30.06.2020

TX Group

«Ich muss meine Zeit sorgfältig einteilen»

Per Mittwoch, 1. Juli übernimmt Pietro Supino auch operativ das Steuer bei der TX Group. Der neue «Executive Chairman» über Weichenstellungen, Worthülsen und erfolgsversprechende Windverhältnisse.
TX Group: «Ich muss meine Zeit sorgfältig einteilen»
Wünscht sich guten Wind – in den Sommerferien und durchs zweite Halbjahr: Pietro Supino. (Bild: TX Group)
von Edith Hollenstein

Herr Supino, wie fühlt es sich an, nun neben den Aufgaben als Verleger und Präsident die TX Group zusätzlich als CEO zu leiten?
In unserer neuen dezentralen Gruppenstruktur haben die Unternehmen Goldbach, Tamedia, TX Markets und 20 Minuten je ihre eigenen Geschäftsführer mit ihren eigenen Geschäftsleitungen. Mit dem Ausscheiden von Christoph Tonini erhalten sie mehr Autonomie und übernehmen mehr Verantwortung. Das heisst, dass Christoph Toninis Verantwortung in erster Linie dezentralisiert wird. Die weiterhin zentralen Bereiche auf Gruppenebene werden von meinen Kollegen Sam Hügli und Sandro Macciacchini geführt. 

Wie teilen Sie sich dabei auf?
Sam Hügli ist für die Technologie und unseren Venture-Arm zuständig, Sandro Macciacchini für die Finanzen, das Personalwesen und den Rechtsdienst. Sie bilden mit mir zusammen die Gruppenleitung. Dort übernehme ich zusätzlich zu meinen bisherigen Funktionen den Vorsitz. 

Und Sie sind CEO. Was heisst das nun für Sie?
Nein. In meinem Selbstverständnis bleibe ich Verleger und vollamtlicher Präsident. Wenn Sie unbedingt einen angelsächsischen Begriff verwenden wollen, würde man wohl am ehesten sagen. Ich bin aber kein Freund solcher Worthülsen. Sie sagen alles und nichts. Darum bleibe ich eben Verleger und Präsident.

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Wie stark lastet Sie diese neue Funktion zeitlich aus?
Voll. Das war schon bisher der Fall. Denn unser Unternehmen ist vielfältig und befindet sich in einer spannenden Transformation. Ich muss meine Zeit sorgfältig einteilen und ich bin auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit meinen Kolleginnen und Kollegen angewiesen.

Wie viele Mitarbeiter führen Sie?
In der der Gruppenleitung sind wir zu dritt. Als Präsident begleite ich den Goldbach-CEO Michi Frank, Oli Rihs als CEO von TX Markets, den 20-Minuten-Chef Marcel Kohler sowie Marco Boselli und Andreas Schaffner als Co-Geschäftsführer von Tamedia. Meinerseits kann ich mich auf die Verwaltungsräte der Gruppe und der vier Unternehmen stützen, wo sehr viel Wissen und Erfahrung versammelt ist. Direkt bei mir angegliedert sind die Unternehmenskommunikation und die Unternehmensentwicklung und natürlich mein gut funktionierendes Büro, ohne das überhaupt nichts laufen würde.

«Agilität ist ein Ziel, das wir mit der neuen Unternehmensstruktur verfolgen»

Ihren Vorgänger Christoph Tonini lobten Sie für «Unternehmergeist, Tüchtigkeit und Verhandlungsgeschick». Welche dieser drei Tugenden benötigen Sie jetzt in Ihrer CEO-Funktion – oder besser gesagt als «Executive Chairman» – besonders? 
Für komplexe Aufgaben sind immer mehrere Eigenschaften wichtig. Ich hoffe, dass auch ich einen guten Mix mitbringe. Niemand kann aber alleine allen Anforderungen genügen. Darum bilden wir auf verschiedenen Ebenen Teams und versuchen uns so bestmöglich zu ergänzen.

