10.06.2010

"Interviews nach Spielende machen weder dem Reporter noch den Spielern Spass"

Am Freitag ist Anpfiff zur Fussall-WM 2010 in Südafrika. Für das Schweizer Fernsehen live vor Ort am Ball ist seit fast dreissig Jahren Sportreporter Matthias Hüppi. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erzählt das SF-Urgestein, was ihn an RAI-Moderatoren nervt, warum ein Kribbeln vor Drehbeginn gesund ist, von den Privilegien der TV-Stationen gegenüber der Printpresse und seinem Verhältnis zu anderen Journalisten: "Ich schätze meine Printkollegen sehr, auch wenn mich schon der eine oder andere in die Pfanne gehauen hat." Das Interview:
"Interviews nach Spielende machen weder dem Reporter noch den Spielern Spass"

Herr Hüppi, Sie sind seit knapp 30 Jahren bei SF Sport, seit genau 25 Jahren beim sportpanorama tätig. Machte es damals mehr Spass oder ist ihr Job heute interessanter?

Ich kann zum guten Glück sagen, dass es mir heute immer noch gleich viel Spass macht wie damals. Ich habe hinter den Kulissen, vor der Kamera, auf der Redaktion oder als Produzent gearbeitet.

Wird nach so vielen Jahren im Business alles zur Routine?

Nein, das muss ich entschieden in Abrede stellen. Wenn die Arbeit Routine geworden wäre, hätte ich es bestimmt nicht so lange ausgehalten. Die Erfahrung hilft mir aber in schwierigen Situationen. Ich reagiere gelassener, wenn mal etwas nicht nach Plan läuft. Es wirft mich nicht mehr so schnell etwas aus den Schuhen.

Sind Sie vor Einsätzen trotz der Erfahrung noch nervös?

Ich würde es nicht als Nervosität sondern eher als gesunde Grundspannung oder Kribbeln bezeichnen. Diese Spannung brauche ich auch, um mich voll und ganz konzentrieren zu können. Ich stelle mich nicht so gut an, wenn ich weiss, dass ich eine Sache dreimal machen kann.

Die WM in Südafrika steht vor der Tür. Ist eine WM auch nach so vielen Jahren noch ein besonderes Erlebnis für Sie?

Natürlich. Eine WM, ein Lauberhornrennen oder eine Olympiade sind immer besondere Ereignisse, die aber gerade deshalb auch ganz besondere Herausforderungen darstellen.

Das erste Mal findet eine Fussballweltmeisterschaft auf dem afrikanischen Kontinent statt. Haben Sie sich anders vorbereitet als sonst?

Afrika bedeutet für mich unbekanntes Territorium. Ich habe im Vorfeld verschiedene Bücher gelesen, auch über die ganze Kolonialgeschichte des Landes. Was mir wirklich Bedenken bereitet, ist dass dieser Event in einem Land stattfindet, in welchem das soziale Gefälle wirklich sehr gross ist. Die einen leben praktisch auf den Golfplätzen, während die anderen keinen Strom und Wasser haben. Ich hoffe wirklich, dass diese Weltmeisterschaft auch der Bevölkerung etwas bringt. Doch leider ist es wohl illusorisch zu denken, dass auch die Armen am Event mitverdienen.

Was für eine Stimmung erwarten Sie in Südafrika?

Ich erwarte eine grosse Begeisterung der Afrikaner für ihre Mannschaften.

Haben Sie Sicherheitsbedenken?

Ich komme natürlich von allen Destinationen am liebsten wieder gesund nach Hause. Ich treffe immer gewisse Vorsichtsmassnahmen, egal wo ich bin. In Südafrika vielleicht noch etwas mehr. Ich habe jedoch nach all den Jahren ein Gespür dafür entwickelt, wo man in einem Land hingehen darf und wie ich mich benehmen soll.

Wie wichtig sind Schweizer Erfolgserlebnisse für einen SF-Moderator?

Die sind für den "Groove" natürlich extrem wichtig. Es würde meine Arbeit schon erleichtern, wenn die Nati gegen Spanien mit einem guten Resultat starten würde. Wenn man schlechte News überbringen muss, ist das nie erfreulich. Am Schluss geben die Zuschauer in ihrer Enttäuschung sogar fast ein bisschen den Reportern die Schuld an allem, das habe ich an der Euro 08 deutlich gespürt.

Im Winter kommentieren Sie mit Bernhard Russi. Beim Fussball heisst ihr Partner Alain Sutter. Mit wem harmonieren Sie besser?

Mit Bernhard Russi ist im Laufe der Zeit eine dicke Freundschaft entstanden, das ist schon eine ganz spezielle Zusammenarbeit. Wir sind seit Jahrenim Winter zusammen sehr häufig unterwegs. Alain Sutter schätze ich ebenfalls sehr, doch sehe ich ihn viel seltener. Spiele der Nationalmannschaft sind ja nicht so häufig.

Wie ist die Rollenaufteilung mit Alain Sutter?

