05.02.2026

My105

«Leidenschaft allein reicht nicht»

Giuseppe Scaglione verkauft sein Lebenswerk an Jan Müller und wandert mit seiner Frau nach Italien aus. Der Radiomacher blickt auf 30 Jahre mit einem Sender zurück, den er zweimal aufbauen musste – und erklärt, warum jetzt der richtige Zeitpunkt zum Loslassen ist.
My105: «Leidenschaft allein reicht nicht»
«Irgendwann spürt man, dass ein Kapitel rund ist», so Giuseppe Scaglione, Gründer von Radio 105. (Bild: Nora Nussbaumer)

Giuseppe Scaglione, Sie verkaufen My105 und wandern nächste Woche mit Ihrer Frau Paola nach Italien aus (persoenlich.com berichtete). Wann haben Sie gewusst: Jetzt ist der richtige Zeitpunkt?
Ich hatte schon als Kind zwei grosse Träume: ein eigenes Radio zu gründen und eines Tages am Meer zu leben. Den ersten durfte ich fast 30 Jahre lang leben – intensiver und erfüllender, als ich es mir je hätte vorstellen können. Irgendwann spürt man, dass ein Kapitel rund ist. Und genau dieses Gefühl war jetzt da.

Jan Müller war bereits Programmchef bei Radio 105, Morgenshow-Moderator und Teil der Geschäftsleitung. Er hat sich das 105-Logo auf sein Bein tätowieren lassen – macht ihn das zum richtigen Käufer?
Das Tattoo allein natürlich nicht. Aber es steht sinnbildlich für etwas Entscheidendes: Jan trägt den Spirit und die DNA von 105 in sich. Er liebt Radio mit derselben Leidenschaft, mit der wir es immer getan haben. Uns war wichtig, dass 105 weiterlebt – und nicht in einem Konzern aufgeht.

«Das ist tatsächlich ein sehr stimmiger Match»

Müller führt heute das Tech-Unternehmen Audiospace und hat gerade einen Grossauftrag in den USA gewonnen. Welche Synergien sehen Sie zwischen seiner Firma und My105?
Das ist tatsächlich ein sehr stimmiger Match. Technologie wird für Radio und Audio-Geschäftsmodelle immer zentraler. Mit Jan treffen hier Radio-Know-how und Tech-Expertise aufeinander – eine Kombination, die in dieser Form in der Schweiz einzigartig ist. Für die Zukunft von My105 ist das eine grosse Chance.

Blenden wir zurück: 1995 hatten Sie die Vision eines modernen Jugendradios: Radio 105. Was hat Sie damals angetrieben?
Ich arbeitete damals bei einem Basler Lokalradio und konnte kaum glauben, dass Acts wie «Die Fantastischen Vier» im Radio tabu waren. Gleichzeitig war ich stark von ausländischen Sendern geprägt, vor allem aus Italien. Irgendwann dachte ich: So ein modernes, mutiges Jugendradio braucht es auch in der Schweiz.

Alberto Hazan, der Gründer von Radio 105 in Italien, unterstützte Sie von Anfang an. Was hat er in Ihnen gesehen?
Alberto Hazan ist ein echter Radiopionier. Er war der Erste, der in Italien das staatliche Monopol herausforderte. Er sagte mir schon damals, meine Vision und meine Hartnäckigkeit hätten ihn an seine eigenen Anfangsjahre erinnert. Das hat mich sehr beeindruckt und geprägt.

Am 4. Dezember 1997 begann Radio 105 mit Testsendungen über Kabel. Können Sie sich noch an dieses Gefühl erinnern? Was ging Ihnen durch den Kopf?
Sehr gut – ich habe sogar noch Aufnahmen davon. Viele Experten sagten damals, niemand höre Kabelradio. Doch schon während der ersten Testsendung klingelte das Telefon, und es kamen Faxe von begeisterten Hörern. In diesem Moment wusste ich: Das funktioniert.