Die seit Anfang Jahr eingesetzte neue Organisation gilt als Signal, dass Sie etwas vorbereiten. Inwiefern haben Sie vor, das Unternehmen von der Börse zu nehmen, ähnlich wie Axel Springer es getan hat?
Es besteht kein solcher Plan. 

«The Market» berichtete über ein Szenario, wonach Sie planen könnten, TX Markets als Spin-off an die Börse zu bringen. Ist dies eine Option?
Nein. Aber wir haben gesagt, dass die neue Unternehmensstruktur uns flexibler macht und damit Optionen eröffnet. Beispielsweise Partnerschaften auf Stufe der einzelnen Unternehmen. Agilität ist ein Ziel, das wir mit der neuen Unternehmensstruktur verfolgen. Wir stehen aber ganz am Anfang und haben heute keine konkreten Pläne dieser Art.

Am Montagabend wurde bekannt, wie TX Group die zentralen Dienste neu organisieren will – unter anderem mit einem Abbau von 40 Stellen. Ist das Ihr erstes wichtiges Projekt?
Dieses notwendige und wichtige Projekt wurde noch von Christoph Tonini geleitet. Bei der Umsetzung wird Sandro Macciacchini den Vorsitz im Leitungsausschuss übernehmen.

Welches sind die strategisch wichtigsten Themen, die Sie in den nächsten drei Monaten beschäftigen werden?
Bei Tamedia und 20 Minuten geht es darum, die digitale Transformation im Journalismus weiterzutreiben und das Geschäftsmodell zu erneuern. Unsere Medienmarken haben eine grosse gesellschaftliche Bedeutung. Darum ist es sehr wichtig, dass wir ein neues und nachhaltiges Fundament schaffen können. Goldbach als Swiss Media Sales House bietet neuerdings die gesamte Palette an Werbemöglichkeiten und will dazu beitragen, dass Schweizer Medienanbieter im immer globaleren Wettbewerb bestehen können. Dabei spielen neue Technologien eine wichtige Rolle. TX Markets verspricht das grösste Wachstumspotential organisch und anorganisch, in der Schweiz und im Ausland. Auf Gruppenebene müssen wir so effizient wie möglich einen Mehrwert für unsere Unternehmen beitragen. Dabei kommt der Data Strategie ein zentrale Bedeutung zu. 

«TX Markets verspricht das grösste Wachstumspotential  organisch und anorganisch, in der Schweiz und im Ausland»

Sie haben es gesagt: TX Markets, Tamedia, Goldbach und 20 Minuten sind nun autonom und für sich selber verantwortlich. Mit welchen Themen gelangen diese Firmen dennoch weiterhin an den TX-Group-CEO, also jetzt an Sie?
Die Strategien der Unternehmen, Fragen um Schlüsselpersonen und grössere Investitionen oder Desinvestitionen sind Themen, über die wir uns austauschen und die wir in den Verwaltungsräten behandeln werden.

Wie ist das bei der Kurzarbeit? Welche Unternehmen führen die Kurzarbeit weiter?
Das ist eine operative Frage, über die unsere Unternehmen eigenständig entscheiden sollen, wie es am besten zu ihren unterschiedlichen Situationen passt. 

So wie wissen, wird Tamedia die Kurzarbeit noch bis September weiterführen. Wie ist es auf Gruppenebene, in Ihrem direkten Verantwortungsbereich, also bei der Unternehmenskommunikation und der Unternehmensentwicklung: Wird dort die Kurzarbeit ebenfalls weitergeführt?
Da werden wir per Ende August eine Standortbestimmung vornehmen.

Zahlen Sie allen Mitarbeitenden weiterhin den vollen Lohn? Oder verzichten Sie inzwischen auf den Ausgleich?
Es gilt, was kommuniziert wurde: Dass der volle Lohn ausgeglichen wird. Sollte die Kurzarbeit verlängert werden, muss die Frage in jedem Unternehmen neu beurteilt werden. 

