01.05.2015

Ringier

"L'Hebdo" und "Le Temps" mit gemeinsamem Newsroom

"Ich sehe den Newsroom als 'Media Labor'", sagt Daniel Pillard, Geschäftsführer von Ringier Romandie.
Ringier: "L'Hebdo" und "Le Temps" mit gemeinsamem Newsroom

Herr Pillard, durch den gemeinsamen Newsroom von "L'Hebdo" und "Le Temps": Wie ist die Stimmung?
Die Mitarbeitenden von "L’Hebdo" sind verständlicherweise ein wenig verunsichert. Es erfordert Flexibilität von den Leuten, wenn von einem Tag auf den anderen ein sehr grosses neues Team dazu stösst. Es war uns wichtig, dass sich die Leute schon vor dem Umzug persönlich kennenlernen. Deshalb haben wir im März ein gemeinsames "Baustellen-Frühstück" veranstaltet. Das kam sehr gut an! Des Weiteren hatten die Chefredaktoren und Ressortchefs Gelegenheit, sich in Rahmen von Workshops kennenzulernen.

Was wird nun anders?
Die grösste Veränderung ist voraussichtlich, dass unser Standort von einem Tag auf den anderen um 100 Personen wächst. Die Firma wird damit grösser und es wird eine neue Dynamik entstehen. Anders wird auch sein, dass wir mit dem neuen Newsroom ein Projekt starten, das sich dann laufend weiterentwickeln wird. Ich sehe den Newsroom als eine Art "Media Labor", in dem unterschiedliche Inhalte, verschiedene Erscheinungsdaten und andere Arbeitsweisen aufeinandertreffen. Das Zusammenarbeiten und der dadurch entstehende Austausch ist eine grosse Chance für alle unsere Titel.

Elf Journalisten von "Le Temps" bleiben in Genf. Wie ist deren Anbindung an den Newsroom sichergestellt? 
Ja, einige Mitarbeitende bleiben in Genf, davon sind acht Journalisten und drei Buchhalter. Mit den Kollegen werden wir wie auch mit unseren Korrespondenten in anderen Städten in Kontakt stehen. Wir haben regelmässige Sitzungen mit Videoschaltungen und Telefonkonferenzen. Die Anbindung wird daher kein Problem sein.

Wieso ist der zukünftige kleine Standort Genf so wichtig, dass doch noch Leute vor Ort sein müssen?
Genf ist ein bedeutender, internationaler Wirtschaftsstandort und deswegen wollen wir auch weiterhin eine "Task Force" dort haben. Unser Ziel ist es, in Genf noch besseren Journalismus zu machen als vorher. Mit weniger Leuten? Ja, ich weiss, das ist ein starkes Signal. Wir verlassen Genf, aber wollen dort trotzdem stärker werden. Deswegen verwende ich auch den Begriff "Task Force": mit einer kleinen Crew werden wir effizient und gezielt Themen in Genf angehen. "Le Temps" wird in diesem Bereich noch besser sein als zuvor.

Wie sehr hat man sich bei der Konzeptionierung des Lausanner Newsrooms am Modell der Blick-Gruppe in Zürich orientiert?
Wir haben den Newsroom in Zürich natürlich vorgängig besucht und uns auch mit Redaktoren und dem Management getroffen, um die Umsetzung in Lausanne zu prüfen. Wie in Zürich werden wir auch in Lausanne vorerst keine übergeordnete Leitung des Newsrooms haben, sondern Chefredaktoren für jeden Titel. Anders als beim "Blick", dessen Produkte alle eine ähnliche Identität haben, haben die Titel in Lausanne verschiedene Identitäten.

Wie lässt sich das in einem Newsroom umsetzen?
Wir werden auch weiterhin verschiedene Identitäten pflegen und kultivieren müssen. Deswegen werden wir auch nicht ausschliesslich das Prinzip verfolgen "alle arbeiten für alle Titel". Wir haben zwar eine gemeinsame Truppe von Journalisten, aber für "L’Hebdo" beispielsweise werden acht dedizierte Journalisten schreiben.

Wird es nun eine thematische, publizistische Gleichschaltung der Titel "Le Temps" und "L'Hebdo" geben?
Wir haben eine Art Leitfaden definiert, in der die Grundsätze von "Le Temps" und "L’Hebdo" festgehalten sind. So heisst es beispielsweise, dass "Le Temps" eher zurückhaltend und kurz berichtet. "L’Hebdo" hingegen bietet tendenziell provokativen und ausführlicheren Stoff. Wirklich spürbar ist das jedoch vor allem in Kommentaren oder im Editorial. Über diesen internen Definitionen stehen aber natürlich die journalistischen Grundsätze - das heisst, ein gutes Interview für "L’Hebdo" ist auch gut für "Le Temps", dasselbe gilt für eine gute Reportage. Aber selbstverständlich werden wir nie identischen Inhalt in "L’Hebdo" und "Le Temps" herausgeben. Am Beispiel eines Auslandjournalisten sieht das folgendermassen aus: Er wird drei Aufträge haben, einen für die Website, einen für die Zeitung und vielleicht noch einen sogenannten Long Read für "L‘Hebdo". Die Herausforderung wird sein, dass die Leute Spass daran haben, unterschiedliche Identitäten zu pflegen und mitzuprägen.

Fragen: Auszug eDomo, Bilder: Ringier

 


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