27.06.2021

Sex-Kolumne

«Ich habe nie eine Frage erfunden»

Nach 40 Jahren stellt Blick seinen Sex-Ratgeber ein. Am Mittwoch erscheint die letzte Kolumne von Caroline Fux. Im Interview spricht die Sexologin über Probleme in Schweizer Schlafzimmern, unschöne Mails und Fragen, auf die auch sie keine Antwort hatte.
Sex-Kolumne: «Ich habe nie eine Frage erfunden»
Sexologin Caroline Fux verlässt Blick auf Ende Juni und macht sich selbstständig. (Bild: Aissa Tripodi)
von Marion Loher

Frau Fux, läuft bei den Schweizerinnen und Schweizern alles so rund im Bett, dass sie keine Sex-Beratung mehr brauchen?
Was heisst «brauchen»? Vielleicht ist es bei dieser Kolumne wie beim Sex selbst: Es tut dem Menschen gut, eine erfüllende Sexualität zu haben. Sie ist weit mehr als irgendein Luxus. Aber man stirbt nicht, wenn man keinen Sex mehr hat. Man kann auch ohne Sex leben – und diese Nation kann auch ohne Sex-Beratung leben. Aber mit einer Beratung kann die Sexualität schöner und lustvoller werden. Deshalb wäre sie für den einen oder anderen schon wichtig.

Das Thema Sex ist im Internet omnipräsent. Ist deshalb der Ratgeber in einer Zeitung überflüssig geworden?
Gewisse Leute argumentieren so, aber ich sehe das anders. Die Idee, dass ein journalistisches Gefäss mit einer Experteneinschätzung überflüssig ist, weil man einzelne Infos auch sonst wo nachlesen kann, teile ich überhaupt nicht.

Weshalb wird die Kolumne dann eingestellt (persoenlich.com berichtete)?
Ich interpretiere das vor allem als einen strategischen Entscheid der Ringier-Führungscrew. Und den kann ich auch nachvollziehen, weil sich die Medienbranche wandelt und ich auch Mitarbeiterin eines sehr dynamischen Mediums bin. Aber ich finde den Entscheid nicht sehr weitsichtig. Ich sage nicht, dass die Kolumne eine heilige Kuh ist, die nie geschlachtet werden darf. Aber mit dem Entscheid geht ein wichtiges Gefäss verloren, das in den letzten 40 Jahren viel mehr als «nur» eine Information über Sex und Beziehung war.

Was war sie noch?
Im Ratgeber ging es um Dinge wie Einschätzungen, Präsenz, Begleitung, Anregungen zum Weiterdenken und nicht einfach um das Aufzählen von Fakten oder allgemeingültigen Tipps. Ich habe jeden Tag 1800 Zeichen geschrieben, zunächst für sechs Tage in der Woche plus für den Blick am Abend zu Beginn noch, danach kamen die Kolumnen an fünf Tagen pro Woche. Das war sehr herausfordernd, und der veröffentlichte Teil war jeweils nur die Spitze des Eisbergs einer langen, meist intensiven Beratung.

«Mir war immer bewusst, dass ich nicht unkündbar bin»

Hat Sie der Entscheid von Ringier überrascht?
Ja und nein. Ja, weil ich immer sehr gute Feedbacks bekommen habe und auch die Klicks meines Ratgebers sehr gut sind. Nein, weil mir immer bewusst war, dass ich nicht unkündbar bin. Das ist man mit einem so personenzentrierten, exponierten Gefäss nie.

Verraten Sie uns, über welches Thema Sie in Ihrer letzten Kolumne schreiben werden?
Nein, das verrate ich hier nicht. Da müssen Sie schon am Mittwoch den Blick lesen.

Welches sind die grössten Probleme der Schweizerinnen und Schweizern beim Thema Sex und Beziehung?
Das ist sehr, sehr vielseitig. Der Ratgeber heisst «Sex, Liebe und Beziehung» und aus diesen drei Hauptbereichen kamen auch immer die Fragen. Die Sexberatung war also vor allem eine Liebesberatung. Grosse Themen waren Liebeskummer, fehlende Lust, Singlefragen, Erektions- oder Orgasmusstörungen, Kommunikationsprobleme.

Wie viele Mails oder Briefe haben Sie durchschnittlich pro Woche bekommen?
Da gab es grosse Schwankungen. Mal waren es fünf oder sechs pro Tag, mal keine.

Es waren sicherlich auch «unschöne» Mails oder Bilder darunter?
Das kam ab und zu vor. Aber das kennt jede Person, deren Arbeit öffentlich ist. Wenn ich Politikerinnen und Politikern zuhöre, dann kann ich mit Sicherheit sagen, dass die mehr wüste Post bekommen als ich.

Wurden die Fragen, die Sie in der Kolumne beantworteten, tatsächlich immer von Leserinnen und Lesern gestellt oder wurde da auch einmal getrickst?
Ich habe in all den Jahren nur Fragen beantwortet, die von aussen an mich herangetragen worden sind. Ob es die Person tatsächlich so erlebt oder nur nacherzählt hat, ist schwierig zu beurteilen. Man kann zwar anhand von dem, wie jemand etwas erzählt, herausfinden, ob es auch so vorgefallen ist. Das aber hat mich nicht so interessiert. Ich habe nie Fragen erfunden, es kam auch nie jemand von der Redaktion, der sagte, bring doch mal was Krasses. Wenn Einwände kamen, dann nur, weil eine Frage zu extrem war. Es gab beispielsweise einmal einen Tagesleiter, der keinen Analsex im Blatt haben wollte. Warum auch immer.