Trotz Dividendenausschüttung Kurzarbeit zu veranlassen hat zu viel öffentlicher Kritik geführt – sogar im Bundesrat wurde Ihr Entscheid diskutiert. Verstehen Sie, dass TX Group als unsensibel wahrgenommen wurde? 
Dazu haben wir früher bereits Stellung genommen. Die Antwort auf die Frage können Sie in Ihrem Archiv nachlesen (Anmerkung der Red.: siehe z. B. Artikel vom 3. April 2020 oder 29.4.2020

«Sollte die Kurzarbeit verlängert werden, muss die Frage in jedem Unternehmen neu beurteilt werden»

Die NZZ informierte letzte Woche über eine «Strategieschärfung», die mit Kosteneinsparungen einher geht – es kommt also zu einem Stellenabbau. Müssen wir auch bei Tamedia und 20 Minuten mit ähnlichen Entscheiden rechnen?
Wie anfangs März angekündigt, haben wir die Strukturen auf Gruppenebene überprüft, um das Angebot auf die geänderten Bedürfnisse unserer neuerdings selbständigen Unternehmen auszurichten und die Kosten dafür zu reduzieren. Darüber haben wir Anfang Woche informiert.

Die Coronakrise ist ja noch lange nicht vorbei. Mit welchen Auswirkungen rechnen Sie?
Zum einen mit Einflüssen auf die Konjunktur, die sich aber schwer abschätzen lassen. Zum anderen mit einer Beschleunigung des Strukturwandels, der bereits ohne die Coronakrise einen massiven Kostendruck und grosse Veränderungen mit sich bringt. Das ist nichts Neues, aber das Tempo hat noch einmal zugenommen. Wie die Entwicklung unserer Gruppe in den letzten 20 Jahren zeigt, bietet die Veränderung mindestens so viele Chancen wie sie uns alle vor Herausforderungen stellt. Es gilt das alte Tagi-Motto: «Wir bleiben dran».

Und was wünschen Sie sich für sich als TX-Group-Chef persönlich und beruflich für die verbleibenden Monate dieses Jahres?
Guten Wind – in den Sommerferien und durchs zweite Halbjahr. 

Sie verreisen in den Ferien ans Meer? Verraten Sie uns wohin?
Nein, lieber nicht.

 

*Pietro Supino hat die Fragen schriftlich beantwortet.

 



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Kommentare

  • Victor Brunne, 02.07.2020 07:48 Uhr
    Kompliment an Supino, eines der seltenen Interviews wo er ehrlich ist. Qualität beim TA ist nicht mehr Thema. Er ist zufrieden mit der Hinterlassenschaft von Judith Wittwer, Boulevard um jeden Preis, BLICK Leser abjagen. Dafür nationale Politik, Wirtschaft reduzieren. Beispiel von "BLICK" im TA, Artikel "Herr Koch, es reicht jetzt", wo ein Journalist im diktatorischen Stil Koch auffordert auf die Herausgabe eines Buches zu verzichten! Anderes Beispiel: Rucksackjournalistin des TA unterstellt Reisenden mit Rollkoffer Verbiederung. Dürften etwa die Hälfte aller Reisenden auf der Welt sein!
  • Pierre Rothschild, 01.07.2020 23:38 Uhr
    Man darf auch danke sagen. Der Tages-Anzeiger hat sich in den letzten Jahren zu einer Zeitung gewandelt, wo es jeden Tag journalistische Perlen gibt. Blick hat die Themen oft nicht, NZZ nicht die umfassende und teure Recherche. Beim Tages-Anzeiger und den verbundenen Blättern macht und ermöglicht man guten Journalismus. Beweis ist die Zeitung tagtäglich und das sollte man auch erwähnen. Das neue Chefredaktoren Tandem muss das Blatt nicht besser machen, sondern nur auf hohem Niveau erhalten.
  • Thomas Müller, 01.07.2020 12:38 Uhr
    Und was sagt die Reinigungskraft beim Tages-Anzeiger, die geschätzt hundertmal weniger verdient als Herr Supino? "Ich muss meine Zeit sorgfältig einteilen, denn mir steht für dieselbe Arbeit immer weniger Zeit zur Verfügung."
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