Er hat ja selbst in der Nationalmannschaft gespielt. Da liegt es in der Natur der Sache, dass er eher die Expertenrolle einnimmt und ich als Interviewer/Moderator auftrete.

Wie weit darf ein TV-Kommentator bezüglich Humor gehen? Schreibt man Pointen vorgängig auf?

Nein, da ist alles spontan. Aufgeschriebene Pointen sind selten lustig und wir sind ja auch keine Comedyshow. Ich schätze eine lockere Atmosphäre, doch wollen wir nicht diejenigen mit den sauglatten Sprüchen sein. Da hat sich das Verständnis in den letzten Jahren auch ein wenig verändert. Es gab eine Zeit, da konnte man ja auch in Fussballsendungen nicht genug lustig sein. Mehr und mehr geht das den Leuten jedoch auf den Wecker.

Interviews mit Fussballern sind sehr stereotypisch. Woran liegts? Sind die Interviewer schuld?

In Crans Montana hatte ich Gelegenheit, mit den Spielern auch persönlichere Gespräche zu führen. Das interessiert mich auch am meisten. Die Interviews gleich nach Spielende sind einfach eine Pflichtübung, die weder dem Reporter noch dem Spieler Spass machen. Ich habe dies ja früher auch gemacht und ich weiss deshalb, dass es ein extrem schwieriger Job ist. Die Fussballer sind dann jeweils noch auf 180, da hat man mit anspruchsvollen Fragen keine Chance. Es braucht in diesen Momenten schon viel Anstrengung, die Spieler überhaupt zum Reden zu bringen.

Spüren Sie den Neid von Kollegen, vor allem aus dem Print, wenn WM ist? Alle hören doch nur Ihnen zu.

Ich bemühe mich um ein kollegiales Verhältnis zu den Printkollegen, die ich teilweise auch schon seit Jahren kenne. Und ich schätze sie sehr, auch wenn mich schon der eine oder andere in die Pfanne gehauen hat. Ich bin da nicht nachtragend. Ich weiss jedoch, dass es bei solchen Events extrem schwierig ist für Zeitungen, eine Geschichte rund um die Nati zu schreiben. Die Medienarbeit ist strikt organisiert. SF hat dabei das Riesenprivileg, alle Spiele live übertragen zu können und Bilder der Geschehnisse zu zeigen.

Wie würden Sie Ihre Berichterstattung mit deren von ausländischen TV-Kanälen vergleichen? Gibt es etwas, was die Konkurrenten besser machen?

Ich schaue mir bewusst die verschiedenen Kanäle an. So wie Rai würde ich jetzt nicht Fernsehen machen wollen, da wird das Bild mit den Worten zugedeckt. Dabei sollte es ja um die Sache bzw. das Spiel gehen. An den französischen Sendern schätze ich die gewisse Lockerheit. Die geht aber sicher auch vielen Leuten auf den Wecker. Das ist Geschmackssache. Wenn ich bei einem Skirennen fast vom Stuhl falle, weil es mir so gut gefällt, denken bestimmt auch viele: „Der Hüppi schreit jetzt wieder völlig übertrieben im Zeugs herum.“

Was macht ein gutes Fussballspiel aus, für einen Kommentator?

Ein Spiel, das jederzeit auf die eine oder andere Seite kippen kann. Ein Spiel mit umstrittenen Situationen, die zu reden geben. Ein einseitiges Spiel ist deshalb nicht spannend, weil man nichts zu diskutieren hat. Das schlimmste sind die zweiten Halbzeiten bei Testländerspielen.

Herr Hüppi, sie gelten als profunder Kenner der Nati. Welche Chancen rechnen Sie für unsere Nati nach dem Debakel gegen Costa Rica aus?

Wenn die Schweiz eine Runde weiter sprich in die Achtelfinals kommt, ist dies als Erfolg zu werten. Das habe ich schon während der Qualifikation gesagt und nicht erst seit die Gruppen ausgelost sind. Ein Ausscheiden mit guten Leistungen ist keine Blamage. Blamabel war hingegen als die Mannschaft vor zwei Jahren die Euro in den Sand setzte. Jeder hat damals gesagt: "Once in a lifetime", das darf man nicht vergeigen. Und sie haben wirklich alles daran gesetzt, die riesige Chance zu vergeigen. Das nenne ich eine Blamage.

Kommentatoren müssen möglichst neutral sein. Verraten Sie, für wen Sie nebst der Nati heimlich fanen?

Mir gefällt die spanische Mannschaft (lacht), das ist natürlich jetzt etwas schwierig. Auch Argentinien finde ich gut. Es ist sehr speziell, wenn man spürt, dass die Gemütslage eines Landes vom Fussball abhängt und alle mitfiebern. So etwas ist in der Schweiz gar nicht möglich. Den afrikanischen Mannschaften würde ich ebenfalls einen Erfolg gönnen. Wenn Brasilien einen guten Tag erwischt, ist dies natürlich ebenfalls ein wahrer Genuss.

(Interview: Corinne Bauer)


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