27.09.2004

Landbote

Lothar Dostal im Interview

"Wozu braucht der Landbote Sacha Wigdorovits?"

Die Winterthurer Tageszeitung Der Landbote hat Sacha Wigdorovits' Contract Media mit einer Analyse beauftragt. Damit will man dem beträchtlichen Auflagenschwund, der unlängst überraschend bekannt wurde, entgegenwirken. "persoenlich.com" hat mit Lothar Dostal (Bild), Geschäftsleiter der Landbote-Herausgeberin Ziegler Druck- und Verlags-AG, gesprochen und dabei erfahren, inwiefern er am Beglaubigungsdebakel Mitschuld trägt, was es mit dem Widerstand aus der Redaktion auf sich hat und worüber man mit der Tamedia verhandelt. Das Interview:

Die Winterthurer Tageszeitung Der Landbote hat Sacha Wigdorovits' Contract Media mit einer Analyse beauftragt. Damit will man dem beträchtlichen Auflagenschwund, der unlängst überraschend bekannt wurde, entgegenwirken. "persoenlich.com" hat mit Lothar Dostal (Bild), Geschäftsleiter der Landbote-Herausgeberin Ziegler Druck- und Verlags-AG, gesprochen und dabei erfahren, inwiefern er am Beglaubigungsdebakel Mitschuld trägt, was es mit dem Widerstand aus der Redaktion auf sich hat und worüber man mit der Tamedia verhandelt. Das Interview:

Sie haben den Berater Sacha Wigdorovits damit beauftragt, den Landboten unter die Lupe zu nehmen. Was soll er für Sie finden?

Herr Wigdorovits ist Geschäftsführer der Contract Media Publishing AG. Wir haben ihm den Auftrag zu einer Analyse des Landboten und seines Marktumfelds erteilt. Auf diese Weise möchten wir das Fremdbild mit unserem eigenen vergleichen.

Besteht denn Anlass, hier Divergenzen zu vermuten?

Wir haben entgegen unserer bisherigen Überzeugung festgestellt, dass wir nicht an Auflage gewonnen, sondern verloren haben. Wir stehen mit diesem Problem zwar nicht alleine da, auch andere Regionalzeitungen haben damit zu kämpfen. Doch nun wollen wir überprüfen, ob beim Landboten Format, Inhalt, Distribution und Preisgestaltung mit den Leserbedürfnissen übereinstimmen.

Anlass für die Analyse ist demnach die Auflagenkorrektur, welche Sie nach einer Fälschung haben durchführen müssen?

Die Wachstumszahlen, die der damalige interne Verlagsleiter während der vergangenen drei Jahre vorlegte, haben nicht gestimmt. Dem tragen wir jetzt Rechnung. Hätten wir den Rückgang früher bemerkt, hätten wir schon eher reagiert.

Dass weder Verlagsleiter noch Chefredaktor noch sonst irgend jemand von der Fälschung gewusst haben soll, tönt nicht sehr glaubhaft. Da könnte man auf die Idee kommen, der gekündigte Mitarbeiter sei ein Bauernopfer.

Das ist falsch. Der Mitarbeiter ging, bevor die Fälschung entdeckt wurde.

Umso besser...

Der besagte Verlagsleiter war seit fünfzehn Jahren im Unternehmen. Es bestand kein Grund, seinen Zahlen zu misstrauen.

Trotz einer Abweichung von zwanzig Prozent?