«Mich schockt nicht so viel»

Welches war die kurioseste Frage, die Sie je beantworten mussten?
Danach werde ich oft gefragt, aber als Sexologin sehe ich das schlicht nicht aus einem Blickwinkel von Schock, Skandal oder Kuriosität. Es sind für mich einfach Beratungsfragen und jede Person verdient eine hilfreiche Antwort.

Welche Frage hat Sie am meisten geschockt?
Mich schockt wie gesagt nicht so viel und ich habe einfach eine andere, fachliche Brille drauf. Ab und zu habe ich vielleicht gedacht: «Oje, das konnte nicht gut kommen.» Aber in so einem Moment geht mir das Herz auf. Menschen geraten in schwierige Situationen. Unterstützung ist für diese Momente da und nicht, wenn alles rosa ist.

Gab es auch Fragen, die Sie nicht beantworten konnten?
Im Grunde genommen ganz viele. Weil viele Leute Dinge wissen wollen, wie «Soll ich Fritz oder Franz wählen?» oder «Soll ich gehen oder bleiben?» oder ganz generell: «Was soll ich machen?». Ich kann, will und soll aber nicht für die Leute entscheiden. Daneben gibt es Dinge, auf die es schlicht keine Antwort gibt. Oder keine einfache. Mein Ziel war immer, dass die Leute vielleicht einen nächsten Schritt machen können oder eine neue Perspektive auf eine verfahrene Situation haben. Das ist schon viel wert.

Worauf gab es «schlicht keine Antwort»?
Vor allem auf Fragen, die philosophischer Natur sind, wie «Werde ich unglücklich, wenn…», «Ist es möglich, dass…» oder «Ist es schlimm, dass…». Darauf lässt sich einfach keine fundierte, klare Antwort geben.

Sie haben die Sex-Beratung damals von Eliane Schweitzer übernommen, deren Vorgängerin war Marta Emmenegger. Ein schwieriges Erbe.
Überhaupt nicht. Das war für mich null Thema. Wir drei sind beziehungsweise waren sehr verschieden. Wir haben die Beratung alle auf unsere eigene Art gemacht, hatten unseren Stil. Für mich war die Beratung immer etwas Kostbares, Schützenswertes. Das habe ich stets verteidigt, manchmal auch zum Ärger gewisser Journalisten, weil ich etwas nicht mitmachen oder sagen wollte. Das hatte aber nichts mit meinen Vorgängerinnen zu tun, höchstens mit dem Erbe ihrer guten Arbeit. Interviews im Stil von «Kate Middleton ist schwanger – wie fühlt sie sich jetzt?» habe ich kategorisch abgelehnt. Bei People-Geschichten war ich generell zurückhaltend. Ich weiss, dass das oft nervig für meine Kolleginnen war, die eine Einschätzung gesucht und verdient haben. Aber ich kann den Leuten nicht in den Kopf und ins Herz schauen und dann für sie sprechen, egal ob Promi oder nicht.

«In meinem Umfeld bin ich definitiv nicht die Kummerkasten-Tante vom Blick»

Wie hat sich das Thema Sex und das Reden darüber in den letzten zehn Jahren in der Öffentlichkeit verändert?
Die Frage ist gar nicht so einfach zu beantworten, weil der Dialog über Sex so vielseitig passiert. Einerseits sind die Leute offener geworden gegenüber diesem Thema, andererseits wird massiv unterschätzt, dass Sexualität immer noch ein Tabu ist. Pornografie, Werbung und auch Bewegungen wie die «Sex positive»-Kultur haben viel ausgelöst. Die meisten Menschen sprechen aber immer noch nicht über ihre eigene, echte, nicht aufpolierte Sexualität. Draussen nicht und in der Beziehung auch nicht.

Müssen Sie im privaten Umfeld auch Tipps geben?
Sicher nicht im Stil von «Du, ich habe da mal eine Frage». Sex ist ein tolles Thema, über das man grossartige Gespräche führen kann, aber in meinem Umfeld bin ich definitiv nicht die Kummerkasten-Tante vom Blick.

Was werden Sie künftig am meisten vermissen?
Es tönt zwar etwas kitschig, aber ich meine es ernst: Das Privileg, dass sich Menschen an mich wenden. Ich werde mir zwar etwas Eigenes aufbauen, aber meine Beratungsstelle wird ja nicht ab dem 1. Juli ausgebucht sein. Die erste Zeit nach dem Blick wird sicher nicht einfach und etwas traurig und schmerzhaft werden. Einen Wunsch hätte ich noch…

Und der wäre?
Dass ich nach meiner Zeit beim Blick als Fachperson auch ab und zu bei anderen Medienhäusern zu Gast sein darf. Ich fand dieses Schubladendenken immer ein bisschen schade.



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