"Kassensturz" wird 40 Jahre alt. Herr Schmezer, Sie sind seit 1996 das Gesicht der Sendung. Was konnten Sie erreichen?
Ueli Schmezer: Fernsehjournalismus ist Teamwork. Was wir erreicht haben, ist das Resultat der Zusammenarbeit der ganzen Redaktion. Ich versuche, meinen Teil dazu beizutragen. Einerseits mit Beiträgen, zum Beispiel darüber, dass viele Tageslinsen problemlos ein paar Wochen lang getragen werden können, und vor allem dadurch, dass ich in den Interviews hartnäckig und gut vorbereitet auf den für die Konsumenten wichtigen Fragen beharre.
Welches war Ihr persönlicher Höhepunkt während den 17 Jahren?
Sch.: Was mich echt immer wieder sprachlos macht, ist die Dreistigkeit, mit der wir Kassenstürzer von allen Seiten angeschwindelt werden. Als einer, der an das Gute im Menschen glaubt, staune ich immer wieder, wie jemand einem fadengerade anlügen kann.
Sie meinen wohl auch die Live-Studiointerviews. Inwiefern ist die zunehmende Medienschulung bei den Interviewgästen ein Problem?
Sch.: Das hat sich im Laufe meiner Kassensturzjahre massiv verändert. Kaum ein Studiogast kommt ungeschult in unsere Sendung. Sie wissen ganz genau, welche Botschaft sie rüberbringen wollen, sie lernen von teuren Kommunikationsberatern, wie man um den heissen Brei redet. Wirklich ein Problem ist es nicht, es ist lediglich anstrengend und zeitraubend, das Gespräch immer wieder auf das eigentliche Thema zurückzuführen.
Welche Strategien der Gesprächspartner ärgern Sie als Interviewer am meisten?
Sch.: Zum Beispiel, dass viele mit der ersten Antwort überhaupt nicht auf die erste Frage eingehen, sondern das loswerden wollen, was sie auswendig gelernt haben.
Welches ist Ihr Rezept: Wie halten Sie dagegen?
Sch.: Sachlich bleiben, auf den Fakten beharren, inhaltlich sattelfest sein und im richtigen Moment entschieden intervenieren.

Herr Wettstein, rund dreissig Leute arbeiten auf der konvergenten Redaktion "Kassensturz/Espresso" (siehe Bild oben). Wo bringt diese Zusammenarbeit Vorteile?
Wolfgang Wettstein: Ein Vorteil ist das erweiterte Know-how bei Konsumententhemen. Zudem können verschiedene Aspekte einer Geschichte auf den drei Kanälen TV, Radio und Online aufbereitet werden.
Wie genau?
W.: "Espresso" bringt am Dienstag die News, dass das Krematorium Solothurn das Zahngold der Toten verkauft, mit Hinweis auf die "Kassensturz"-Sendung am Abend. Die Online-Konsumplattform bringt die News ebenfalls. Am Abend zeigt "Kassensturz" die Hintergründe der Geschäfte mit dem Zahngold mittels einer Umfrage in grossen Krematorien. Am Mittwoch interviewt "Espresso" den Verbandspräsidenten der Krematorien.
Werden diese beiden Marken eigenständig bleiben oder ist mittelfristig eine Annäherung geplant?
W.: Die unterschiedlichen Profile der beiden Marken bleiben erhalten. "Espresso" ist keine Kassensturz-Sendung fürs Radio und "Kassensturz" keine bebilderte Radiosendung.
Welches sind Ihre Quellen?
W.: Unsere Publikumsredaktion erhält monatlich 1'000 bis 1'500 Mails, Briefe und Telefonate. Viele Zuschauer erzählen uns ihre Geschichten. Ein bis zwei Themen von der Publikumsredaktion greifen wir pro Sendung auf. Zudem informiert sich die Redaktion in Fachzeitschriften über aktuelle Themen und pflegt Informanten. Eine dritte Quelle sind Themen, die uns die Aktualität aufdrängt. "Kassensturz" hatte noch nie in der 40-jährigen Geschichte Probleme, gute Geschichten zu finden.
Digitale Daten und deren Verwertung wären z.B. aktuelle Themen. Doch vermutlich ist es schwierig, Firmen wie Apple oder Google zu Studio-Interviews zu bewegen.
W.: Ja, diese Firmen sind oft nicht einmal schriftlich erreichbar.
Welche anderen Firmen drücken sich gerne um Live-Interviews im Studio?
W.: Banken, Versicherungen, die Pharmaindustrie. Sie schicken lieber einen Verbandsvertreter.
Im Interview im "Doppelpunkt" mit Roger Schawinski auf Radio 1 sagten Sie, Herr Schmezer, es sei "eine Katastrophe", dass Journalisten aufgrund eines Bundesgerichtsentscheids nicht mehr mit dem Mittel der versteckten Kamera arbeiten können. Wo wäre die versteckte Kamera hilfreich?
Sch.: Seit es "Kassensturz" gibt, hat diese Sendung die versteckte Kamera immer eingesetzt. Die versteckte Kamera ist DAS Beweismittel, wo sonst Aussage gegen Aussage steht. Und jetzt plötzlich soll sie nicht mehr erlaubt sein.
W.: Wenn bei verdeckten Recherchen die Beweisführung nicht anders erbracht werden kann als mit der versteckten Kamera. Beispiele sind: die schlechten Arbeitsbedingungen auf dem Bau, die miserable Beratung von Versicherungsvertretern und von Bankern, die ungenügende Risikoaufklärung von Schönheitschirurgen, der Beschiss vieler Handwerker bei Reparaturen oder die sorglose Abgabe von Medikamenten in Apotheken.
Bei "Kassensturz" ist der Druck enorm, dass alles stimmt. Damit auch mächtige Akteure kritisiert werden können, wäre es ja wichtig, dass Sie Grenzen ausreizen können. Steht Ihrer Redaktion ein bestimmtes Budget für Gerichtsverfahren zur Verfügung?
W.: Nein. Wir versuchen das Prozessrisiko klein zu halten. Aber wir scheuen uns nicht, den Dingen auf den Grund zu gehen und sie beim Namen zu nennen. Es kommt immer wieder vor, dass unsere korrekte Berichterstattung zu einem Prozess führt. Aber wir unterliegen äusserst selten.
Interview per Mail: Edith Hollenstein, Bild: Merly Knörle, SRF