Wenn dieser Verlagsleiter pro Jahr ein Wachstum von 2000 Exemplaren ausweist, wir in Wirklichkeit aber 2000 verloren haben, dann sind wir schon nach zwei Jahren bei der heutigen Abweichung. Und 2000 weniger sind nicht so dramatisch, das bemerkt man auch bei den Einnahmen nicht sofort. Sobald wir aber vermuteten, dass etwas nicht stimmt, begannen wir, nach der Ursache zu forschen. Price Waterhouse Coopers untersuchte in der Folge, ob mehrere Personen am Betrug beteiligt gewesen waren, welche finanziellen Auswirkungen er hat und wie wir solche Vorkommnisse künftig verhindern können. Alle Antworten wurden der Wemf und der Bezirksanwaltschaft weitergereicht. Wir haben also keinen Bauern geopfert, sondern den Grund für die Abweichungen gefunden. Als erste Konsequenz der Untersuchung liessen wir eine Zwischenbeglaubigung durchführen. Zweitens analysieren wir jetzt, inwiefern wir unser Produkte verändern müssen, um vermehrt auch für die jungen Winterthurer unverzichtbar zu werden. Dies ist das Segment, in dem wir vor allem verloren haben.

Können Sie etwas zu den finanziellen Konsequenzen der Falsch-Beglaubigung sagen?

Es gibt keine. Denn der Werbetreibende kauft gelesene Exemplare, nicht gedruckte. Und die Reichweite wird ja bekanntlich unabhängig von der Auflage erhoben. Diese Zahlen haben denn auch immer gestimmt.

Immerhin hat sich der Pickup-Wert jetzt wohl einiges erhöht?

Nicht wesentlich. Der lag immer um 1.7 und ist nicht stark gestiegen.

Sie sind Geschäftsleiter der Ziegler Druck. Wie gross schätzen Sie Ihre Mitschuld ein?

Aufgrund meiner Funktion trage ich die Verantwortung. Ich hätte früher darauf kommen müssen, dass etwas nicht stimmt. Ich habe dem Verlagsleiter zu viel Vertrauen geschenkt, darin besteht meine Schuld.

Wigdorovits' Einsetzung erfolgte offenbar gegen den Willen Ihres Chefredaktors Rudolf Gerber. Muss er das als Misstrauensvotum verstehen?

Nein. Wigdorovits war mal Redaktor beim Landboten und kennt von da her unsere innere Redaktionsstruktur. Zudem kennen die Mitarbeiter der Contract Media verschiedene andere Regionalzeitungen sowie auch 20 Minuten. Und sie haben sich sehr stark mit den jüngeren Lesern auseinandergesetzt. Dies sind die Gründe, weshalb der Verwaltungsrat und ich Wigdorovits’ Firma beauftragt haben. Dass Rudolf Gerber mit dem Vorschlag nicht so glücklich war, hat wohl auch mit früheren persönlichen Animositäten zu tun, die jetzt aber ausgeräumt sein sollten. Die Redaktion hat signalisiert, dass sie sehr aktiv mitwirken wird; sie ist bereits stark in die Ist-Analyse eingebunden. Und bevor wir Schlüsse ziehen und Massnahmen einleiten, werden Chefredaktion und Redaktion beigezogen, um gemeinsam Lösungen zu erarbeiten.

Es erwartet die Leserschaft demnach schon bald ein ganz anderer Landbote?

Die Leser der BaslerZeitung bekommen heute auch ein ganz anderes Blatt. Wir werden überprüfen, was bleibt und was anders gemacht werden muss.

Welche Fristen haben Sie sich gesetzt?

Die Analyse muss bis Ende Oktober abgeschlossen sein, was zugegebenermassen schnell ist. Wir haben jedoch mindestens zwei Jahre mit falschen Zahlen versäumt.

Stimmt es eigentlich, dass Kooperationsgespräche mit der Tamedia laufen?

Nein. Im Moment reden ja alle miteinander. Wir prüfen, wie wir unsere Drucksituation in den kommenden Jahren gestalten wollen und ob Tamedia, NZZ oder die Druckerei Oetwil ein möglicher Druckpartner sein könnte.

Die Ziegler Druck wird somit schon bald ein paar Maschinen verkaufen müssen?

Es ist absehbar, dass wir uns in zwei Jahren nicht mehr mit Zeitungsdruck beschäftigen.


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