten?
Ich freue mich auf die Rückkehr von Roger Köppel. Das belebt. Sicherlich wird er mit der Weltwoche wieder eine Position markieren. Für mich ist wichtig, dass auch wir wieder stärker politisch Stellung beziehen und nie bloss zu einer gesellschaftlich-kulturellen Wochenendbeilage werden. Von mir ist bekannt, dass ich politisch nicht auf derselben Linie wie Köppel stehe. Es wird also interessant.
Ist diese Haltung nicht gar reaktiv?
Nein, das ist der publizistische Wettbewerb. Ein Diskurs kann eine gewisse Zeit lang einschlafen, um dann wieder aufzuleben. Das Magazin besitzt hervorragende Schreiberinnen und Schreiber. Aber wenn sie ihre Meinung schriftlich festhalten müssen, dann sind sie oft sehr zurückhaltend. Ich hoffe also, dass auch unsere Autoren sich künftig ein wenig weiter aus dem Fenster herauslehnen.
Wie will sich das Magazin positionieren?
Peter Hartmeier nannte den Kurs des Tages-Anzeigers einmal "leicht links der Mitte". Wir bewegen uns in einem ähnlichen Bereich, wollen aber auch das politische Lebensgefühl in der Urbanität darstellen. Das wichtigste aber ist, gegenüber allen Seiten kritisch zu sein. In der Reihe CSI hörte ich kürzlich einen Kommissar sagen: "In meinem Beruf kann ich es mir nicht leisten, jemandem zu glauben." Das muss auch unsere Berufsauffassung sein.