«Ich konnte nie akzeptieren, dass der Staat darüber entscheidet, wer Radio machen darf»

Der Kampf um UKW-Frequenzen dauerte über zehn Jahre – trotz 65'000 Unterschriften und einer technischen Studie. Wie haben Sie diese Frustration erlebt?
Ich konnte nie akzeptieren, dass der Staat darüber entscheidet, wer Radio machen darf und was gehört wird. Das fühlte sich für mich undemokratisch und überholt an. Heute hat sich diese Frage dank Streaming und DAB weitgehend erledigt. Der Markt entscheidet – nicht die Politik.

2014 kam der Konkurs – ein Investor verweigerte zugesicherte Zahlungen und liess das Unternehmen faktisch ohne finanzielle Grundlage zurück. Was ist damals in Ihnen vorgegangen?
Das war der Tiefpunkt meines Berufslebens. Besonders schmerzhaft war, dass wir weder am Produkt noch am Publikum gescheitert sind. Uns wurde durch den Ausfall zugesicherter Mittel schlicht der Boden entzogen. Das fühlt sich an, als würde jemand plötzlich den Stecker ziehen.

Radio 105 wurde dreimal zum «Radio of the Year» gekürt. Trotzdem mussten Sie immer wieder ums Überleben kämpfen. Was waren die grössten wirtschaftlichen Herausforderungen – jenseits der politischen Hürden?
Wir waren unabhängig, gehörten keinem grossen Medienkonzern an und hatten ausländische Partner. Das machte vieles schwieriger. Der Widerstand etablierter Player war spürbar. Man musste ständig kämpfen – auch wenn man erfolgreich war.

Nach dem Konkurs 2014 übernahm Roger Schawinski den Sender und taufte ihn um zu Planet 105 (später 20 Minuten Radio und heute Goat Radio). Wie haben Sie diese Phase erlebt – als Verlust oder als Rettung der Marke?
Für mich persönlich war das ein sehr schmerzhafter Moment. Es fühlte sich weniger wie eine Rettung an, sondern wie ein Verlust. Innerhalb kurzer Zeit gingen Hörer, Kunden und Mitarbeiter verloren. Das war schwer mitanzusehen.

Wie schwierig war es, die Markenrechte zurückzubekommen?
Dank meines langjährigen Vertrauensverhältnisses zu Alberto Hazan konnten wir offen sprechen. Wir waren uns schnell einig, dass 105 in die Schweiz zurückgehört. Dass wir nach all dem nochmals mit der Marke zurückkehren konnten, hat viele überrascht. Für mich war es ein emotionaler Moment.

«Der Schmerz über das, was aus unserem Sender geworden war, sass tief»

2015 starteten Sie mit My105 einen digitalen Neuanfang. Warum dieser Schritt – und nicht einfach damals schon auswandern?
Der Schmerz über das, was aus unserem Sender geworden war, sass tief. Gleichzeitig kamen unzählige Reaktionen von Hörerinnen und Hörern, die uns baten, nochmals anzutreten. Ein endgültiger Abgang hätte sich damals falsch angefühlt. Wir wollten selbst bestimmen, wie wir gehen – so wie jetzt.

Wenn Sie auf 30 Jahre zurückblicken – was haben Sie gelernt?
Dass Leidenschaft allein nicht reicht – aber ohne sie gar nichts geht. Dass Rückschläge Teil jeder echten unternehmerischen Geschichte sind. Und dass es sich lohnt, an eine Idee zu glauben, auch wenn viele sagen, sie funktioniere nicht. Am Ende zählt, ob man sich selbst treu bleibt.

Paola Libera war über 30 Jahre an Ihrer Seite – nicht nur privat, sondern auch als «Wegbegleiterin». Wie hat sie den Weg mitgeprägt?
Paola ist eine unglaubliche Kraft. Sie hat bei 105 vieles zusammengehalten – organisatorisch wie menschlich. Vor allem aber hat sie von Anfang an an mich und die Idee geglaubt. Selbst nach dem Konkurs hat sie nie den Mut verloren.

Nun verlassen Sie die Schweiz. Welchen Sender werden Sie in Italien hören?
Die Sender, die mich radiomässig sozialisiert haben: Radio 105 und Radio Deejay. Ich habe von diesen Sendern noch Kassetten aus meiner Jugend, aufgenommen in den Sommerferien.


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